2. Reise nach Kabul (27.11. - 20.12.2000)
- 1. Einleitung
Unter mir liegt die braun-bizarre Gebirgslandschaft des südlichen Iran. Der Airbus ist auf dem Flug von Dubai nach
Frankfurt/M. Meine deutsche Nachbarin: "... Ah, aus Afghanistan! Gestern bei der Tee-Einladung des Deutschen Botschafters
in Islamabad war auch Frau Salimi aus Kabul. Sie berichtete, dass dort ein Landsmann Lebensmittel verteilt habe."
- 2. In die Northwestern Frontier Province
Im Gegensatz zum Sommer fliege ich am 28.11. von Dubai direkt nach
Peshawar. In der Ferne glänzt das Silberband des Indus im Morgenlicht. Bald kreist die Maschine über der Stadt und dem
dicht besiedelten Umland. Wir landen 15 Minuten zu früh in Peshawar. Der Ramazan hat begonnen. Eine motor rickwhaw
bringt mich zu dem mir bekannten Gästehaus in der University Town.
- 3. Wie komme ich weiter nach Kabul?
In der Morgenzeitung ein großes Farbfoto: "Hundreds of Afghan refugees wait at
Torkham to enter Pakistan on Wednesday." ... "In mid-November two people died, one of them a small child, trampled beneath a mob
of thousands who stormed the gates when they were briefly opened to let in travellers with visas... Pakistan border guards beat them back."
Zu Fuß allein da rüber - gegen den Strom - mit meinem schweren Gepäck, Geld und Wertsachen? Auf der Suche nach
einer Mitfahrgelegenheit gerate ich zufällig zum Mine Detection & Dog Centre (MDC) Afghanistan. Ein unsagbares Glück wird mir zuteil!
Eigens für mich wird vom Liaison & Finance Manager ein Auto aus Kabul herunterbeordert. (In Kabul dachte man, ich sei ein Minister.)
Zeitig am nächsten Morgen holt mich der MDC-Wagen von meinem Quartier ab. Die drei mitfahrenden Afghanen - unter ihnen der Leiter des Minensuchhunde-Trainings -
reichen zu meinem Schutz allerdings nicht aus. Am Checkpoint hinter Fort Jamrud müssen wir umkehren. Von der Khyber Political Agency bekomme ich eine Stunde später
einen bewaffneten pakistanischen Polizisten für die Fahrt durch die Tribal Area mit. Der Taliban-Passbeamte in Torkham erkennt mich
freudig wieder.
Dann saust Bassir los. Der Nissan Patrol ist gut gefedert und hat martialische Yokohame-Profilreifen. In der Wüstensteppe wiederholt Lastkamele, dahinter
die verschneite Kette des Spin Ghar. Über der grünen Oase mit den Blumenkohlfeldern leuchtet das Weiss des Kashmund. Vor einer Kaserne östlich
Jalalbad sitzen Taliban-Soldaten in neu wirkenden Uniformen. Frisches Saatgrün an manchen Stellen. In der oberen Tang-e-Gharu säumen
Eisränder den Kabulfluss. Die Kraftwerke Sarobi, Naghlu (angeblich auch Mahipar) arbeiten. Das Minar-e-Chakri ist nicht zu sehen. Wie ich später
einem Foto entnehme, wurde es weitgehend zerstört. Die Paghmankette ist leicht "bezuckert".
- 4. Quartier
Man hatte mir bereits in Deutschland geraten, im Kabul Peace House zu wohnen. Nach neuem Taliban-Dekret dürfen Ausländer
jedoch nicht bei Afghanen logieren. Ich komme für die ganze Dauer meines Aufenthaltes wieder im COFAA-Haus in Shar-e-Nau unter.
Dafür bin ich dem Gastgeber, Dr. Schwittek, serh, sehr dankbar, zumal mein Gesundheitszustand nicht der beste ist.
(In der extrem trockenen Luft belasten die Hustenattacken mich nicht nur nachts.)
- 5. Atmosphärisches
Gleich nach meiner Ankunft beginne ich mit dem Verteilen der "Kurierpost". Ich kann mich ja überall frei bewegen, brauche mich nicht registrieren zu lassen. Bei Einbruch der
Dunkelheit gesellt sich in der Außenministeriumstraße ein Bub mit seiner Schubkarre zu mir. Plötzlich fragt er, ob ich
wieder Komak (Hilfe) geben würde und wegen eines Fußballs. Sie hätten nämlich im Sommer keinen bekommen. Er ist Schüler der 3. Klasse
der AOR! Bei unserem gemeinsamen Heimstolpern kommen wir bei einem Naanway vorbei. Für 4000 Afs, knapp 0,13 DM, erstehe ich ein frisches
Fladenbrot. Mein junger Begleiter beisst sofort rein. Sie Straßen sind jetzt wirklich sehr dunkel und fast menschenleer, obwohl die Ausgangssperre
erst um 21.30 Uhr beginnt. Nur aus einigen Dukanen schimmert mattes Licht. Kabul ist ein großes Dorf!
Das merke ich besonders, als ich am 7. Dezember vormittags bei Schneetreiben durch die einsamen Gassen zwischen den z. T. halb verfallenen
Lehmmauern von Sherpur stapfe. Ich komme mir vor, wie ein Wanderer zwischen zwei Welten: Sehr irdischen Schneematsch unter den
Schuhen - aber irgendwie entrückt. Eine dunkle Gestalt taucht auf. "Manda na bashi!", grüßt mich ein bärtiger Alter, drückt mir kräftig die Hand - dann stapft er
weiter. Nach einer Weile zwei ungleiche Silhouetten: Ein Kameltreiber mit seinem Tier. Es wird belebter. Einige kleine
Mädchen sprechen mich fröhlich kichernd wegen Geld an und folgen mir ein Stück weit. Dann kommt eine Bettlerin. ich gebe
ihr etwas. Darauf umringen mich am COFAA-Eingang vier blauverhüllte Gestalten. Eine Folge des Schneefalls: Ganz Kabul ist ohne Strom.
- 6. Was hat sich in Kabul seit dem Sommer verändert?
Im Großen und Ganzen nichts Wesentliches, Ich höre, die Armut habe zugenommen.
Im Büro des Chak-e-Wardak-Hospitals wurde der Geldtresor gestohlen. Die Taliban fanden ihn später aufgebrochen in den Bergen. Die Sicherheitslage soll
nicht mehr ganz so gut sein. Man fört von Übergrffen auf Frauen und Mädchen.
Zugenommen habe die Fremdenfeindlichkeit. Die Mullahs würden sie schüren. Die Ausländer sind zum Teil verunsichert.
Die Leitung des Koordinationsbüros der Deutschen Welthungerhilfe in Kabul hält sich aus Sicherheitsgründen vorläufig in Peshawar auf.
Seit geraumer Zeit findet eine Art Wxodus von ausländischen Experten aus Kabul statt. Mir wird von deutscher Seite dringend empfohlen, mich in diesen Tagen
bedeckt zu halten. Man fürchtet organisierte Gegendemonstrationen der Taliban bei Verdündung der Sanktionen. Auch von nahe
bevorstehenden Raketenangriffender Amerikaner wird immer wieder gesprochen.
Die Paschtunisierung schreitet langsam voran. Hazarah-Händler (wie unsere früheren Hausangestellten im Maidin-Bazar) gibt es schon seit Jahren nicht mehr.
Jetzt werden die tadschikischen Händler bedrängt.
In der Außenministeriumstraße lässt die Stadtverwaltung die gemauerten Gräben an den Gehwegen reparieren. Die Loma-Linda-Universität, Kalifornien, hat
in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Universität Kabul in Wazir Akbar Khan hinter der Amani-ORS begonnen, eine
ganz moderne medizinische Bibliothek (alle Texte auf CD-ROM) mit eigener Wasser- und Stormversorgung zu bauen. Derzeit nutzen ihre Arbeiter
allerdings noch den Tiefbrunnen der AOR. Der bärtige amerikanische Bauführer meint, das große Poblem hier in Kabul sei die Elektrizität.
Im Zentralpostamt kann man jetzt schnell und preiswert (50 Cents pro Minute) ins Ausland telefonieren. Ich nutze das einmal und rufe meine Frau
in Deutschland an: Nur DM 3,50 und eine bevorzugte Behandlung.
Zwei Buben erzählen mir, ihr Vater sei im Iran. Hier gäbe es keine Arbeit. Der afghanische Clubangestellte, der noch im Sommer
bedient hatte, wurde entlassen. Grund: Er habe seine Familie in den Iran gebracht und wollte auch dorthin. Ein Abiturient sagt mir, 90% seiner
Kameraden gingen nach dem Abitur weg. Nur 10% blieben und machten die Concours-Prüung an der Uni Kabul. Ein dt. Experte vertritt die Meinung, die
Situation im Land müsse für die Afghanen erträglich gestaltet werden, damit sie hier bleiben würden. Er will u.U. wieder eine Mathematik-Vorlesung
an der Uni halten und plant, Kühlhäuser für landwirtschaftliche Produkte gegen Kredit zu bauen. Mit der Anlage von Brunnen zur Rebbewässerung
hatte er bereits großen Erfolg.
- 7. Die Amani-Oberrealschule
- scheint für einen flüchtigen Betrachter fast wieder wie früher zu sein. Auf einem zweistündigen Rundgang zeigt mir
Br. Gerolf vom German Medical Service (GMS) die immensen Renovierungs-Fortschritte der letzen Monate. Ich bin sprachlos über die Aufbauleistung, die
hier inzwischen mit landesüblichen Mitteln unter Aufbietung aller Kräfte geleistet wurde. Sämtliche Dächer sind nun repariert. Auf den niedrigen Gebäuden blinken
die Zinkblechabdeckungen in der Sonne. Die vom GMS angestellten afgh. Schreiner haben 4880 qm neue Holzdecken und neue Holzwände eingezogen . Bis Weihnachten
sollen auch die letzten vier Räume noch renoviert sein. Alle Fenster und Holztüren sind fertig. Die Fenster sind mit Plastikfolie isoliert. Die graugestrichenen Holztüren
haben schwarze Griffe und silberfarbene Schieberiegel. In meinem Beisein werden die Einschüsse an der Blechtür des Turnhallenventilatorraumes zugeschweisst.
In der Turnhalle wird bereits wieder Korbball gespielt.
An der Umfassungsmauer wird derzeit wegen der niedrigen Temperaturen nicht weiter gemauert. Sie soll im Frühjahr fertiggestellt werden. - Man kann es kaum glauben, was
Br. Gerolf - in Zusammenarbeit mit Br. Schorsch und allen ihren Helfern - aus der Ruinenschule hat wieder auferstehen lassen! (Frau Salimi berichtet von einem Besuch des
französischen Chargé d' Affairs im November und seinem großen Lob über die hervorragende Aufbauarbeit.). Fazit: Generell ist die Grundrenovation der Amanischul-Gebäude abgeschlossen.
- 8. Meine Aktivitäten in der Amani-ORS
Der Direktor, alle Lehrer und Angestellten freuen sich sehr über mein Wiederkommen. Von überall eilen sie mit strahlenden
Gesichtern zur herzlichen Begrüßung herbei. Ich muss viele Hände schütteln. Den Schülern winke ich zu. Manche sprechen mich persönlich an. Einer fehlt: Der junge Taliban-Rektor mit dem
schwarzen Turban. Er heiratet z. Z. in Peshawar. (Dort gibt es Tanz und Musik beim Hochzeitsfest.)
Endlich kann ich mein Gepäck erleichtern. Hatte ich doch mehr als 18 kg Bücher etc. als Geschenke mitgeschleppt (Duden, Klett-Grammatik-Heft, zwei Dutzend Lehrbücher "Wie lernt man Deutsch?"
(Said Ali Akbarie), zwei PONS-Basis-Wörterbücher, Musterprüfungsaufgaben für den Deutschunterricht, 12 LEU-Sprachkassetten, ein vom Kollegen Rack verfasstes Mathem.-Naturwiss. Wörterbuch
Deutsch-Dari, Biologie einfach-anschaulich, ein Kurspapier über anorganische Chemie auf Dari und eine "Kleine Infektionslehre" (des Nedjat-ORS-Absolventen Dr. Ahmadjar).
Es ist wenige Tage vor Schuljahrsende. (Krankheitsbedingt konnte ich nicht früher kommen.) Die Jahresschlussprüfungen haben begonnen. Die Schüler sitzen zum Teil in langen Reihen auf dem Hof
in der wärmenden Wintersonne. Auch in den mit Folienfenstern versehenen Räumen ist es warm. Verschiedene Lehrer zeigen mir die Resultate der Spitzenschüler. Die Siebtklässler sind stolz, dass sie
Deutsch lernen. Ein Abiturient berichtet mir von seinem Studienwunsch der Medizin.
Mit den beiden Deutschlehrern, Herrn Ahmad Shah Khan und Herrn Abdul Qayum Khan sowie Herrn Professor Dastagir Behbud halte ich wieder eine Deutsch-Fachkonferenz ab - diesmal im Direktorzimmer.
(Dort steht ein Blechofen der mit den Holzabfällen der Schreiner geheizt wird. Das Ofenrohr geht durch eine Blechabdeckung zum Fenster hinaus.) Ich informiere vor allem über die LEU-Deutschbücher. Man ist
sich einig, dass 2 Deutsch-Stunden pro Woche zu wenig sind. Das Erziehungsministerium hat auf Anfrage bereits geantwortet: "Wenn die Leitung der Schule sich einsetzt, ist es möglich 3 Wochenstunden
Deutsch zu geben." (Vom Lycee Isteqlal wurde mir berichtet, dass dort bereits 3 Wochenstunden Sprachunterricht üblich sind. Die Lehrer dort sind alle Afghanen. Ein Kollege aus Frankreich möchte im
nächsten Schuljahr wieder nach Kabul kommen, hat aber in diesem Zusammenhang große Schwierigkeiten mit seiner eigenen Regierung.) Bei vermehrtem Deutschunterricht müsste an der AOR ein weiterer
Deutschlehrer unterrichten. An der Uni können pro Jahr bis zu fünf Studenten ausgebildet werden. Zur Zeit gibt es im 1. und 2. Studienjahr allerdings keine Deutsch-Studenten. Es fehlt die Motivation.
Professor Behbud hat die Idee der Gründung eines Kabuler Deutsch-Instituts und hat bereits einen Entwurf für einen deutschen Sprachkurs ausgearbeitet, den er vorlegt. Dieses Institut soll private
Sprachkurse für die deutschlernenden Amani-Schüler am Nachmittag anbieten. Englische Sprachinstitute schießen in Kabul zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. - Die Deutschlehrer klagen, dass die
derzeitigen Englischklassen die Schule spalten. Sie stören und sollten auslaufen.
Herr Ahmad Shah Khan hatte im Herbst mit Hilfe von Herrn Abdul Qayum Khan 10 Tage lang Bücher im Magazin (Tawal Khaana) geordnet und eine Liste für mich angelegt. Gemeinsam überprüfen wir
den Bestand an mathem. und naturwiss. Skripten. Ein Schüler und ein afgh. Ingenieur helfen mir beim Vermessen der Bodenlöcher in der Turnhalle. Diese haben erst vor kurzem vom GMS verschraubte
und innen angekettete Aluminiumabdeckungen bekommen.
Mit Br. Gerolf suche ich im Labor-Gebäude einen geeigneten zukünftigen Computerraum aus. Wir besprechen die Stromzuleitung. Der Direktor akzeptiert unsere Empfehlungen. - Eines Morgens kontrolliert
der Talibanpräsident für die Schulen in Kabul die Prüfungen. Nach dem üblichen Höflichkeitenaustausch spreche ich ihn sogleich wegen der Stromversorgung an. "Selbstverständlich! Kein Problem!" Die Direktion
will die von mir gewünschte schriftliche Beantragung beim Erziehungsministerium übernehmen. Erst Stromversorgung, dann Computerraumeinrichtung!
- 9. Vorbereitung der FAOK-Spendenaktion
Als Lebensmittelspende wird diesmal neben Mehl ( die Afghanen sind Brotesser!) mehr Speiseöl und vor allem Zucker gewünscht. Zunächst muss die Zahl der
Empfänger ermittelt werden. Es sind jetzt genau100 Hilfsbedürftige. Die Notwendigkeit einer Spende besteht dringend auch weiterhin, obwohl die Lehrer neuerdings ein Gehalt von ca. 10 US $ pro Monat erhalten. Als
zusätzlichen Empfänger will man mir noch einen Präsidenten des Erziehungsministeriums zuschustern. Auf mein kategorisches Ablehnen hin gibt man zu bedenken, dass uns diese Entscheidung sehr schaden könne.
- Ob denn die Frauen auch wieder dabei sein sollten? Hierauf bestehe ich.
Wie ist der derzeitige Umtauschkurs? Welche Qualitäten von Reis, Mehl, Zucker, Speiseöl werden bei den Großhändlern in den Bazaren angeboten? Alles muss ausgehandelt werden. Am folgenden Tag klingt z.T.
manches wieder anders. Der Zuckerverkäufer scheint ein Schurke zu sein. Der Direktor, Maulana Seddiqi und der Deutschlehrer Abdul Qayum Khan begleiten mich all die Tage unermüdlich nach Mandai, Baghe-Qasi ...
Der neue Zuckerhändler hatte früher auf der Technischen Schule etwas Deutsch gelernt. Der Reishändler möchte die Fotos vom Sommer haben! Im Basargewimmel begrüßt ein arbeitsloser ehemaliger Amani-Lehrer mich auf Deutsch.
Ein gut deutschsprechender Arzt (Herzspezialist), der jetzt bei einer UN-Organisation tätig ist, kreuzt mit dem Fahrrad unseren Weg.
Über Nacht ist der DM-Kurs angestiegen. Die Mengen müssen neu kalkuliert, die Preise neu festgelegt, die kostenfreie Lieferung per Kleinlaster organisiert werden. Zwischen Kabul-Fluss und Koh-e-Sher-Darwaza herrscht
ein unbeschreibliches Gedränge, Geschiebe, Gerufe. - Lastträger, Karren ,Karachis! "Koghaz, Koghaz ", tönt es. Auf einem Metalltablett balanciert ein Bub kleine rosa Röllchen.... Das Klo-Papier stammt aus China.
- 10. Verteilung der FAOK-Spende
5. Dezember 2000. Heute ist ein besonderer Tag! Das zeigt sich schon vor Sonnenaufgang: Malvenfarbenes Licht (wie es bereits Sir Fraser-Tytler beschrieb) überflutet die verschneite
Paghmankette. Später ordern wir im Geldbazar bei einem ehem. Amani-Schüler zum Superkurs von 1 DM = 31.824,- Afs Noten der Da Afghanistan Bank. Das ehemalige Dienstzimmer des deutschen Kollegiumsleiters wird zum Gelddepot als
1 Stunde später der Geldhändler in seiner Lederjacke (er besitzt auch zwei moderne Häuser) per Auto kommt und die 461.448.000,-- Afs bringt. Im Geldbazar soll es viele ehemalig Amani-Schüler geben.
Der Reishändler liefert als erster und stapft mit einem zum Sack gedrehten Wolltuch voller Geldbündel auf dem Rücken (immerhin 148 Millionen Afs) aus dem Raum. Weiterhin bewachen Herr Ahmad Shah Khan und ich Stunde um
Stunde - fröstelnd - den papierenen Schatz. Endlich werden draussen von einem Toyota-Kleinlastwagen die 200 Säcke Mehl (à 50 kg) aus den UAE stammend (billiger und besser als das Mehl aus Kaszachstan) abgeladen. Nachdem der
Beauftragte des Mehlhändlers sein Geld erhalten hat, beginnen wir mit der Lebensmittelzuteilung.
Jeder Empfänger bekommt zwei Säcke Mehl, einen Sack Reis, drei 5 l-Dosen pakistanisches Speiseöl. Den 50 kg Zuckersack müssen sich immer zwei Personen teilen. Meist kommen gelb-weisse Taxis auf den Schulhof gefahren, um die
Säcke und Dosen abzutransportieren. Auch ein Eselskarren findet sich ein. - Wir schaffen an diesem Nachmittag nur etwa die Hälfte. Der weißbärtige Physiklehrer wartet eigens am Tor, um sich bei mir mit kräftigem Händedruck zu bedanken.
- In der folgenden Nacht schläft der afghanische Direktor in der Schule. Er will höchstpersönlich die verbliebenen Schätze bewachen. Ob er eine Kalaschnikow im Schrank hat?
Am kommenden Mittag ist ein verzweifelter Lehrer der erste Empfänger. Krank - muss er für Frau und drei Töchter sorgen, die alle nicht arbeiten dürfen. Die Chaadari-Frauen warten bereits als dichtgedrängte Gruppe auf dem Hof. Plötzlich
kommen sie als blaue Phalanx murmelnd auf mich zu, kreisen mich halb ein und bedanken sich herzlich. Später zeige ich ihnen bei der Lebensmittelverteilung ein Foto meiner Frau. Da meint eine ehemalige Lehrerin, sie kenne meine Frau, schlägt
unversehens ihren Schleier hoch und zeigt mir ihr strahlendes Gesicht - ungeachtet des Taliban-Direktors und zahlreicher afghanischer Männer. - Einige Wartende versuchen, unberechtigt die wertvolle Spende zu ergattern... - Am nächsten Morgen
(7. Dezember) fällt der erste Schnee in Kabul.
- 11. Kontakte ausserhalb der Amani-Oberrealschule
Dankbar bin ich für die vielen Informationen, die ich anlässlich meiner Besuche beim GMS von den tatkräftigen und erfahrenen, bescheidenen Mitarbeitern und ihren ausländischen Gästen erhalte.
Zusammen mit einem deutschen Arzt und einem deutschen Krankenpfleger (beide Hammer Forum) nehme ich an einem festlichen Abendessen im Kabul Peace House teil. Hier wohnen 25 meist schwerbeschädigte Amani-Schüler, die früher in
Deutschland behandelt wurden. Ein Math.-Phys.-Lehrer ,der am Lycée Isteqlal unterrichtet, gibt mir die ihm im Sommer geliehenen Skripten zurück. Er spricht sehr gut Deutsch und will im nächsten Schuljahr an die AOR überwechseln.
Immer wieder suchen mich ehemalige AOR- Schüler auch Professoren der Kabuler Uni in meinem Quartier auf. Umgekehrt besuche ich drei Fakultäten (Fremdsprachen, Schöne Künste, Wirtschaftswissenschaften) auf dem Universitätsgelände
von Aliabad. Die vielen MDC - Aufschriften künden davon, dass die zahlreichen Minen geräumt wurden. Die beiden von mir besichtigten Gebäude sind neu hergerichtet. Sogar neue Glasscheiben gibt es. Dagegen fehlen nun schon sechs Jahre Wasser und Strom.
Besonders nett und informativ verläuft mein unangekündigter Besuch im 'Ariana Afghan Turkiye Lisesi' in Bagh-a-Alam-Gandj. Zunächst verharre ich vor der grauen Marmortafel links vom Eingang zu meiner alten Wirkungsstätte in einer Schweigeminute für
die inzwischen verstorbenen deutschen und afghanischen Kollegen der Nedjat-Oberrealschule. Der türkische 'principal' weilt augenblicklich in seinem Heimatland. Vom Stellvertreter, dem Direktor des Sprach- und Computer Training Zentrums, erfahre ich, dass
seine NGO (ATCE) jetzt als erste ausser drei oder vier anderen von der türkischen Regierung anerkannt worden sei. Ankara habe seine Einstellung gegenüber den NGOs geändert. Er vertritt die Meinung , wenn die UN in Zukunft die Taliban-Regierung anerkennen,
'than a rush will come and many highly educated people will be needed!' Herr Fethullah Karakoc zeigt mir das Computer-Labor mit 10 Schüler-Computern (in Pakistan gekaufte Philips PC) und will mir bei einer eventuellen Anschaffung für die AOR gerne behilflich sein.
Er kann etwas Deutsch. Hatte er doch früher einmal drei Jahre mit seinen Eltern zusammen in Essen gelebt. Natürlich tauschen wir - wie stets - Gastgeschenke aus. Zum Schluss werde ich gebeten, mich erneut ins Gästebuch einzutragen.
Mehrfach suche ich im Kanzleigebäude der Deutschen Botschaft die unermüdlich aktive Frau Salimi auf. Ihr Informationen über die aktuelle Lage in Stadt und Land sind mir sehr nützlich. Ihre Fürsorge tut dem "kranken Mann" gut. Bei ihr deponiere ich auch
über den Winter zwei neue Cassettenrecorder für den Deutschunterricht an der AOR. - Den krönenden Abschluss bildet ihre Einladung in die Residenz. Aus der Teestunde wird ein dreistündiger intensiver Gedankenaustausch zusammen mit drei Schweizer Besuchern.
Während ich am darauffolgenden Tag mit einem Wagen des I.C.R.C. zum Flugplatz fahre, besucht der Leiter der schweizerischen Mission, Herr Bucherer-Dietschi, die Amani-ORS und ist sehr beeindruckt: "Es muss dort unbedingt weiter gehen!"
- 12. Pläne für die Zukunft
Die Pläne der Taliban werden mir vom Direktor übermittelt.
· Der zur Zeit in Kandahar weilende 1. Stellvertretende Erziehungsminister sei sehr erfreut, dass ich wieder da sei.
· Ich sei zu kurz da. Das nächste Mal solle ich länger bleiben (man hatte mir am 6.11.2000 ungewollt ein 6-Monats-Visum erteilt).
· Ich solle doch das nächste Mal meine Frau mitbringen.
· Wir könnten bei Bagh-e-Bala in dem Hotel (Intercontinental) wohnen.
· Der 1. Stellvertretende Erziehungsminister hätte am liebsten wieder ein deutsches Direktorat und mehrere deutsche Fachlehrer an der Amani-ORS.
Im Prinzip ist die Wunschvorstellung des Erziehungsministeriums natürlich richtig. Nachdem die Phase I, Grundrenovation ,durch den GMD generell abgeschlossen ist, muss jetzt die Phase II, Innerer Aufbau der Schule, beginnen. Diese wird wohl nur bei deutscher Personalpräsenz
und vertraglichen Abmachungen (z.B. bezüglich der Lehrer-Auswahl) erfolgreich sein können, zumal bewegliche Wertgegenstände, wie Bücher, Sportgeräte, naturwissenschaftliche Lehrgeräte, Mikroskope, Computer, ..... beschafft werden müssen, die in voller Zahl funktionsfähig erhalten
bleiben sollten. Vordringlich müsste der Deutschunterricht quantitativ und qualitativ verbessert werden. Das würde mindestens eine DaF-Fachkraft sowie den Ausbau der Deutschabteilung, die Unterrichtsergänzung eines Kabuler Deutsch-Instituts (s.o.) erfordern.
- 13. Bedrohliches
Ich führe in Begleitung zweier Taliban Kaufverhandlungen in einem Dukan an der Pul-e-Keshti. Zwei Männer mit ganz, ganz eng gewundenem schwarzen Turban, darunter stechende schwarze Augen, kommen in den Laden. Es sind Araber. Ohne zu warten,
verlangen diese herrisch fordernd sofort Batterien (die es hier nicht gibt).
Im Geldwechsler-.Bazar (Shazadah Market) schwingt ein junger, kräftiger Bursche laut rufend eine Gummipeitsche über der Männeransammlung. Der Religionspolizist / Tugendwächter fordert seine Landsleute unmissverständlich zum Gebet auf.
An einem Nachmittag in der "Heiligengrabstraße": Ein halbwüchsiger Bub schleudert einen Stein nach mir. Das sieht ein Radfahrer - wirft sein Vehikel hin, klaubt seinerseits einen Stein auf und schleudert ihn nach dem in eine Seitenstraße flüchtenden Jungen, den er dann noch verfolgt.
- Generell fühlte ich mich, auch im dichtesten Volksgewimmel nie bedroht. Als Deutscher wird man nach wie vor ganz besonders geschätzt und willkommen geheissen.
Wirklich bedrohlich sind bisweilen immer noch Minen. 10 Minuten ehe Karla Schefter kürzlich die Umleitung an einer Straßenbaustelle bei Maidan -Shar passierte, fuhr ein Jeep vor ihr auf eine Panzermine.
- 14. Abflug aus Kabul
Am 14. Dezember stehe ich mittags - zum ersten Mal wieder seit Februar 1979 - auf dem Kabuler Flughafen. Das Gebäude macht einen fast gespenstischen Eindruck. Eine kyrillische Aufschrift ist das Überbleibsel der russischen Invasion. Einzelne
Flugzeugwracks liegen über das weite Flugplatzgelände verstreut. Wie mein deutscher Begleiter, ein Krankenpfleger, bin ich als Mitarbeiter des Hammer Forums ausgewiesen und gelange in 40 Minuten kostenlos und recht bequem nach Peshawar. (Eine Autofahrt auf dem Landweg wäre bei
meinem schlechten Gesundheitszustand eine große Strapaze gewesen.) Die kleine weiße Zweipropellermaschine lässt mich aus der Luft Abschied nehmen von dem faszinierenden Land: die besiedelte Ebene östlich der Hauptstadt, Pul-e-Charki (Gefängnis), Lataband.... Linker Hand begleitet uns in der
Ferne die schneeweiße Barriere der Hindukuschhauptkette, rechts braune, zerrunste Bergrücken - irgendwo sogar etwas schütterer Wald. Über die Khyber-Berge mit den Forts geht es im Gleitflug ins dunstige Peshawar-Becken.
- 15.Aktivitäten in Peshawar
Wieder suche ich die Amani-Oberrealschule im Exil auf, eigentlich zwei Schulen: die Amani High School und die Amani Girl's School. Mit dem Direktor und einem altvertrauten Kollegen verabrede ich mich für den folgenden Tag. Angebote für den Nachdruck von
sechs Skripten müssen eingeholt werden, Prospektmaterial für den Ankauf pakistanischer Sportartikel und Sportgeräte sind nötig. Wo und zu welchem Preis kann man Mikroskope aus chinesischer Produktion erwerben? (Der DM-Wechselkurs ist augenblicklich 27,5 PR). Darüber hinaus muss ich verschiedene
internationale und nationale Organisationen aufsuchen. Besondere Unterstützung erhalte ich wieder durch Mitarbeiter des UN Mine Action Programme (MDC) Afghanistan. Mein herzlicher DANK gilt darüber hinaus zahlreichen Personen unterschiedlicher Nationalität: Afghanen, Arabern (UAE), Deutschen, Pakistani,
Schweizern, Türken....., die mir in mannigfacher Weise geholfen haben. - Mit Interesse schaue ich in die englischsprachigen Tageszeitungen (The News, The Frontier Post). Die Taliban gratulieren Bush zu seiner Präsidentschaft. Man erwartet einen Sinneswandel in der Frage der Sanktionen. An anderer Stelle: "US
draws up plan to install Zahir Shah."
- 16. Heimkehr
Beim Start am 19. Dezember gilt ein letzter Blick den beiden winzigen weißen Rot-Kreuz-Flugzeugen und den majestätischen afghanischen Schneebergen. Nach 2 Stunden Flug über Mondlandschaft liegt der blaue Golf unter uns. In Dubai werde ich für eine Nacht als 'Dutch' registriert. - Die letzten
zwei Minuten von Müllheim nach Auggen lege ich am 20.12. im Regionalexpress als "Herr Schwarz" zurück.
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