Kabul im März 2002
Ein merkwürdiges Gefühl im Magen.... Die
Transall verliert an Höhe und setzt auf das holprige Rollfeld auf.
Strahlender Sonnenschein, glaskare Luft, in
der Ferne die majestätische, verschneite Paghmankette! Träume ich? Ankunft in
Kabul! - Der Papst hätte die staubige Betonfläche geküsst.
Zerborstene Flugzeugwracks, Metalltrümmer,
zerstörte Gebäude - die blassen Neuankömmlinge des deutschen ISAF-Kontingents
werden von braungebrannten Kameraden abgeholt. Eine Zeltstadt der wachehaltenden
Briten, Sandsäcke, Drahtverhaue, Kontrollposten. - Vorbei an Lehmkaten,
kläglichen Dukanen, den durch trocknende Wäsche buntgefleckten, von Menschen
überfüllten Plattenbauten bringt uns der klapprige VW-Bus in die Deutsche
Botschaft. Hier werden wir in den kommenden Tagen immer wieder Kraft schöpfen.
Trotz Arbeitsüberlastung und Hektik, bedingt durch die sich die Türklinke in
die Hand gebenden Besucher, wirkt das im Oberstock immer noch ausgebrannte
Kanzleigebäude wie ein sicher vor Anker liegendes Schiff.
Wir holpern in Richtung Tang-e-Gharu, um
weit draußen im Lager der deutschen ISAF-Soldaten unser Gepäck zu holen. War
die Straße früher schon zweispurig? Hier rechts müsste einmal die VW-Werkstatt
gestanden haben. Links die Aufschrift "Hoechst" - eine Ruine. Daneben
"Spiaf": Was ist vom Lebenswerk Otto Spieths noch übrig geblieben?
Ruinen, Ruinen.... Von Osten dröhnen uns vollbepackte Lorries entgegen.
Manchmal thronen hoch oben Menschen - Männer, Frauen, Kinder mit armseligen
Bündeln - Flüchtlinge, die aus Pakistan zurückkehren. Wo werden sie bleiben?
Ihre Häuser sind meist zerstört. Sie denken an einen hoffnungsvollen Neuanfang
in der von Arbeitslosen überquellenden Heimatstadt. Rechts ab. Auf kurzer
staubiger Piste erreichen wir den doppelt streng bewachten Eingang zum Lager
der deutschen Soldaten. Die Nachmittagssonne vergoldet die hellen Zelte, die
holprigen, nach einem Frühlingsregen teilweise morastigen Zeltstadtstraßen. Wir
folgen einer Kolonne gepanzerter Fahrzeuge - Jogger am schmalen Straßenrand,
seitab stemmt ein Sportler Wasserflaschenbündel an einer Holzstange. Wie werden
die Männer in diesem öden Camp die heißen Staubglutwinde im Sommer
ertragen?
Unser "De Luxe-Zimmer" (mit Maus)
im Kabul Hotel blickt nach Norden. Die Bankgebäude gegenüber wirken teilweise
verlassen. Unten dröhnt der ohrenbetäubende, den afghanischen Straßen eigene
Verkehr. Mit Einbruch der Dunkelheit lässt das nervenaufreibende Getöse abrupt
nach. Ab 21.30 Uhr nur noch ein vereinzelt rasendes Auto und das heisere Schreien
der Wachen. Doch da, was ist das? Am Paschtunistanplatz erkennen wir die
Silhouette eines Kalashnikow tragenden Mannes, der aus einer zierlichen Flöte
zarte Melodien perlen lässt. Wir warten Abend für Abend auf ihn. Manchmal
peitschen nachts Schüsse oder Gewehrsalven durch die Stadt. Man gewöhnt sich
daran wie an das nächtliche Hundegebell.
Am Morgen stauen sich Horden gelb-weißer
Taxis an den Kreuzungen. Während unseres 2 1/2 wöchigen Aufenthaltes werden die
alten Siemens-Ampeln wieder zum Leben erweckt. Doch der eigentliche Ordner des
Chaos ist der Verkehrs-Polizist, den man seit Jahrzehnten zu kennen meint. Im
Bereich des Kabulflusses und der Altstadtbazare gibt es kaum ein Durchkommen
durch das Menschengewimmel. Die Zahl der Händler ist unermesslich, ihr Angebot
meist armselig. Trotz der angebrochenen "Neuen Zeit" verbergen sich
fast alle Frauen weiterhin in der Anonymität einer meist neuen Tschaderi.
Liegen die zerstörten Stadtgebiete seit fast einem Jahrzehnt immer noch tot da,
den Staubwinden unerschöpflich Nahrung bietend, so erfreuen sich die Shar-e-Nau
und andere Stadtbezirke z.T. einer Renovierungswut.
Die Zukunft hat begonnen! Handwerker haben
Hochkonjunktur. Aus ihren Garagenwerkstätten schallt Musik. Aus unzähligen
alten Blechdosen werden Satellitenschüsseln gehämmert. Vor den
Eisenrohr-Dukanen häufen sich ganze Berge von Stuhlrohrgestellen am
Straßenrand. Die meisten Kabulis nicken freundlich, grüßen, wenn sie auch
verdutzt sind einer nur mit Kopftuch verhüllten Ausländerin ins Gesicht zu
schauen. Das Rad der Zeit hat sich um mehr als 40 Jahre zurückgedreht.
Wem gibt man aus der Schar der vielen
Bettler - dem Kriegsverletzten, der seine Prothese als Sammelbecher vor sich
aufgestellt hat, dem Blinden auf der schmalen Brücke, der Frau dicht daneben,
die Tag für Tag jammert, nur den Kopf ihres Säuglings unter der Tschaderi
hervorschauen lässt, den Betteljungen mit ihren verrußten Blechdosen? Ist es
nicht erschreckend, wie schnell man gegenüber der grenzenlosen Armut
gleichgültig wird , die Apathie, Dreck Grobheiten von Jugendlichen nach sich
zieht?
Die Regierung arbeitet für eine bessere
Zukunft. Bildung schafft Perspektiven. Mit Hilfe von UNICEF gelingt zu Nauroz
ein Mammutprojekt:1,8 Mio. Kinder (Klassenstufen 1-6), 60000 Lehrer werden für
1 Jahr mit Schulmaterial versorgt. Ob der Plan, in entlegenen Landesteilen die
Kinder per Hubschrauber zu unterstützen, verwirklicht wird? Später denkt man an
Bücher für die Mittelstufe, vielleicht auch noch für die Oberstufe der
Gymnasien.
Im Fernsehsessel daheim konnten Sie
teilhaben an der großen Eröffnungsfeierlichkeit in der Mehrzweckhalle der
Amani-Oberrealschule. Haben Sie beobachtet, wie unsicher sich die
Pfadfinderinnen in der entschützenden Uniform fühlten? - "Back to
school!" - "Open your books!" Die Türken haben jetzt 8
Elite-Gymnasien in Afghanistan eingerichtet. Der Sender ARTE informierte in
Europa über die Aktivität der Franzosen, über das Engagement der
"Grande Nation" für ihre Kabuler Schulen. An beiden, dem Lycée
Esteqlal (Jungen) und dem Lycée Malalai (Mädchen) wurde mit einem Heer von
Arbeitern Tag und Nacht gearbeitet. Es gelang! Der französische Aussenminister
kam persönlich zur Wiedereröffnung in alter Pracht. 10 französische Lehrer
werden (an jeder der beiden Schulen) unterrichten
Und wir? Auf dem Petersberg versprach unser
Aussenminister die schnellstmögliche Wiederherrichtung der Amani-Oberrealschule
und einer entsprechenden Mädchenschule. Was ist geschehen? Mein Mann und ich
mussten vom Dezember bis zum 9. März warten, um dann (ich mehr nolens als
volens) nach Kabul zu einem Informationsbesuch einer deutschen
Regierungsdelegation mitgenommen zu werden. (Eine Botschaftsangehörige:
"Herr X war doch vor 4 Wochen schon einmal hier, um die Gebäude zu
inspizieren; inzwischen ist nichts geschehen. Warum kommt er schon
wieder?") Welchen Erfolg wird diese, unsere Delegation haben? Wann wird er
sichtbar werden? Das Schuljahr hat begonnen! Die Zeituhr für das Ende der
Übergangsregierung unter Karzai tickt. Sie muss Erfolge aufweisen, damit im
Juni am Hindukusch kein Chaos entsteht. Nicht alle deutschen Stellen scheinen
diese Problematik erkannt zu haben. Freilich: 100%ig sicher ist es in Kabul
nicht. Denkt man bei uns mehr an mögliche Gefahren für die Landsleute als an
das afghanische Volk? Oder ist es einfach nur die schwerfällige Bürokratie?
In der Amani-Oberrealschule hatte Br. Gerolf
sein Aufbauwerk als Einzelkämpfer bis zum körperlichen Zusammenbruch
fortgesetzt. Bei unserem Eintreffen finden gerade Wiederholungsprüfungen
statt und das "Winterschulprogramm" (nur für Mädchen) geht zu Ende.
Man sieht zahlreiche Lehrerinnen. Ein ungewohntes Bild.
Alle Lehrer- und Lehrerinnen, die Putzkräfte
und Verwaltungsangestellten (insgesamt 116 Personen) sind glücklich, mit
einem Nauroz-Geschenk des FAOK von 50 € ihr kärgliches Monatssalär aufbessern
zu können. Die vom Verein mitgebrachten drei modernen Computer mit einem
Drucker sollen den Informatikunterricht ankurbeln. Die Stromzuleitung wurde -
wie versprochen - noch von den Taliban gelegt. Der Physiklehrer hatte die neuen
Computerraummöbel am Ende der Talibanherrschaft versteckt und so gerettet.
Der neue Direktor ist total überarbeitet.
Die für 1600 Schüler erbauten Gebäude können die bald 3000 Schüler nur im
Schichtunterricht beherbergen. In der Grundschule erhalten neuerdings auch 350
Mädchen Unterrichtet. Deutsch ist wie früher - neben Arabisch - einzige
Fremdsprache und wird ab jetzt von Klassenstufe 7 bis 12 mit 4
WStd. unterrichtet.
Die Gebäude der Jamhouriatschule wirken beim
ersten Spätnachmittagsbesuch öde, verlassen, leer, total heruntergekommen, und
verdreckt, ohne Fenster, zumeist ohne schließende Türen.
Am kommenden Vormittag herrscht in den
Zimmern der Direktorin und Prorektorin Leben. Hier wird das neue Schuljahr mit
Stundentafelschreiben und Listenschreiben vorbereitet. Die Lehrerinnen sind
scheu und unsicher, als sie sich, die Tschaderi über den Kopf zurückgeworfen,
oft 1 - 2 Kinder an der Hand, im Zimmer der jungen, herrischen Schulleiterin
versammeln. 1.000000 Afs (ca. 37 €) kann ich jeder Frau (von Ihren speziellen
Spenden für diese Mädchenschule, liebe Freunde) überreichen. Im Hintergrund
kauern die Dienerinnen, stehen die wenigen männlichen Angestellten. Es ist mir
nicht möglich, Ihnen den Dank jeder einzelnen Personzu beschreiben. Er ist
unbeschreiblich. Was haben viele dieser Menschen in der Vergangenheit alles
erlitten? Eine Frau kann nicht einmal lächeln. Ihre Augen sind stumpf. Erst
Tage später leuchten sie mich bei einer Begegnung an. Die zahnlose Alte (sicher
ist sie viel jünger als ich) kennt mich von früher und küsst mich voller
Dankbarkeit. Jede Frau trägt an ihrem eigenen Schicksal. Einmal besuche ich ein
kleine Wohnung irgendwo im Lehmhäusergewirr. "Hier ist eine Granate
eingeschlagen, die Decke herunter gebrochen. Mich konnte man unter den Trümmern
hervorziehen. Mein sechs Monate altes Söhnchen war tot." Dieses Kind kann
nicht wieder zum Leben erweckt werden, aber man könnte helfen, die kleine Kate
wieder her zu richten. Seit vielen Jahren fehlt das Geld dazu. Die arme Familie
wurde immer wieder bestohlen, ausgeplündert.
Im Lycée Jamhouriat ist wieder
Deutschunterricht vorgesehen. Aber es gibt keine Bücher. Ich lasse ein in der
AORS ausgeliehenes nachdrucken. Die beiden verschüchterten Deutschlehrerinnen
haben noch nie unterrichtet. An zwei Vormittagen mache ich Lehrerfortbildung,
am dritten weise ich die Englischlehrerin ein.
Das größte Problem: Auf demselben Grundstück
werden seit der Talibanzeit die Jungen einer Madrassa unterrichtet. Ihr ursprüngliches
Schulgebäude wurde im Bürgerkrieg total zerstört. Die Buben müssen raus, damit
die Mädchen in ihre Schule können. Gleichzeitiger Unterricht von älteren
Mädchen und Jungen in einem Compound, wenn auch in verschiedenen Gebäuden, ist
undenkbar. Die Direktorin läuft im Erziehungsministerium Sturm, nimmt mich als
ihr Aushängeschild immer mit. Wer wird sich in der augenblicklichen
Übergangssituation gegen den Islam wenden und eine Moscheeschule heraussetzen?
- Der erste Schultag ist kläglich. Die Zahl der anwesenden Lehrerinnen
überwiegt die Zahl der Schülerinnen. Diese besitzen keine Hefte, nur einige ein
Stück Papier und Stifte. Hilfe, schier ohne Ende, ist nötig!
Bitte, unterstützen Sie uns, damit wir
weiter helfen können. Angefangen bei einem Stück Kreide fehlt bisher alles!
UNICEF unterstützt generell nur Primarschulen.
Wie sieht unsere eigene Zukunft, die Zukunft
des Ehepaars Meyer-Oehme aus? Über den Senior Experten Service (SES)
sollen wir "sobald wie möglich" nach Kabul geschickt werden.
Dort wären wir wirklich dringend nötig. Nur - was heisst bei unseren Behörden
und Organisationen "sobald wie möglich?"
Auggen, den 10. April 2002
Ruthild Meyer-Oehme
|