Bericht Dezember 2003Ruthild Meyer-OehmeShar-e-Nau Kabul / Afghanistan im Dezember 2003 meyeroehme@aol.com Liebe Mitglieder, Spender und Freunde des FAOK, liebe Verwandte, vermutlich warten Sie schon lange auf ein Zeichen, auf eine Art Rechenschaftsbericht darüber, was der 1. Vorsitzende und die Schriftführerin, was die Meyer-Oehmes all die Monate über in Afghanistan gemacht haben. Zuletzt hatte ich Ihnen in dem Rundschreiben „Stückwerk“ berichtet. Wir haben unsere Zeit mit Hilfeleistungen des FAOK begonnen und auch wieder vor wenigen Tagen beendet: - Im März wurden wir freudigst begrüßt als wir den Mitarbeitern/innen der inzwischen drei Gymnasien die mitgebrachte Geldspende überreichten, die sie schon lange sehnsüchtig erhofft hatten. „Geht mit Segen und kommt gesegnet zurück,“ wurden wir jetzt verabschiedet. Geldspenden An Nauroz im März waren es 341 Personen, die jeweils 30 € erhielten. Zum Id-e-Ramazan Ende November sind es 372. Am Lehrertag im Mai konnten wir dank Ihrer Spendentreue auch helfen (z.T. zusammen mit dem Koordinator, Herrn Bausch). Damals war die finanzielle Situation in Kabul besonders schwierig. Drei Monate lang hatten die Lehrer/-innen keinerlei Gehalt, also nicht einmal die monatlichen 37 $ bekommen. Sonstige Förderungen In diesem Jahr beziehen wir auch die Lehrerinnen des Lycée Aysha-e-Durani (AyDu) in die Augenkontrollaktion mit ein. Zudem gibt es Nachzügler der beiden anderen Schulen. Das Lycée Jamhuriat muss aus Mangel an staatlicher deutscher Unterstützung am meisten gefördert werden: Papier für die Schlussprüfungen in allen Klassen immer wieder Kopien, z.B. am Anfang für den Schreib-Anfangsunterricht in den Klassen 4,5,6 und 7. Spendenartikel sind Kassettenrekorder, Tageslichtprojektor, Nähmaschinen, Schultaschen für die Schülerinnen usw.. Aber auch die Amani-Oberrealschule kommt nicht zu kurz: Sportschuhe, Diaprojektor, Schulbücher für den Oberstufenunterricht … Dank einer großen Spende des Klett-Verlags können allen naturwissenschaftlichen Lehrern hervorragende Lehrbücher zur Verfügung gestellt werden. Die von Herrn Müller erarbeiteten Versuchsanordnungen für physikalische Versuche werden sicher im kommenden Jahr Verwendung finden. Bisher mangelt es in den im Umbau befindlichen Schulgebäuden an den nötigen Voraussetzungen. Die in Kabul kopierten Periodensysteme werden an allen drei Schulen im Chemieunterricht eingesetzt. Die Schulen Am 22. September hatte die feierliche Übergabe des Schlüssels der Amani-Oberrealschule an den General-Direktor Fahim stattgefunden. Die Renovierungsarbeiten sind an diesem großen Gebäudekomplex weitgehend abgeschlossen. Im 120 Jahre alten schlossähnlichen Gebäude der Aysha-e-Durani-Schule sind die Baufirmen noch dabei, die Schule, besonders ihre „Eingeweide“ zu erneuern. Seit Monaten werden die Schülerinnen in Zelten der Malteser unterrichtet. Ein neuer Verwaltungstrakt, ein neuer Kindergarten entstehen. In der frauenberuflichen Jamhuriat-Schule vollführen die Maler im Hauptgebäude ihre letzten Pinselstriche, allerdings schon seit Wochen. Dieses Schulgebäude ist wunderschön geworden, hell, mit schließenden Türen, verglasten Fenstern elektrischem Licht, überall Steckdosen…… Wie soll es weiter gehen? Der Kindergarten in einem Ruinentrakt, teilweise ohne Dach, ist in stinkender Schweinestall, in dem die Kinder im Sommer serienweise an Diarrhöe erkrankten. Die ehemals von der Moscheeschule belegten Klassenzimmer im Nebengebäude harren der Renovierung. Die wuchtige theaterartige Aula gleicht einer rissigen Riesenhöhle. Trotz Drängen besonders in Bezug auf die Renovierung des Kindergartengebäudes höre ich immer wieder: kein Geld da! Somit ist natürlich für die gesamte Innenausstattung (Bibliothek, Labors, Computerräume, Lehrer-, Verwaltungs-, Direktionszimmer) auch nichts vorhanden. Ich bin auf der Suche nach weiteren Spendern. Hiermit möchte ich Sie alle herzlich bitten: Vergessen Sie den Förderverein für die Amani-Oberrealschule nicht, der jetzt drei Schulen unterstützt. Die Schulen sollen Pilotschulen für das ganze Land werden. Die gesamte Förderarbeit besonders für afghanische Mädchen ist eminent wichtig, sonst würden wir Meyer-Oehmes unsere Alterslebenszeit nicht opfern und dies alles e h r e n a m t l i c h Unsere Beratertätigkeit liegt ausserhalb des FAOK und doch wäre diese Tätigkeit ohne den FAOK im Hintergrund kaum möglich. Sie wäre auch nicht möglich ohne die Hilfe “der Daheimgebliebenen“, des 2. Vorsitzenden Herrn Müller und des Schatzmeisters Herrn Disdorn. Für ihre permanente, bisweilen feuerwehrartige Unterstützung danken wir ihnen sehr! Ein Tag in Kabul Die Tasche auf den Gepäckträger geklemmt, durch die enge Tür des dunkelroten Dornröschenblechtors zwängen, balancieren zwischen Lehm- , Bauschutt-, Kies- und Backsteinhäufen, grüßende Bauarbeiter, an der Straßenecke im Staubdunst kaum zu erkennen, der klapprige Bus Weidmannsdorff-Hamborg. - In der Einbahnstraße mit anderen Fahrradfahrern gegen den Autostrom auf der Hut sein, von einem Überholer um ein Haar angerempelt, von der noch tief stehenden Morgensonne geblendet, zwischen Taxis und Bussen hindurch lavieren. Stau bei Deh-Afghanan, zu Fuß zwischen den Autos hindurchschlängeln, Abgaswolken, Lärm! - Fast eine Frau unter ihrer Tschaderi angefahren. Der halbnackte Bettler rechts streckt heiser schreiend seinen Beinstumpf gen Himmel. - Bei der ser-e-sina-Kreuzung (= Fußgängerunterführungskreuzung) beinahe von einem Bus auf die Stoßstange genommen Die Straße ist frei!!!, bis auf den fünfspurigen Gegenverkehr, der eigentlich nur zweispurig sein dürfte zu Fuß hinüber zur Zwei-Schwertermoschee (Vorsicht! An dieser Kurve bist du schon einmal entsetzlich von einem Fahrradfahrer mit zweitem Mann hinten drauf auf den Boden geworfen worden!) Aufatmen!: Ich bin im Hof der „Hochschule für Mechanik,“ früher Technikum Kabul, eine ruhige schattige, im Sommer wasserreiche Oase. Die afghanischen Deutschlehrer warten in einer Ecke neben dem Schild „KFZ-Werkstatt“, zerbeulte Blechgerippe zweier Autos dahinter. Das Goethe-Institut hatte zu Schuljahrsbeginn Bücher für kommunikativen Deutsch-Unterricht gespendet. Neues muss eingeübt werden. Wie immer vergeht die Stunde viel zu schnell. Das Tonband hat sich wieder einmal verheddert. Der Trafo kann die Spannung von 90 nur auf 110 anheben. 220V sollen es sein. Ich treffe auf Herrn Ayubi, den tatkräftigen Direktor. In der weitläufigen Schule, voller Maschinenwracks und unverglasten Klassenräumen strahlt er Optimismus aus, sorgt für Sauberkeit, Zucht und Ordnung Ich bin schon viel zu spät! Wieder Schlängeln, z.T. das Fahrrad über den Djui („Gräbele“) heben, auf dem holprigen „Gehweg“ zwischen Körben und Säcken vor den Dukanen (kl. Läden) hindurch zwängen. Geduld! Per Auto würde ich über ½ Stunde im Stau stehen. - Schnell hinter den Schreibern gegenüber dem Bürgermeisteramt die am Morgen georderten Kopien abholen ( FAOK Spendengeld !) und ich erreiche die Jamhuriat-Schule am Salang Wat. - An vier Tagen beginnt hier mein Schulalltag mit Lehrerinnen unterweisen, Hospitieren, mit der Direktorin diskutieren und planen, die Bauarbeiten kontrollieren, Erörterungen mit dem deutschen Bauingenieur. Das Hauptgebäude ist immer noch Baustelle. Drei Anfängerklassen werden in dem „Großloch“(ehemaliges Schultheater) voller Altmobiliar zwischen liederlich zusammen geschraubten Schulbänken heimischer Herkunft minderster Qualität unterrichtet. Andere sind Wanderklassen. Längst ist der Deutschraum in die Bauwüste mit einbezogen. Wo ist das Lehrerzimmer, die Direktorin? Immer ist man auf der Suche. - Ich finde die 11. Klasse in einem Nebengebäude. Hier hatte ein Hamburger Hilfsverein ein Nähzentrum errichtet. Gerade beginne ich, mich auf den Unterricht meiner afghanischen Kollegin zu konzentrieren da heisst es, eine ausländische Frau ist da. - Heike M. vom DED (Deutscher Entwicklungsdienst) möchte dringend Informationen über die Jamhuriat-Schule einholen. Der Landesdirektor für Afghanistan hat von Deutschland grünes Licht bekommen! Der DED wird sich voraussichtlich mit zwei deutschen Fachkräften am berufsbildenden Mädchengymnasium engagieren. Nach 15 Minuten: Zwei Männer kommen von der Behindertenwerkstatt in der Nähe von Kunduz (ein deutsches Hilfsprojekt von Frau Schnehage) und wollen Schuhe vorführen. Die stellvertretende Direktorin ist gefragt. Sie hatte die Idee, armen Schülerinnen mit Schuhen zu helfen. Die Schülerinnen lehnen die Beispiele ab. Dies sind Jungenschuhe, für Mädchen nicht geeignet, schon gar nicht in Afghanistans Hauptstadt. Andere Paare werden in Bälde vorgeführt. Die Direktorin möchte mit mir - wie geplant - zur GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und zur kanadischen Botschaft fahren. - Unmöglich! Ich bin ohne Auto! Die 4. Klasse ist ohne Deutschlehrerin! Ich übernehme den Unterricht. Die Schülerinnen sind übermütig vor Freude. -Am folgenden Tag entschuldigt sich die junge afghanische Kollegin: „Meine Kinder war krank. Ich habe keine Vorbereitung.“ Jetzt schnell nach Hause. Die Hündin Doschka bekommt ihr Futter. Glücklicherweise hat Mirwais das Essen schon fertig. Die Quarkkäulchen schmecken wirklich gut! Keine Zeit zum Erzählen, denn schließlich hat ja auch Detlef in der Amani-Oberrealschule einen „anregenden“ Vormittag verbracht. Er besucht und gestaltet den Biologie- und Chemieunterricht in der Oberstufe (22 Wochenstunden). Als Berater des afghanischen Erziehungsministeriums ist er täglich im Direktorzimmer präsent. Wieder los in Richtung „Hochschule für Mechanik“ (siehe Anfang). Dieses Mal warten dort Lehrer und Schüler auf mich, die 10 $ für einen Deutschkurs im Goetheinstitut nicht aufbringen können. 1 ½ Stunden Deutschunterricht. Wir haben viel Spaß miteinander. Auf dem Rückweg, der größte Stau, der dichteste Staub! - Zu Hause falle ich auf meinem Palettenlager in Tiefschlaf. Es wird bereits dämmrig. Hurrah! Wir haben Strom! Schnell an den PC! Nur allzu bald muss man die „Gais“ (Gaslampe) tastend suchen. Der Strom ist abgeschaltet. und weiter geht es mit PC-Akku bei rauschendem, blassem Gas-Licht. Schon ½ 10 Uhr! Draußen ist alles stockdunkel! Die E-Mails sollen noch fort! - Im Internetcafé am Shar-e-Nau-Park schlägt mir die verbrauchte abgestandene Luft vom Tage entgegen. Einige Kurzantworten müssen geschrieben werden. Ich biege in unsere Gasse vom Ruinengelände vor dem Hügel her ein und blende hell auf. Verbirgt sich irgendwo eine Gestalt? Alles leer und verlassen! So schnell wie möglich öffne ich das „Rosenschlossblechtor“. Rein! Zu!! Gott sei Dank!!! Menschen Schlank, hoch gewachsen, schreitet sie wie eine königliche Regentin über den Schulhof, von ihrem Schreibtisch erteilt sie ihre Anweisungen gleich einer Generalin, für die deutschen Bauingenieure ist sie eine schwierige „Bauherrin“, die Direktorin des berufsbildenden Mädchengymnasiums Jamhuriat: Najia Sayed.. Es ist eine Freude, mit dieser hervorragenden Direktorin zusammen zu arbeiten. Alle Reformideen trägt sie voll mit, setzt sich in geschickter, diplomatischer Weise für ihre Verwirklichung ein. Nur durch diese Frau gelangen alle bisherigen Neuerungen: · Beginn der Schule mit der 1. Grundschulklasse, · Beginn des Deutschunterrichts mit der 4. Klasse, fortfolgend bis Klasse 12, · Abschaffung des Hauswirtschaftszweiges in der Oberstufe. Mit großer Weitsicht und Zähigkeit verfolgt die Moudira-Saheb Najia-jon. die weiteren Ziele: · Erstes Arbeiten am Computer in Klasse 8. · Beginn des Englischunterrichts für alle Schülerinnen einheitlich ab Klasse 9. · Verlagerung des Schneidereizweiges als Arbeitsgemeinschaft auf den Nachmittag · Fächerwahl ab Klasse 10 zwischen Ausbildung zu Büroleiterin, Verwaltungsangestellten, Buchhalterin In diesem Zusammenhang verschaffte sie dem DED in kürzester Zeit die Arbeitsgenehmigung des Erziehungsministeriums, setzte sich bei der GTZ für Aufnahme der Fachlehrerinnen in ein deutsches Weiterbildungsprogramm ein und antechambriert bei der kanadischen Botschaft um eine kanadische Lehrkraft für den Englischunterricht zu erhalten. Ihre Aktivitäten für den Aufbau der Pilotschule werden vom Präsidenten für Berufsschulen soweit wie möglich unterstützt. Das Interesse Najia-jons endet nicht an den Schulhausmauern. Für Frauenrechte engagiert sie sich, besonders in ländlichen Gebieten. Dafür ist sie auf der Suche nach Know-how. In der Mitte eines Klassenzimmers der Jamhuriat-Schule stehen graue, staubige, alte Laborschränke Scheibe gegen Scheibe. Sie sind voller Physik-, Chemiegeräte und Lehrbücher. Es war Herr Matin, der die Dinge zu Beginn der Talibanzeit, unter Lebensgefahr vor dem Plündern gerettet hatte, ehe sie in diesem Frühjahr auf Kosten des FAOK wieder aus ihrem Versteck zurück transportiert werden konnten. Heute ist Direktor Matin in der Abteilung für Berufsschulen eine Schlüsselfigur, bemüht sich, Neuerungen aus Kabul in die Provinzen tragen. So ist er es auch, der die Verbindung herstellt zu einem bescheiden Mann aus Gulbahar: Ingenieur Chaled. Immer wieder spricht dieser mich höflich an. Wie früher in den Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg solle an der neu entstehenden Ingenieursakademie in der Provinz Kapisa wieder Deutsch unterrichtet werden. Der von ihm ausgewählte zukünftige Deutschlehrer wird von mir intensiv vorbereitet. In einer gigantischen Aktion organisiert ein Mitglied des FAOK unter Mithilfe vieler Anderer beim Hueber Verlag in München Deutsch-Lehrbücher und vor allem deren Transport durch die Bundeswehr zu einer Zeit in der derartige Hilfe bereits unmöglich ist. Ein Botschaftsangehöriger schenkt Geld für den Kauf von Lehrmitteln, die ISAF spendet Kartons voller Kleider- und Schuhe. - In unserem privaten Peugeot-Bus werden unter Begleitung des Kabuler Präsidenten für Berufsschulen die vielen Bücherkartons, wird alles nach dem ca. 80 km entfernten Gulbahar gekarrt. Dort überrascht uns Ingenieur Chaled durch eine große staatliche Einweihungsfeier für ein noch kleines Institut. Dann meint der kleine Mann zaghaft, ob ich nicht mithelfen könne, die Textilfabrik von Gulbahar, in den sechziger Jahren die modernste zwischen Atlantik und Pazifik, wieder zum Leben zu erwecken. Ich beginne, an dem Problemkreis Interesse zu bekommen, denke an eine Lösung im Zusammenhang mit Steigerung des Baumwollanbaus an Stelle von Schlafmohn und bin auf der Suche nach Experten. Vor wenigen Wochen überraschte Ingenieur Chaled mich zusammen mit einem eindrucksvollen Mann in der Jamhuriat-Schule: Ahmad Malek Anwari lehrte früher an der Kabuler Uni Chemie, war dann Präsident der Textilfabrik in Gulbahar, gehörte zu den engsten Vertrauten von Shah Massud und ist augenblicklich Gouverneur einer der schwierigsten Provinzen des Landes im Süden Kabuls: Logar. Die Gespräche zwischen Gouverneur Malek und dem deutschen FAO-Experten, zwischen dem Afghanen und dem deutschen Vertreter der Kreditanstalt für Wiederaufbau gehören zum interessantesten was ich in diesem Jahr erlebt habe. Weg vom Schlafmohn, Weizen und Baumwolle als Verdienst bringende Alternative, Rohstoff als Voraussetzung für Wiederbeginn der Garn- und Stoffproduktion - Elektrizität aus einem kleinen Wasserkraftwerk am Panjerfluss oder über die vom Staat geplante Überlandleitung aus Tadjikistan? Die Zukunft wird zeigen, ob in der Provinz Kapisa wieder bis zu 12 000 Menschen Arbeit in der Nassaji finden werden. Es gibt vermutlich noch viele Afghanen, die sich für den Wiederaufbau ihres Landes einsetzen ohne an ihren eigenen Profit zu denken, sozusagen „ehrenamtlich“ arbeiten. Diese waren für mich in den vergangenen Monaten die eindrucksvollsten. Der Rohbau schräg gegenüber von uns sperrt sein gefräßiges Maul weit auf als wolle er die Arbeiter verschlingen die auf der nur schemenhaft im Rachen zu erkennenden, geschwungenen Treppe, einer schrägen Zahnreihe gleichend, mit ihren Lasten hinaufkeuchen. Die „kunstvoll“ aus Beton gewölbten Fensterstürze gleichen halb heruntergelassenen Augenlidern hinter denen das Ungeheuer auf Beute lauert. Beute verbirgt sich in den Mauern: Opiumgeld. Ein Kommandant aus dem Norden soll der Urheber des pompösen Baues sein. Eine andere Beute steckt ebenfalls in diesem Hauses und vieler anderer Neubauten der Gegend: Grundwasser. Der Grundwasserspiegel ist durch den eigennützigen, gewaltigen Wasserverbrauch so abgesunken, dass zuerst die flachen Brunnen der ärmeren Afghanen, schließlich auch unserer trocken fiel. Der Hausbesitzer kümmert sich trotz Versprechungen überhaupt nicht um unser Problem. Der von Mirwais angeschleppte „Superchalifa“ treibt das vorhandene Brunnenrohr tiefer in den Boden und mimt Bohren. Die nächste Firma erklärt, das Bohren sei schier unmöglich und will einen neuen Brunnen anlegen. Ein hoher Preis wird schließlich ausgehandelt. Im Nu das ursprüngliche Brunnenloch tiefer gebohrt. Beim Bezahlen helfen unsere afghanischen Freunde: “Es ist afghanisches Gesetz, Wasser gehört zu einen Haus als Grundrecht mit dazu.“, Der Hausbesitzer muss für den völlig überhöhten Ausländerpreis auf kommen.- Vier Wochen sind inzwischen vergangen. Wie unsere afghanischen Nachbarn hatte Mirwais das Wasser auf dem Fahrrad vom öffentlichen Brunnen, fast 1/2 km enfernt, zu befördern. 23 Jahre Krieg haben viel zerstört. Die äusseren Wunden werden vermutlich bald vernarben. Ein wahrer Bauboom verändert das zerstörte Stadtbild von Tag zu Tag. - Wie lange wird es dauern, bis die Wunden in den zwischenmenschlichen Beziehungen heilen? Lügen und Betrügen gehörte zum Überlebenskampf während der Bürgerkriegsjahre. Viele Männer, die zerstört, geraubt, gequält, getötet haben, leben noch. Die Bilder Massuds, dem Idol der Nordallianz, reizen die Paschtunen täglich und tragen nicht zur Entspannung bei. Animositäten und Aggressionen werden selbst in den Lehrerkollegien spürbar. Stipendien werden nach der ethnischen Zugehörigkeit vergeben oder verweigert. - Viele Ausländer erfahren von diesen Problemen nichts. Sie leben hinter dem Schutzwall ihres Geldes und der sprachlichen Unwissenheit. Wer lernt heute noch Dari? Englisch ist die lingua franka, die selbst das rotznäsige Kind im Straßenstaub spricht: „Huwaju!“. Unsere Gedanken werden an Weihnachten, dem Fest des Friedens und der Versöhnung bei den Menschen sein, die trotz Militärpräsenz der ISAF noch nicht im dauerhaften Frieden leben, bei den Menschen, die unter Unwissenheit und Armut leiden müssen. Beim Kerzenglanz des Weihnachtsbaumes werden wir in der warmen Stube an die 3 Millionen Menschen denken, die in der Landeshauptstadt Afghanistans ohne Strom bei Kälte im Dunkeln ausharren. * * * * * * * * * * * * Wir wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest in Frieden, äußerer und innerer Wärme. Freuen Sie sich des Wohlstands, der Sicherheit und Geborgenheit. Möge Ihnen das alles im neuen Jahr 2004 erhalten bleiben. Danken möchten wir Ihnen für Ihre Treue im vergangenen Jahr und bitten Sie, auch 2004 mit uns die drei Schulen helfend zu unterstützen. Die Amani- (ehemals Nedjat-) Oberrealschule feiert am 15. April ihren 80. Geburtstag! Ruthild und Detlef Meyer-Oehme P.S. Fall Sie inzwischen eine (neue) E-Mail-Anschrift haben, so teilen Sie diese bitte dem Verein mit. Wir sind dankbar für jede Porto-Ersparnis. |