1. Reise nach Kabul 7.2000)

Von Ende Juni bis Ende Juli hielt ich mich privat in Kabul auf. Reisestationen waren: Dubai, Islamabad, Peshawar. In der Deutschen Botschaft Islamabad fand ich sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg weit offene Türen für meine Afghanistanmission.

Sehr beeindruckt war ich vom Besuch der Exil-Amani-Oberrealschule / Peshawar (in einem Mietshaus in der University Town). 23 Lehrer - unter ihnen manch ehemaliger Schüler von mir - unterrichten in den Klassen 1 - 12 ca. 600 Jungen. 25% von diesen lernen Deutsch als Fremdsprache. In einer eigenen Grundschul-Abteilung unterrichten 9 Lehrerinnen ca. 90 Mädchen. Diese Schule erhält keinerlei Unterstützung von der pakistanischen Regierung. Oft ist es den Flüchtlingseltern kaum, z.T. gar nicht möglich, das Schulgeld zu bezahlen. Es beträgt je nach Klassenstufe 100-150 Rp (3,85-5,77 DM) pro Monat. Ein Lehrer verdient maximal 46 DM, das reicht gerade für seine eigene Miete. Ob bei meinem nächsten Besuch die von der Dt. Botschaft in Islamabad für diese Schule erwogene Hilfe schon in die Tat umgesetzt werden konnte?

In 12 Stunden lege ich den Weg Peshawar - Kabul zusammen mit einem Letten und einem Japaner zurück. Bis zur Grenze sitzt ein mit Kalashnikow bewaffneter Polizist mit uns im Taxi. Ab Darunta markiert eine einzige Staubschlange die von überladenen LKWs, Bussen und Taxis "berumpelte"Buckelpiste.

Kabul soll jetzt wieder 2,2 Mio. Einwohner beherbergen. Wo? 2/3 der afgh. Hauptstadt liegen immer noch in Trümmern. Kampfspuren, Armut überall. Ich kann bei Dr. Schwittek (COFAA) in Shar-e-Nau wohnen. Hier gibt es sogar fließend Wasser und Strom! Der Geldbasar südlich vom Kabulfluss ist nur mühsam erreichbar. Menschen, Menschen! Es wird viel gebettelt. Der Wechselkurs ist 30.000Afs = 1 DM. Später muss ich zum Abtransport der Geldbündel für die Spendenaktion - in zwei Etappen - meinen Tramperrucksack und einen Koffer mitbringen. Die Läden sind mit Importwaren angefüllt (UHU-Stic aus Deutschland, Süßigkeiten aus dem Iran, Briefumschläge aus Schweden). Die Post funktioniert. Ein Luftpostbrief wird für 16,6 Pf in 9 Tagen nach Deutschland befördert. Ein Fladenbrot kostet 4000 Afs = 13 Pf.

In der Deutschen Botschaft herrscht die längst pensionierte Frau Salimi als Liegenschaftsverwalterin über die Schar der inzwischen ergrauten Angestellten. Für ihr Ausharren in Kabul wurde die resolute Dame mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. - Auf dem Botschaftsgelände gab es viele Raketeneinschläge; die Japanische Botschaft nebenan sieht trostlos aus. Sie ist völlig demoliert.

Zunächst stelle ich den FAOK bei verschiedenen Instanzen im Erziehungsministerium vor. Mit einem Schreiben vom 16.07.2000 erhalte ich die Anerkennung unserer Hilfsorganisation, die ausdrückliche Zustimmung zu den verschiedenen Aktivitäten des FAOK, sowie die Zusage des Ministeriums, notwendige Erleichterungen für unsere Arbeit zu schaffen.

Es ist mir möglich fast täglich Gelände und Gebäude der Amani-Oberrealschule zu betreten, den Unterricht zu besuchen sowie die 4 1/2 Monatsprüfungen mitzuerleben.

Die Amani-Oberrealschule - auf dem 71200 qm großen Areal des alten Kabuler Flugplatzes erbaut und 1971 eingeweiht - sieht von aussen fast so aus wie in den siebziger Jahren. Aber innen ist sie arg mitgenommen. Die Spuren des Bürgerkrieges mit Raketeneinschlägen, Feuer, Plünderungen werden wohl nie mehr ganz beseitigt werden können. Durch das bereits jahrelang währende Engagement der Bauabteilung des Deutschen Medizinischen Dienstes (GMS) konnte sie wieder benutzbar gemacht werden. Während meines Besuchs wird das Dach der Eingangshalle und des Lesesaals mit einem flachen Pappelholzgiebel versehen. Er bildet die Grundlage für eine Blechabdeckung (Rohmaterial aus der Ukraine). Im Verwaltungstrakt sind die Schreiner dabei, Fenster und Türen zu erneuern. Die Deutsche Welthungerhilfe (GAA) hatte schon früher bei den Sportplätzen Latrinen errichtet. In der Schreinerschule des GMS auf dem Djeschengelände entstanden Schulbänke und -Tische. Ohne den Einsatz der Custodin der Deutschen Botschaft, Frau Salimi, wären diese ganzen Arbeiten auf der Basis von 'food for work' allerdings nicht möglich gewesen.

Schon bald lerne ich den Schulleiter, Mawlana Moh. Yunos Seddiqi, kennen und finde bei all meinen Aktivitäten seine volle Unterstützung. Gestalteten sich die Kontakte mit der Schulleitung freundlich, so sind sie mit den afghanischen Kollegen (darunter viele meiner ehemaligen Schüler) ausgesprochen herzlich. Besonders freudig ist nach 21 Jahren das Wiedersehen mit Herrn Ahmad Shah Khan.

Auf einem Stuhl stehend begrüße ich die im "Gymnasium" versammelten Schüler bei meinem ersten morgendlichen Besuch. In den folgenden Wochen wird der Kontakt zu den klugen, interessierten Jungen immer intensiver. Unter ihnen sind Behinderte, die zum Teil jahrelang in Deutschland kostenlos medizinische Behandlung erhalten hatten. Wir unterhalten uns auf Deutsch, Dari, z. T. auch Englisch.

Neben den 12 Deutsch-Klassen der Stufen 7 bis 12 gibt es auch vier Englisch-Klassen (12b, 10b, 9c und 8c). Diese Schüler kamen fast alle vom Lycee Ghazi. In den fünf 7. Klassen sind nur Deutsch-Anfänger. Die DaF-Lehrer, Herr Ahmad Shah Khan und Herr Abdul Qayum Khan müssen den gesamten Deutschunterricht meistern. Sie geben sich allergrößte Mühe.

Die Regale des Direktorzimmers sind mit deutschen Büchern "geschmückt". Hier stehen in bunter Reihung z.B. Hegel: Sämtliche Werke 16 (Philosophie der Religion II) neben Heinz Straub: Die Spanische Galeone, Siegfried Lenz: Das Vorbild, Theodor Heuss: Von Ort zu Ort u.s.w.. 130 Bände hatte Herr Ahmad Shah Khan aus dem Basar als "im Lesesaal gestohlen" wieder zurückholen können.

Ich bringe- neben pakistanischer Tafelfarbe aus Peshawar - Musterexemplare eines 4-bändigen LEU-Unterrichtswerkes für die Förderung in Deutsch mit. Der Leiter der Deutschabteilung der Universität Kabul, Herr Professor Gholam Dastagir Behbud, will dafür Deutsch-Dari Glossare schaffen. Spendengelder (incl. der FAOK-Mitgliedsbeiträge) ermöglichen mir die Unterstützung von 93 jetzt oder zuvor an der AOR tätigen Hilfsbedürftigen (ca. 50 sind augenblicklich als Lehrer tätig, 12 Lehrerinnen und 4 Dienerinnen wurden vor wenigen Monaten entlassen). Aus politischen Gründen sind Patenschaften und Geldgaben nicht möglich. So organisiere ich mit Hilfe des Direktors eine Naturalienspende.

Jede Person quittiert im Schulgebäude am 19.07.2000 den Erhalt von

50 Kg Reis,
5 l Speiseöl,
5 m Baumwollstoff für Hemd und Pluderhose.
Freude und Dankbarkeit sind übergroß.

An einem Morgen stehen die Schüler wieder wie üblich in Klassenblöcken beim Morgengebet vor der Schulmoschee.Anschließend kann ich jeweils dem Klassenbesten der Gymnasialklassen einen 'worldcup'-Fußball überreichen. Später erhalten alle 1830 Schüler je 2 iranische Schreibhefte. Weitere liegen als Preise für besonders gute Leistungen bereit.

Einen Herzenswunsch gaben mir die Amani-Schüler in Kabul mit auf den Heimweg: Fußballkleidung für die Schulmannschaft.

Die ärgste (Hungers-)Not wird voraussichtlich auch in Zukunft durch "food for work"-Mehlzuteilungen an die in der Schule Arbeitenden behoben. Das wurde unlängst von zuständiger Seite zugesagt. Aber Lehrer und Schüler der AOR brauchen noch mehr. Es fehlt vor allem an geeigneten Lehrbüchern (ohne Fotos), an Sprachkassetten und Kassettenrekordern. Es fehlt die Grundausstattung für alle naturwissenschaftlichen Fachräume und Sammlungen. Eine Lehrerhand-, eine Schülerbibliothek sollten eingerichtet werden. An Informatik-Unterricht wird wohl noch lange nicht gedacht werden können, denn es fehlt nicht nur an der Wasser- und Abwasserleitungen. Die Schule ist auch ohne Elektrizität.

Wie ist die Situation an anderen Gymnasien Kabuls?

· Lycée Isteqlal: Die einstmals sehr aparten, modernen Schulgebäude sind in schlechtem Zustand. Am 18.07.2000 informiert mich der Direktor:Alle ca.3000 Schüler lernen als Fremdsprache ausschließlich Französisch. Bis 1998 arbeiteten am Lycée Istqlal ein französischer Lehrer und eine französische Lehrerin. Die Schule wurde von Frankreich mit Mehlspenden und Bargeld für die Lehrer, Lehrbüchern für die Schüler unterstützt. 600 Tische und Stühle wurden repariert bzw. im Basar neu gekauft. Jetzt gibt es kein Geld mehr. Während der Prüfungen sitzen die Schüler in der Eingangshalle auf dem Boden.

· Lycée Ghazi, früher "Domäne" der Briten, besuche ich am 02.07.2000. Im weiten, öden Gelände lagern zu Haufen aufgeschichtete geputzte Abbruchbacksteine. In der Restruine erhalten noch 700 Schüler Unterricht. Allerdings sollen diese Ghazi-Gymnasiasten am kommenden Tag in landesüblich hergerichtete Klassenräume des ehem. Lycée Rabia Balkhi umziehen - ein Schul-Torso inmitten gespenstischer Ruinenfelder, ohne Wasser, ohne Strom.

· Die Turkiye Ariana High School (eine von 6 im Islamischen Emirat Afghanistan) befindet sich auf dem Gelände und zum Teil in Gebäudeteilen der ehemaligen Nedjat-Oberrealschule (die alten Marmortafeln neben dem Eingangsportal sind noch gut leserlich). Der Garten, Bagh-e-Alam Ganj, gleicht einem kleinen gepflegten Park mit alten Bäumen und vielen Blumen. Der kultiviert wirkende, sehr höfliche türkische Leiter führt mich am 02.07 2000 bereitwillig durch die ganze Anstalt. Die Schule ist noch im Aufbau begriffen. Bisher besteht sie aus 7 Klassen der Klassenstufen 7 und 8. Die afghanischen Jungen tragen Schuluniform und verhalten sich diszipliniert wie Kadetten. Am Anfang wurden aus 6100 Bewerbern nur 100 Schüler ausgewählt. Unter den 20 Lehrern sind 6 Türken. Der ehemalige Chemiesaal der Nedjat-Oberrealschule, in dem ich auch lange Jahre unterrichtet habe, ist jetzt mit Teppichboden ausgelegt. Ein afghanischer Informatiklehrer ist hier Herr über 11 Computer. Der naturwissenschaftliche Laborraum ist noch im Bau, ebenfalls ein Erweiterungstrakt am Kabul-Fluss. Ein kleines Nebengebäude entpuppt sich als blitzblanke Schulküche. Sehr sauber sind auch die Toilettenräume. Die Lehrergehälter werden von den Donatoren einer afghanisch-türkischen NGO (Non-political Turkish Educational Foundation) bezahlt.

· In den Gebäuden des Lycée Jamhouriat befindet sich jetzt eine Madrassa. In diesem berufsbildenden Frauengymnasium hatte meine Frau früher unterrichtet.

Ausser an der Amani-Oberrealschule wird Deutsch noch an der Technischen Schule und an der Kunstschule unterrichtet.

Ich besuche auch einige der 13 Kabuler Moscheeschulen, die COFAA unterstützt. In ihnen werden etwa 7000 Mädchen und ebenso viele Jungen im Heiligen Koran, Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet. Mit dem Stock in der Hand steht der Lehrer gebieterisch neben der grauen Tafel, die an der Lehmmauer lehnt. - Bei der nachmittäglichen Fortbildung der Lehrer und Mullahs wirkt ein AOR-Lehrer als Dozent mit.

In meiner "Freizeit" lerne ich deutsche medizinische Hilfe kennen. Im 'Kabul Peace House',im Wazir Akbar Khan Krankenhaus,im Indira Gandhi Children's Hospital, im Hospital Chak-e-Wardak, im Maidan- Hospital kann ich Sprechstunden, kleinen Operationen und Visiten beiwohnen.

Dr. Schwittek lässt in Deh Sabz, nördlich vom Kabuler Flugplatz, gegen Kredit 32 Brunnen bohren, damit die Lebensgrundlage der Rebbauern während der schlimmsten Trockenheit seit 30 Jahren nicht verdorrt. Hier bin ich nur ca. 20-25 Km von Shah Mahsuds Kämpfern entfernt. (Während bei Charikar neue Minenfelder angelegt werden, bemüht sich Mario, ein ehemaliger Ostberliner Volksarmee-Offizier, in anderen Teilen des Landes mit Schäferhunden um Minenräumung.)

Ein Juma-Ausflug führt mich am völlig ausgetrockneten Kargha-Stausee vorbei nach dem fast nur aus Ruinen bestehenden Paghman. Aber die Bergkette, das in sie hineinführende Tal sind immer noch begeisternd schön.

Bei dem Besuch im Kabuler UNICEF-Büro bemühe ich mich mit einem Bittbrief um Unterstützung für die AOR.

Gegen Ende meiner Zeit in Kabul halte ich in der Mehrzweckhalle der AOR noch eine Deutsch-Fachkonferenz ab. - Bei meinem Abschied wird mir ein dankerfülltes, segnendes "Choda Hafez' mit auf den Heimweg gegeben.
Im weißen Schaukasten am Schuleingang verheißt ein Spruch: 'Doing good to others brings good luck.' Spender für den FAOK können reichlich 'good luck' erwerben... (Spendenkonto: FAOK, Sparkasse Markgräflerland, BLZ 68351865, Konto-Nr. 8126500).

P.S.: Vor Wintereinbruch möchte ich (privat) in Kabul noch einmal eine Lebensmittelspende des FAOK an der AOR organisieren. Dafür benötige ich dringend Ihre finanzielle Hilfe.