Dezember 2002
Liebe Mitglieder, Spender und Freunde des FAOK, besonders vor Weihnachten denken Sie in Deutschland an andere Menschen, die in Not sind, auch an die Menschen in Afghanistan. Und immer wieder werden Sie sich fragen: Warum hören wir überhaupt nichts von den Meyer-Oehmes, die uns doch sonst immer über das Land am Hindukusch, über die Aktivitäten des FAOK informiert haben. Der Hauptgrund ist: Uns fehlt die Zeit. Wir sind von morgens bis abends mit Arbeit eingedeckt. Die folgenden Zeilen sollen versuchen, einige Facetten unseres hiesigen Lebens zu beleuchten. Alles ist sehr bruchstückhaft. Jeder Tag stellt an uns besondere Anforderungen, ist angefüllt mit Ereignissen. Ein Buch würde nicht ausreichen um zu beschreiben, was wir täglich erleben. Sie werden vergeblich nach großen Hilfsaktionen suchen. Die Uhren laufen in Zentralasien anders als in Mitteleuropa. Man kann hier nicht planen. Unsere Vorstellungen zum Beispiel, an der Amani-Oberrealschule, besonders aber an der frauenberuflichen Jamhouriat-Schule beim Aufbau der naturwissenschaftlichen Sammlungen, der Computerräume, der Schneiderei der Küche mit zu helfen, scheiterten bisher daran, dass die entsprechenden Räume noch nicht wieder hergerichtet sind. Das wird sich bis zum neuen Schuljahr, im März 2003 vermutlich schlagartig ändern. Dann werden wir verzweifelt darnach Ausschau halten, wo wir noch Geldmittel her bekommen können, um hier mit zu arbeiten, die von Deutschland unterstützten Schulen so zu gestalten, dass ein dem deutschen Niveau halbwegs entsprechender Unterricht stattfinden kann. Wir danken Ihnen sehr, dass Sie uns treu geblieben sind und uns ermöglicht haben, im zu Ende gehenden Jahr besonders die Mitarbeiter beider Schulen finanziell zu unterstützen. Bitte, vergessen sie uns vor Weihnachten nicht. Die auf uns im neuen Jahr zu kommenden Aufgaben werden dadurch noch vergrößert, dass noch ein Mädchen-Gymnasium, die Aischa-e-Durani-Schule in unsere Hilfsaktionen mit einbezogen werden wird. Dürfen wir Sie in diesem Rundbrief um die Mithilfe bei einer besonderen Aktion bitten? Wir sammeln gute, wirklich gute Kinderbilderbücher für die drei Kabuler deutschsprachigen Schulen. Könnten Sie in Ihrer Familie, in Ihrem Bekanntenkreis nach geeigneten Bilderbüchern Ausschau halten? Bitte senden Sie diese Bücher an die Adresse des stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins, Herrn Gerold Müller, Einsteigerweg 20, 78661 Dietingen. Mit Hilfe der ISAF wird Ihre Spende dann hoffentlich nach Kabul gelangen. Es grüssen Sie aus dem zu neuem Leben erwachenden mit so vielen Problemen behafteten Kabul recht herzlich Ihre Ruthild und Detlef Meyer-Oehme Wir wünschen Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und der Welt, besonders Afghanistan ein friedvolles Neues Jahr. Die beigefügte Datei ist ein Informationsbrief für die Mitglieder und Spender des FAOK, unsere Freunde, keine Veröffentlichung. R ü c k b l i c k e = L i c h t b l i c k e ? 15.11.2002, Juma: Blick aus meinem Fenster, in Kabuls Villengegend Wazir Akbar Khan Die hohe Mauer, von hellblauem stacheligem Blechband gekrönt, verhindert den Blick auf das Sträßchen. Die Bäume sind dabei, ihr staubiges Laub abzuwerfen. Vom wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne. Das Haus gegenüber wird teilweise renoviert, im 2. Stock eine Pappwand an Stelle der Fensterscheibe. Neben mir auf dem schmalen Tisch thront ein Riesenungetüm von Festplatte darauf der Monitor, geliehen oft funktionsunfähig, denn bis zum Einbruch der Dunkelheit keine Elektrizität und auch dann durch oft stundenlange Stromausfälle nur mit Unterbrechungen zu nutzen. Mein eigener Laptop ist kaputt trotz Spannungsregler - hier natürlich nicht reparierbar, z. Z. in Deutschland. Das spartanisch eingerichtete Zimmer ist oft kalt. Der Gasofen verbraucht viel Sauerstoff und ist nicht geruchsfrei = Kopfschmerzen. 07.12. 2002, dritter Tag des Id-e-Ramazan, fast einen Monat lang keine Zeile Bericht geschrieben. Der Kabuler Alltag kostet viel Kraft und Zeit. Rückblick 9. September 2002 = 1. Tag in Kabul: Schwarze Fahnen überall, die Straßen sind fast autoleer, kaum Fahrradfahrer: Feiertag = Jahrestag der Ermordung Ahmad Shah Mahsouds. Sein Bild erinnert an allen Gebäuden, Dukanen, Taxis - ein neuer Nationalheiliger (auch für die Paschtunen?). Es herrscht eine angespannte Atmosphäre - drei Tage nach dem Bombenattentat in der Innenstadt im Menschengewühl beim Spinzar-Hotel. Die deutsche Botschaft gleicht einer Festung. Vor dem Eingangsbereich ist der Straßenabschnitt abgesperrt. Ausserhalb patrouillieren bewaffnete Afghanen und Soldaten der ISAF. Innen raucht eine Botschaftsangehörige in Shorts ihre Zigarette:“ Die Jungens passen schon auf!“ Gemeint sind die stämmigen Bundesgrenzschutzleute in ihren kugelsicheren Westen, ebenfalls schwerst bewaffnet. Die deutsche Botschaft bleibt aus Sicherheitsgründen eine Woche geschlossen. Erwartungsvoll stehen wir in Wazir Akbar Khan vor dem Haus des Koordinators, der über unseren Einsatz in den kommenden Monaten bestimmen wird. Doch - er ist für 14 Tage in Deutschland. Sein Vertreter, der einzige deutsche Lehrer, empfängt uns kühl: „Sie wissen, dass Sie nicht auf dem Landweg kommen durften. Ich weiss eigentlich gar nicht, was Sie hier tun wollen. Sie dürfen nichts ohne die Weisung von Herrn B. unternehmen.“ Nichts ist für uns vorbereitet. Das Auto wird leer geräumt. Am Abend erfahren wir: nur für eine Nacht. Am nächsten Tag sind die „Boys“ (erwachsene Männer) damit beschäftigt, den ratternden und knatternden, Gestank verbreitenden Generator anzuschließen. Fortan hat dieses Haus immer Strom. - Wir schleppen unsere Habe allein ins Auto. Unsere endgültige Bleibe, eine für Millionen von Afghanen traumhafte Villa (vom Koordinator im Auftag des BVA in Köln angemietet), liegt in einem kleinen auf die „Festungsmauer“ der amerikanischen Botschaft stoßenden Sträßchen. Hier verfügen wir nach einiger Zeit über zwei Zimmer. Der Koch, die Boys (hier Türhüter) unserer Mitbewohner müssen sich daran gewöhnen, dass ich als SES-Expertin das Kochen und alle Hausarbeit selber erledige. Natürlich warten wir nicht auf die Rückkehr des Koordinators. - Unser „Heimkommen“ in die beiden Schulen wirkt für die afghanischen Lehrer und Angestellten wie eine Erlösung. Nun wird das Leben für sie wieder leichter, haben wir doch sicher eine Geldspende für sie mitgebracht. Ihr Warten sollte auf eine harte Probe gestellt werden. Der Schulalltag a) Amani-Oberrealschule Ein Heer von Arbeitern ist dabei, die Schule zu renovieren und wieder in einen guten, sicheren baulichen Zustand zu versetzen. Die deutschen Ingenieure und Bauleiter sehen blass und überarbeitet aus. Ein Riesenprogramm ist in kürzester Zeit in die Tat um zu setzen. Neben der detaillierten Planung und Koordinierung sollten sie überall gleichzeitig sein, um Fehler, Pfusch zu verhindern. Die Schule ist auf ca. 3750 Schüler angewachsen und nur im Schichtunterricht zu bewältigen (von 8:00 bis 12.15 sechs Kurzstunden ohne Pausen, Nachmittagsunterricht ab 12:30). In den Primarschulklassen 1 3 gibt es Koedukation. Dem Generaldirektor (moudir-e-omumi), Herrn Fahim (der keine Fremdsprachen spricht), unterstehen zwei Vizedirektoren, sechs Oberlehrer. Zu den Lehrern gehören ca. ein Dutzend Lehrerinnen (z.B. zwei Physiklehrerinnen, zwei Biologielehrerinnen, eine Chemielehrerin). Neben dem Fachberater Deutsch, der in diesem Schuljahr allerdings noch keinen Deutschunterricht erteilt, da er gleichzeitig der dt. Koordinator der Schule ist, unterrichtet ein weiterer deutscher Kollege DaF für drei aus allen siebten Klassen gebildete „Eliteklassen“, jeweils zwei Dutzend Schüler. Der gesamte übrige Deutschunterricht (jeweils 4 Wochenstunden ab Kl. 7) liegt in den Händen von afghanischen Kollegen, die nur die von meinem Mann während der Talibanzeit nach Kabul transportierten Deutschbücher verwenden. Diese Afghanen werden im Augenblick zusammen mit zwei Deutschlehrerinnen der Jamhouriat-Schule im Rahmen eines vom Goethe-Institut finanzierten Fortbildungsprogrammes sprachlich weitergebildet. (Ein zweimonatiger Sprachaufenthalt in Deutschland in den ersten Monaten d.J. 2003 winkt.) Seit Anfang Oktober wird der Koordinator durch eine deutsche Verwaltungsleiterin entlastet. Ihr Ehemann, ein Realschullehrer für Mathematik und Sport, hat zunächst genug zu tun, sich um die Probleme der beiden angemieteten Häuser zu kümmern. Seit kurzem erteilt er an der Polizeiakademie DaF. Weitere deutsche DaF-Lehrkräfte sollen erst zum neuen Schuljahr im März 2003 eintreffen. Mein Mann informiert sich zunächst über den Unterricht in den verschiedensten Fächern und Klassenstufen. Daraus entwickelt sich ein festes Hospitationsprogramm von 17 Wo.-Stdn (12 A Bio und CH, 11 A Bio, Ch, DaF, 10 A Bio, DaF, 9 C DaF). Am Ende der Unterrichtsstunde wird er vom jeweiligen Fachlehrer immer heran gezogen, zum jeweiligen Stundeninhalt eine kurze Zusammenfassung, bzw. Ergänzung auf Deutsch zu geben. Ein afghanischer kriegsverletzter Schüler, der lange in Deutschland zu ärztlicher Behandlung und Genesung gelebt hatte, hilft bei fachsprachlichen Problemen als Dolmetscher. Bereits Ende September beginnt mein Mann auf dringenden Wunsch der afghanischen Fachlehrer-innen für Mathem. und Naturwissenschaften mit einem Deutsch-Intensiv-Sprachkurs täglich (ausser Frei) morgens von 7:15 bis 8:00. Er wird von den 11 Teilnehmern regelmäßig besucht (trotz persönlicher Strapazen: Anfahrt per Fahrrad z.B. von Khair Khanna in einer ¾ Stunde). Nach den Id-e-Ramazan-Feiertagen will auch Direktor Fahim an diesem Sprachkurs teilnehmen. (Unterrichtsbasis ist: DIALOG DEUTSCH 1 (CDC). Am 26. Oktober eröffnet mein Mann nach über zwanzig Jahren Zwangspause das schuleigene afghanisch-deutsche Kulturzentrum LESESAAL wieder - mit einem Gitarrenkonzert „Deutsche und europäische Lieder“. 10 Tage darauf brechen die Schüler beim 2. Konzert „Afghanische Musik“ in Begeisterungsstürme aus. Die Musik lose Ära der Taliban ist auch in der Amani-Oberrealschule überwunden. Aus Anlass des Besuchs des Bundesministers des Auswärtigen, Joschka Fischer, verfasst mein Mann als Vorsitzender des FAOK ein Memorandum zu den noch existierenden Problemen der Schule. Hauptproblem: Das 1924 als „Oberrealschule“ gegründete naturwissenschaftliche Gymnasium, soll in Zukunft eine Institution sein, die lediglich zu einem deutschen Sprachdiplom führt. Naturwissenschaftliche Fächer und Mathematik sollen in der Oberstufe nicht mehr - wie früher in deutscher Sprache unterrichtet werden. Somit würde der Pilotschul-Charakter nicht mehr weiter existieren. Diese deutsche Entscheidung soll , so der Vorschlag des Vorsitzenden des FAOK, zu Gunsten des traditionsreichen naturwissenschaftlichen Gymnasiums wieder geändert werden. Denn: Man fragt sich, welchen Nutzen afghanische Absolventen der AORS und ihr Land von einem deutschen Sprachdiplom haben würden. Endlich: Vor dem nahen Ende des Fastenmonats werden den 136 Lehrern und Schulangestellten im Auftrag des FAOK 50 € pro Person überreicht. Heute, am 14.12.2002 startet der FAOK eine größere Aktion. In unserem Peugeot-Campingbus werden 11 Lehrer der AORS in die NUR-Augenklinik zu einer Augenkontrolle gefahren. Ergebnis: Allen 11 Personen muss eine Brille verschrieben werden. 14 Tage wird diese Hilfsmaßnahme dauern, bis alle Lehrer und Lehrerinnen der beiden Schulen untersucht worden sind. b)Lycée maslaki Jamhouriat steht auf dem Torbogen über dem grünen Eingangstor am Salang-Watt der großen Ausfallstraße nach Norden. Von einem berufsbildenden Mädchengymnasium merkt man nichts, wenn man den Hof betritt. Rechts ein verlassenes Klettergestell, dahinter acht halb verrrostete Container, dazwischen hocken und kauern junge Männer in einheimischer Pluderhosentracht samt Kullah und Turban, über ihren Arabischtexten Jahresschlussprüfungen. - ( in der übrigen Kabuler Gymnasien müssen die Jungen alle europäische Kleidung tragen). Eine Madrassa hier auf dem Gelände der Jamhouriat-Schule? Mehrmals im Jahr zugesagt, vom afgh. Erziehungsminister schriftlich gegeben, hatte die Leitung der Dar-Ul-Ulumne-Arabie sich verpflichtet, das Jamhouriatschulgebäude Nr. 2 zu verlassen und um zu ziehen. Aber wohin? Die eigene Schule in der Altstadt in der Nähe des Kabulflusses ist fast völlig zerstört. Zum Wiederaufbau fehlt den Afghanen das Geld. Deutschland, die ISAF renovieren viel. Eine Madrassa wieder her zu richten ist ein Politikum, so wird mir immer wieder von deutscher Seite erklärt. Dafür gibt es kein Geld. Gleich um die Ecke herrscht im Schulhof ländliches Leben. Eine Henne führt ihre Küken aus. Ältere Frauen hocken an der Hauswand in der Sonne auf einer Plastikflechtmatte und trinken Tee. Eine Schülerin der Oberklasse und eine Lehrerin am ausrangierten Schultisch neben den Stufen zur Aula sind der Hinweis für eine Schule: Aufpasserinnen. Während der Schulzeit darf das Gelände ohne schriftliche Genehmigung der Direktorin nicht verlassen werden. Im Jamhouriatschul- Hauptgebäude herrscht ebenfalls Prüfungsatmosphäre. Im sonnigen Lehrerzimmer sind die afghanischen Kolleginnen dabei, die Testblätter zu korrigieren Sie sind schnell fertig, denn die Prüfungsfragen scheinen leicht zu sein und die Klassen sind klein. 94 Schülerinnen zählt die ganze Schule von Kl. 7 bis Kl. 12. Früher waren es einmal 2000 Schülerinnen. (In der Grundschule noch einmal so viel; Schichtunterricht war angesagt.) Die Lehrerinnen sind nicht ausgelastet, haben jedoch Anwesenheitspflicht. - Schuld an dieser verheerenden Schulsituation ist die Moscheeschule. Man schickt seine heranwachsenden Töchter nicht dorthin, wo 350 junge Männer unterrichtet werden. Mitte September wollte ich sogleich die beiden Kolleginnen für DaF weiter bilden, wie ich dies ja bereits im März vor Schuljahrsbeginn getan hatte. Doch schon am 3. Tag stand ich vor den Schülerinnen, die in 5 ½ Monaten weder Lesen noch Schreiben gelernt hatten. Die nun folgenden Wochen stellten mich auf die härteste Probe meines „Lehrerdaseins“. Der Mangel an Zuordnungsverständnis von Buchstaben zu Lauten ließen mich schier verzweifeln. In der Schule gutwillig -Hausaufgaben waren dazu da, nicht gemacht zu werden - unpünktlich wegen der katastrophalen Transportverhältnisse in der weitläufigen Stadt häufige Abwesenheit: Hochzeit, Verlobung in den weit verzweigten Familien oder einfach Fehlen des Busgelds. Weshalb war ich nur nach Afghanistan gekommen? War es für mich eine Beruhigung, dass die arabischen Schrift den Mädchen dieselben Schwierigkeiten bereitete? Sie hatten im lernfähigsten Alter sechs Jahre zu Hause verbracht, das Lernen nicht gelernt, waren vielfach völlig überaltert. Eine Schülerin der 12. Klasse brachte ab und zu eines ihrer beiden Kinder, ein fünfjähriges Töchterchen mit zur Schule. Endlich zeigen sich Erfolge. Die Mädchen sind glücklich und dankbar. Die Schülerinnen hatten bei ihrer „Einschulung“ zwischen Englisch und Deutsch wählen dürfen. Plötzlich füllen sich bei mir die Klassen. Vom Englischunterricht wollen die Mädchen zu Deutsch überwechseln. Manche bringen es fertig, „ Halbe, Halbe“ zu machen. Sie sind mit die erfolgreichsten. Deutschland hatte zugesagt, die Gebäude der Jamhouriat-Schule zu renovieren, aber nur nachdem die Moscheeschule das Feld geräumt hat. Auch die Container müssen weg. Um beides kümmere ich mich jetzt vehement. Von den Taliban provisorisch wieder hergerichtet, diente der Haupttrakt der Jamhouriat-Schule als Internat für Talibanschüler. Total verwahrlost, heruntergekommen, ohne schliessende Türen, die meisten Fensterscheiben kaputt, die wasserlosen Toiletten in einem schauerlichen Zustand ist man gewöhnungsbedürftig, hier zu arbeiten. Ab und zu starte ich Putzaktionen. Das Wasser muss zunächst von der Straße geholt werden. Auf mein Betreiben wird die Pumpe für den Brunnen wieder gangbar gemacht. Die Fensterscheiben werden durch Plastikfolie ersetzt, vom FAOK gespendet. Für den Nähunterricht kaufe ich eine schlechte chinesische mit Handkurbel getriebene Nähmaschine . (Ausser gebrauchten japanischen gibt es sonst nichts auf dem Bazar.) Oft bin ich für die Beschaffung von notwendigen Dingen unterwegs. Zweimal kann ich den Lehrern und Angestellten mit einer Geldspende vom FAOK helfen. In diesem Winter soll die Jamhouriat-Schule nun mit deutschen Geldern weitgehend saniert werden. Im kommenden Schuljahr könnte ich dann für die Infrastruktur sorgen, soweit das Geld des FAOK reicht. Aber bin ich dann noch bzw. wieder da.? Unsere Verträge mit dem sehr kooperativen SES enden am 15. Januar und werden „vom Auftraggeber“ nicht verlängert. Von deutscher Seite aus kann man auf die Arbeit dieser Senioren verzichten. Die afghanische Direktorin denkt da anders. Sie geht inzwischen auf die Barrikaden. Wer soll sonst dafür sorgen, dass die Container abtransportiert werden, dass die (friedlichen nicht terroristischen) Moscheeschüler eine Bleibe finden? Wer soll sich mit den deutschen Wiederaufbau-Ingenieuren auseinander setzen? Mit wem kann man die bauliche Gesamtgestaltung der Schule diskutieren? Wen kann man auf dem Erziehungsministerium als Aushängeschild benutzen, um für die Strukturänderung der Schule (Gesamtschule ab Klasse 1) etwas zu erreichen? Mit wem kann man Curriculum und Stundentafeln für ein modernes berufsbildendes Gymnasium planen? - Zur Zeit sind Winterferien. Ich merke nichts davon. Die Zukunft hat bereits begonnen. Zweimal pro Woche wird zudem ein Deutschkurs in kalten Räumen stattfinden. c) Allgemeinbildendes Mädchengymnasium Aischa-e-Durani Es liegt am Rand der Kabuler Altstadt, direkt neben dem volkreichen Eingang zum Mandai-Bazar. Deutschland wird diese traditionsreiche höhere Mädchenschule wie die Amanischule vordringlich fördern. Mein Mann und ich schreiten über den weiten Hof, dem von der ISAF renovierten Gebäude entgegen. Von überall kommen Lehrerinnen und Lehrer und wollen mit uns sprechen. Wir wiederholen gegenüber der Direktorin, daß der FAOK auch ihre Schule fördern wird. Kaleidoskop Die Farben sind düster: Die stolzen Afghanen klagen nicht. Sie leben vielfach zwischen Ruinen in teilweise zerstörten Häusern ohne Wasser, ohne Strom. Auch wenn es noch ein paar Coupons für Grundnahrungsmittel gibt, so reicht der niedrige Lohn nicht aus, die Kriegsschäden zu beheben. Andere hausen zusammengepfercht in den heruntergekommenen Plattenbaublocks, jede zweite Nacht vier Stunden Strom, nur im Erdgeschoss Wasser. Zum Wäsche Waschen, zur Körperpflege, fürs WC, zum Kochen, Geschirr Spülen muss das Wasser bis in den 7. Stock geschleppt und das Tag für Tag! (An diese Lebensumstände sollte man denken, wenn es am Verständnis für die „faulen“ Schülerinnen mangelt.) - Jetzt zu Winterbeginn kauern in der Stadt hier und dort heruntergekommene Gestalten in einer Hausecke. Meist liegt ein zottiger Hund dabei: Wanderarbeiter ohne Hab und Gut. In der Altstadt drängen sich die Menschenmassen. Es ist kaum ein Durchkommen. Kabul hat heute 3 Mill. Einwohner. Die Straßen sind noch dieselben wie vor 40 Jahren, damals 200000 Menschen. Es gibt Tausende von fliegenden Händlern. Nicht nur beim Postamt ist der Zaun vollgehängt mit alten Kleidern. Buben bieten Streichhölzer, Plastikbeutel an. Bettelkinder zwängen sich durch die Menschenmassen, Frauen haben ihr Kind vor sich auf der Tschaderi liegen und strecken die knochige Hand nach einem Geldschein aus. Krüppel zeigen ihre Beinstummel und sind immer noch freundlich. Die Gesichter vieler Menschen üben auf mich eine starke Faszination aus. Man möchte aus ihnen die Geschichte ihres Lebens lesen. Der Autoverkehr ist mörderisch. Oft ist an den Kreuzungen der Verkehr völlig lahm gelegt. Die deutschen Polizeiausbilder bemühen sich, Ordnung in das Chaos zu bringen. Schwarze Abgasschwaden legen sich auf Gesicht und Kleidung, ziehen in die Ärmel, während ich mich zwischen den stinkenden Taxis und blechern ratternden Bussen auf dem Fahrrad hindurch schlängle. Den männlichen Zweiradfahrern habe ich mich inzwischen gut angepasst. Taxifahrern winke ich zu, gebe Zeichen, bedanke mich für ihre Rücksichtnahme. In den letzten Tagen ist es ruhig. Noch vor wenigen Wochen dröhnten oft stundenlang niedrig fliegende Hubschrauber über der Stadt. Dann wusste man, irgend etwas stimmt nicht. Was wäre Kabul ohne die ISAF? Eine Stadt voll Unsicherheit, Raub, Schießereien, voller kriegerischer Auseinandersetzungen der verschiedenen politischen Richtungen, die immer noch oder wieder eine Rechnung zu begleichen haben. Ohne die ISAF wäre kein Wiederaufbau, kein Neubeginn möglich. Die Soldaten selbst renovieren Schulen, Kindergärten. Sie werden, Insh’Allah, bald die Container aus „unserem“ Schulhof entfernen. Mindestens einmal in der Woche fahren wir nach Osten in das Lager hinaus. Camp Warehouse haben die Engländer es genannt. Ein unschöner Name für ein Stück, wenn auch martialische Heimat. Im Herbst stapften wir durch Staub, jetzt durch Matsch. Bald werden alle Lagerstraßen befestigt sein. Wir sind gerne dort. Die Soldaten sind sehr freundlich, oft Helfer in der Not. Die Feldpost verbindet uns mit unseren Lieben. Der Wein des Marketenderladens ist nicht zu verachten. 10 Tage vor Weihnachten! Morgen bringe ich die 3 ½-Diskette zu PACTEK, dem für mich eigentlich verbotenen Internetcafé. Dann wird der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins, Herr Müller, die zeitaufwendige Aufgabe übernehmen, diese Rückblicke an viele von Ihnen per Post zu senden. Dafür danken wir ihm sehr. Nochmals herzliche Grüße Ihre Ruthild und Detlef Meyer-Oehme |