Bericht März 2003 (Die Zeituhr tickt)

Ruthild Meyer-Oehme
Shar-e-Nau
Kabul / Afghanistan 08.03.2003
meyeroehme@aol.com

Liebe Mitglieder des FAOK, liebe Spender, Freunde und Verwandte,

Die Zeituhr tickt

Im Dezember 2002:„Es hat eine Explosion gegeben! Die ISAF haben die Bombe gezündet! Eine andere haben sie mitgenommen!“ Walwala, die Tochter der Direktorin des Lycée Jamhouriat ist noch ganz erregt. – Die beiden kleinen Blindgänger, von Bauarbeitern beim Ausheben eines Grabens auf dem Schulgelände gefunden – hatten tagelang auf einem der Container gelegen.

Wenige Tage später manövriert ein ruhiger Bayer seinen riesigen Kran – rotes Kreuz drauf, San-Abteilung der ISAF - durch das enge Schultor. Einen ganzen Tag leistet er dann Zentimeterarbeit, um die acht Container auf große Sattelschlepper zu hieven. Nun stehen sie auf einem „Noch-Militärgelände“ weit im Osten der Kabuler Hauptstadt und bilden den Grundstock für eine dort entstehende muslimische Internatsschule. Lange Zeit waren die Stahlungetüme Stolpersteine auf dem Wege zum wieder Entstehen eines attraktiven Mädchen-Gymnasiums gewesen. Höchstgefährliches Material fürchtete man in ihnen. Es entpuppte sich als klägliches, schrottreifes Inventar eines Jungeninternats aus der Talibanzeit.

Der afghanische Ingenieur schüttelt den Kopf. „Nein, in ein paar Wochen kann man hier keine neuen Klassenräume errichten. Das afghanische Erziehungsministerium duldet keine Übergangslösungen.“ - Wir stehen auf dem Ruinengeländer der ältesten Kabuler Madrassa in einem Altstadtviertel nahe beim Kabulfluss. Hier war die Heimat der jungen, bärtigen, beturbanten bärtigen Männer, die nun schon seit Jahren in einem Gebäude des Lycée Jamhouriat unterrichtet werden. Nach dem Gesetz der Sharia verhindern sie so die Anwesenheit der Schülerinnen in deren eigenem Gymnasium nach der von den Taliban verordneten Zwangspause.

Container und Madrassa, das waren Hauptthemen, die die Direktorin, Najia-jon und mich ständig bewegt hatten. Das Containerproblem wurde gelöst. Aber die Entfernung der Moscheeschule? - Wir sind Dauerbesucher im Erziehungsministerium. Der Brief des Ministers, die vielen unter Kopfnicken erteilten Ratschläge und Hinweise in den verschiedenen Schreibstuben bringen nichts. Bei Schneetreiben schauen wir uns Bauskelette an, in die man die Moscheeschüler auslagern möchte. Es gibt nichts in der von Zerstörung gezeichneten Stadt. Die Zeituhr tickt. Deutschland zieht seine zur Renovierung der Jamhouriat-Gebäude zugesagten Gelder zurück, wenn die Schule nicht bis Ende Februar frei ist. Was wird dann aus dem seit 1957 existierenden berufsbildenden Mädchengymnasium? Was hat die Genehmigung des Erziehungsministeriums für die Wiedereröffnung einer Schule ab Klasse 1 für einen Sinn? Welchen Wert haben die Überlegungen zu einer veränderten Schulstruktur, die Diskussionen über das Curriculum in der Abteilung für Berufsbildung?

Ein eigenartiges Häufchen sitzt im kalten, zugigen Klassenzimmer. Die Tür geht immer wieder auf. Es gibt kein Schloss. Vor einem Fenster steht ein Eisenstuhl. Auch dort fehlt die Verriegelung. Ich vollbringe den Salto, Anfängerinnen und Lehrerinnen (z.T. von anderen Schulen) an zwei Vormittagen in den Winterferien in Deutsch zu unterrichten.

Auch Detlef erteilt den täglichen Deutschunterricht für seine Kollegen in der Amani-Oberrealschule im ungeheizten Raum. Nur für die wöchentliche Bio- und Chemie-Fachlehrerrunde sitzt man bei uns „zu Hause“ im Warmen.

Die Zeit rast. Januar 2003. Am 15. ist unser Vertrag zu Ende. Eine Verlängerung steht nicht zur Diskussion. Wir sollen die Schulen, unsere Arbeit, die wir gerade erst begonnen haben, verlassen? Die afghanischen Kollegen sind entsetzt. Im afghanischen Erziehungsministerium will man, dass wir länger bleiben. Wir bekommen einen afghanischen Vertrag. Er beinhaltet Arbeitsmöglichkeit ohne jegliche Bezahlung. Nach zwei Monaten, Mitte März wollen wir wieder kommen.

Am 15.1. sitzen wir in der Ariana-Maschine Kabul - Frankfurt. Doschka schläft in ihrer Hundekiste einen Betäubungsschlaf unter uns im Frachtraum.

Unsere Gedanken gehen zurück dorthin, wo wir so schnell wieder Wurzeln geschlagen haben – trotz vieler Schwierigkeiten.

· Wir denken an Ihre Hilfe, sehr verehrte liebe Spender des FAOK, durch die wir das Schulpersonal in geringem Umfang finanziell unterstützen konnten. Gerne würden wir viel mehr tun. Denn man kann sich nicht oft genug vor Augen führen, wie verheerend die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung ist. Ein studierter, ausgebildeter Lehrer bekommt 35 $ Monatslohn, ein Minister verdient 70$, einer der vielen Angestellten bei den Europäern im Durchschnitt 100$, ein afgh, Fahrer bei UN heimst 700$ Monatslohn ein. Ein garagenähnlicher Raum im an Wohnungsmangel leidenden Kabul dagegen kostet 50$, 1 kg Fleisch ca. 2,6$, 1 kg Äpfel 65 Cent, 1 feuchtes, weiches Fladenbrot, von dem man niemand mehr satt werden kann, 6,5 Cent. Kabul quillt über von Lebensmitteln und Importwaren. Wer hat das Geld zum Kaufen, wenn pro Familie 10 Münder gestopft werden müssen?

· Wir lassen an uns noch einmal die unzähligen Nachmittage vorüber ziehen, an denen wir in unserem stets überladenen Peugeot-Bus die Lehrer /innen zu den Augenuntersuchungen transportieren. Für Ihre Spenden, für im Durchschnitt 8,15 €, wurden sie in der vor vielen Jahrzehnten von Amerikanern eingerichteten Augenklinik NUR behandelt, bekamen Brillen, Medikamente ausgehändigt. Niemand ging leer aus. So verheerend ist die gesundheitliche Lage der Bevölkerung.

· Wir erinnern uns an den für Mitteleuropäer ohrenbetäubenden Lärm beim Konzert afghanischer Musiker im LESESAAL, in dem die Schüler nach Jahren der Musikabstinenz unter den Taliban in Ekstase gerieten,

· Der Abgasqualm der im Stau stehenden Autos kriecht mir in Gedanken noch einmal in den schwarzen Mantelärmel und legt sich auf die Haut

Die Zeit hat uns überrollt - 13. März 2003! - In wenigen Minuten werden wir in Teheran zwischenlanden, um Treibstoff zu tanken.

In Deutschland konnte ich das Konzept meines Rundbriefes nicht mehr verwirklichen. Wir sind auf dem Rückweg nach Kabul. Am Spätvormittag werden wir dort eintreffen. Wo werden wir wohnen? Unsere Bleibe in der Nähe der amerikanischen Botschaft mussten wir aufgeben. Den Peugeot-Bus haben wir unterstellen können. Werden wir zunächst in ihm kampieren? Wo? Wir erhielten einen „Afghanenvertrag“, für sechs Monate, haben freiwillig auf Bezahlung verzichtet. In der Satzung des FAOK ist verankert, dass Mitglieder ihre Arbeit ehrenamtlich leisten. Dies gilt auch für uns.

Im Dezember vergangenen Jahres hatte uns das Erziehungsministerium dokumentiert, dass man uns an den beiden Gymnasien. Amani-Oberrealschule und Lycée Jamhouriat noch weiter braucht. Was wollen, was können wir tun?

Der Vorstandsvorsitzende wird den Deutschunterricht für seine Fachkollegen und andere afghanische Lehrer (inklusive des Direktors) der AORS fortsetzen

Er wird die Fachkollegen für Biologie und Chemie speziell weiterbilden.

Ob er seinen Wunsch, Probestunden für Schülerpraktika an den Nachmittagen zu veranstalten, verwirklichen kann? In Deutschland hatte er sich mit Hilfe Ihrer Spendengelder, liebe Freunde des FAOK, um Fachbücher für die Kollegen und Anleitungen für Schülerpraktika bemüht. Aber: werden die aus Mitteln der Bundesrepublik versprochenen Laboreinrichtungen inzwischen vorhanden sein? Der Hintergrund dieser Bemühungen ist der Wunsch, die Amani-Oberrealschule wieder zu dem zu machen, was sie seit ihrer Gründung 1924 immer war: ein herausragendes naturwissenschaftliches Gymnasium, keine bloße Sprachschule mit Abschluss eines Sprachdiploms in Deutsch. (Deutsch ist keine Weltsprache, Englischkenntnisse sind unersetzlich . Die Zeit für Englischunterricht sollte dadurch gewonnen werden, dass der naturwissenschaftliche Unterricht auf der Oberstufe wie früher wieder nur auf Deutsch erteilt wird und somit den DaF-Unterricht teilweise ersetzt.)

In diesem Zusammenhang waren wir im Januar eigens von Auggen zum Auswärtigen Amt nach Berlin gefahren. Sie erinnern sich vielleicht noch an das Memorandum, das der Vorsitzende anlässlich des Besuches des deutschen Aussenministers in Kabul im November vergangenen Jahres verfasst hatte. Doch Deutschland hält an seiner Sprachschulpolitik für die AORS weiterhin fest.

Ein weites Betätigungsfeld für den FAOK-Vorsitzenden ist der LESESAAL in der Amani-Oberrealschule, jene Stätte der Begegnung afghanischer und deutscher Kultur. Dank einer großzügigen Stiftung, um die sich Detlef in Frankfurt /.M bemüht hatte, wird die LESESAAL-Arbeit vorerst finanziell abgesichert sein.

Finanziell abgesichert sind auch die Augenuntersuchungen für die Lehrerinnen der neu vom Verein zu unterstützenden Aysha-e-Durani-Schule (allgemeinbildendes afghanisches Mädchengymnasium). Dank einer Geburtstagssammlungsspende können wir sogar die Augen der Angestellten aller drei Schulen kontrollieren lassen.

Unser Anliegen, die Schulbediensteten der drei Gymnasien an besonderen Feiertagen mit einem Geldgeschenk zu unterstützen, bildete in den vergangenen Wochen Thema ernster und heftiger Diskussionen im Vorstand. Dieser Rundbrief ist nicht der Ort die verschiedenen Meinungen zu diskutieren. Hiermit möchte ich Sie, liebe Mitglieder und Spender jedoch sehr herzlich bitten, sich über die Anwendung Ihrer Spenden mit Gedanken zu machen und uns auch darüber zu informieren. Tatsache ist, dass Deutschland viel hilft, bei den Lehrergehältern jedoch überhaupt nicht. Jedenfalls tragen wir jetzt wieder Beträge von 30 € pro Schulmitarbeiter zum Neujahrsfest in unseren Bauchgurten. Ob wir in Zukunft derartige Unterstützungsgelder wieder bei der Feldkasse im ISAF-Lager abheben werden können, ist augenblicklich unsicher.

Ich habe mich in den vergangenen Wochen immer wieder mit der Auswahl geeigneter Deutsch-Lehrbüchern für die Mädchen des berufsbildenden Gymnasiums Jamhouriat beschäftigt. Nichts ist 100%ig für die afghanischen Schülerinnen geeignet. Da die Schule – weil nicht allgemeinbildend – keine Förderung vom Auswärtigen Amt erhält, konnte die Bestellung der notwendigen Lehrwerke auch nicht ans Goethe-Institut weitergeleitet werden. Mit Hilfe Ihrer Spenden gekaufte Einzelexemplare sind augenblicklich mit der „Deutsche Post“ ans Feldpostamt Kabul unterwegs. Am Schuljahrsbeginn werden wir uns zunächst mit Kopien behelfen müssen. Von der im vergangenen Sommer in Wiesbaden von der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Sport veranstalteten Spendensammlung bei den allsonntäglichen Jazzkonzerten „Musik im Hof“ hatte ich in Kabul im Herbst bereits verschiedene Lehrmaterialien erwerben können. Inzwischen sind eine PFAFF-Nähmaschine, wie sie an deutschen Schulen gebraucht wird und ein Tageslichtprojektor nach Kabul unterwegs, ebenso die Bücher für den berufsbildenden Fachunterricht auf der Oberstufe des Lycée Jamhouriat.

Ob die Moscheeschule während unserer zweimonatigen Abwesenheit das Gelände der Jamhouriat-Schule geräumt hat?. Wo sollen die angehenden Imame unterrichtet werden? In Deutschland hat man inzwischen erkannt, dass staatliche Moscheeschulen keine Kaderschmieden für Terroristen sind sondern eine Möglichkeit bieten, terroristische Ausbildung zu verhindern. Vielleicht sind dann meine Bemühungen um Beschaffung von Mitteln für einen Moscheeschulneubau bei den Berliner Botschaften der Golfstaaten nicht mehr nötig.

Wie steht es mit dem Wiederaufbau der Jamhouriat-Schule? Sind die von einer anderen deutschen Hilfsorganisation angekündigten 32 Computer bereits auf dem Weg zum berufsbildenden Mädchengymnasium?

Gleich nach unserer Rückkehr hatte ich mich noch im Januar beim BMZ in Bonn für Unterstützung eingesetzt. Dort besteht eventuell Interesse an der Übernahme des berufsbildenden Mädchengymnasiums. Wird dies in naher Zukunft Wirklichkeit? Dann bräuchte ich nur noch in einer Überbrückungsphase als Beraterin für Ministerium und Schule tätig zu sein.

Die Maschine rüttelt sich Kabul entgegen. Unter uns eine dichte Wolkendecke. In Teheran war die Landebahn feucht, es regnete etwas. Wie wird das Wetter in Kabul sein? Vor drei Tagen soll es tüchtig geschneit haben.

Seit sich die Staatengemeinschaft der ganzen Welt vom Oberkriegstreiber abgewandt hat, bin ich nicht mehr so angstbeladen. Vielleicht läuft die Zeituhr ab, ohne dass es zu einem Weltbrand kommt und alle Aufbauarbeiten in Afghanistan, auch unsere in Kabul, zunichte gemacht würden.