Bericht Mai - Juli 2003 (Stückwerk)Ruthild Meyer-Oehme Liebe Mitglieder des FAOK, liebe Spender, Freunde und Verwandte S t ü c k w e r k Der Neubeginn „Proprietary Dealer,“ „houses for rent“ an jeder Straßenecke findet man sie in den Ausländerwohngebieten, die Häuservermittler. Tagelang gewinnen wir durch diese Händler Einblick in die verzweifelte Wohnsituation vieler Afghanen. Wir suchen ein kleines Häuschen mit drei bis vier Zimmern. Küchen gibt es da nicht. Ein Bad fehlt ebenfalls. Man könnte ins Trockenklohochhäuschen (gleich neben dem Eingangstor) eine Kloschüssel setzen, wird uns mehrfach empfohlen. In diesen einstöckigen Lehmbauten drängen sich drei bis vier Familien mit jeweils bis zu acht Kindern. Die Hausbesitzer wollen guten Verdienst und setzen die keine Luxusmieten zahlenden Landsleute kurzerhand auf die Straße. Wie oft werden wir verzweifelt angeschaut, ob wir diejenigen sein könnten, die an ihrer Vertreibung mit helfen würden. Im Südosten Kabuls, am Chaman e-Husuri gibt es ein großes Zeltlager für Mietzahlungsunfähige. Unser Traumhaus liegt in Karte-Seh. Zwar ist es viel zu groß für uns aber preiswert, denn der von Ruinen umgebenen Stadtteil ohne Elektrizität wird gemieden. Von hohen Mauern umgrenzt thront es über einer Paghmanflussbiegung mit herrlichem Blick über Felder, niedrige Lehmhäuser bis hin zu den Hügelketten hinter Darul-Aman im Süden und zur Paghmankette im Westen. Auf der Nordseite rauscht tags über der Verkehr auf der alten Ausfallstraße nach Kandahar vorbei. Eine nächtliche Detonation, Gewehrsalven an den beiden nahen Flussübergängen, Blaulicht von Polizeiwagen können uns nicht aus der Ruhe bringen. - Ein Generator wird erstanden. In zwei Taxis transportieren wir Kühlschrank, Waschmaschine, Staubsauger an. Unser Peugeot ist gerade in der Werkstatt. An jenem Abend fahre ich nach Einbruch der Dunkelheit per Fahrrad nur noch schnell zum Nonwoi (Bäcker), Fladenbrot kaufen (wie immer natürlich ohne Licht, damit ich als Ausländerin nicht auffalle). Auf dem Rückweg pendelt ein Afghane - mit Licht - besonders langsam und hinderlich vor mir her. Detlef hört drin , wie ich den Schlüssel im Schloss umdrehe und öffnet die Eingangstür in der Mauer. Ich schiebe mein Fahrrad rein. Plötzlich hinter mir - ein stierähnliches Gebrüll „“Raus!“ Detlef versucht verzweifelt, zwei sich hereindrückende Männer zurück zu drängen. Der eine Bewaffnete gelangt in den dunklen Vorgarten. Auf 2 m Entfernung richtet der Räuber das Gewehr auf mich. Detlef boxt sich nach draussen, drückt den zweiten Einbrecher zurück und ruft laut und vehement um Hilfe. Mir gelingt ebenfalls die Flucht hinaus. Ich spüre einen Schlag auf den Kopf, die Brille fällt zu Boden. Dann stürze auch ich auf die Straße hinaus, verzweifelt winkend und rufend. Die Besucher vom gegenüber liegenden Hamaam (Bad) strömen zusammen, zwei Autos halten. Detlef hetzt ins erste rein und ruft „ba police“. Da, ein Schuss! Wie ein Spuk verschwinden alle Menschen. Die Autos rasen davon. In einem sitzt Detlef. Ich renne ins Grundstück zurück, verriegle - noch am ganzen Leib zitternd -und suche Doschka. Sie liegt auf der anderen Hausseite im Garten und schläft. Ob sie aus Alterstaubheit überhaupt nichts von dem Überfall mit bekommen hat? Es ist kein Eindringling im Haus. Erst jetzt bemerke ich, dass mir Blut über das Gesicht rinnt. Bald kommt die Polizei gleich zweimal bringt mich zum Nähen ins einheimische Hospital und schickt zwei Bewacher für die Nacht. Wir sollen dort nicht wohnen bleiben. Aus der Traum. Wieder übernachten wir im Peugeotbus (im Gartengrundstück eines Freundes). Meine Direktorin opfert ihren freien Tag, um uns zu einer neuen Bleibe zu verhelfen. Detlef ist entsetzt über das völlig herunter gekommene Haus. Es stand 5 Jahre leer, hat keine Küche ein Loch von Badezimmer, einen total verwahrlosten kleinen Garten. Aber: „amyat-e- chub ast“, es ist sicher. Das Anwesen liegt in der Shar-e-Nau, 30m von der holprig-staubigen Straße entfernt, völlig von anderen Grundstücken umgeben. Seit dem 28. März führen wir einen zermürbenden Kampf mit dem geizigen Hausbesitzer. Das sog. Bad war inzwischen zweimal eine stinkende Baustelle und immer noch funktioniert der Abfluss nicht richtig, tropft es überall. Der Garten ist inzwischen zu einer kleinen, noch unfertigen Oase geworden. Auf der Terrasse fühlen wir uns wie in der Sommerfrische, - wenn nicht gerade Sand- bzw. Staubsturm herrscht, wie im Augenblick. Man schreibt den 23. März. In der Mehrzweckhalle der Amani-Oberrealschule ist es totenstill. Staatspräsident Karzai eröffnet mit kräftigen Gongschlägen das neue Schuljahr. Dann beugt er sich über das Gästebuch, das ihm der deutsche Koordinator, Volker Bausch, überreicht. Mit seinem Eintrag beginnt das afghanische Staatsoberhaupt eine neue Ära des von Deutschland massiv geförderten Jungen-Gymnasiums. Zuvor hatte er die besten Schüler und Schülerinnen des Landes geehrt. Die Preisträger waren aus allen Provinzen nach Kabul geladen worden. Einer Schülerin des Aysha-e-Durani-Gymnasiums wurde gleich zu Anfang eine Urkunde überreicht. Die Amani-Oberrealschule ist stolz, dass auch von ihr ein Spitzenschüler dabei ist. Der Schuljahrsbeginn bedeutet für viele Direktoren eine gewaltige Hersausforderung: noch mehr Schüler. Unmengen von Kindern fluten durch die geöffneten Schultore. Auch die Zahl der Lehrer steigt. Die Zahl der Klassenzimmer bleibt meist unverändert. Schichtunterricht ist angesagt. 23.05.03: Obwohl strenge Aufnahmebeschränkungen angewandt werden, wächst die Schülerzahl der Amani-Oberrealschule auf ca. 4000. Anfang Oktober soll die Einweihung der renovierten Schulgebäude sein. Sei Monaten ist der große Platz vor dem Haupttrakt eine Baustelle. Angewittere Betonplatten werden zerstückelt und durch neue ersetzt, rote Streifen dazwischen sollen die graue Fläche farbig gestalten. Zwar sind vor wenigen Wochen die aus Deutschland gelieferten Schulmöbel vom Zoll freigegeben worden aber es fehlt noch an Vielem: Tafeln, Labormobiliar,, Sammlungsschränken, vor Allem an deren Inhalt. Im letzten Jahr hatte Detlef immer wieder um die Bestellung der Lehrmittel und Geräte für Physik, Chemie, Biologie gebeten. Kurz vor Schuljahrsbeginn sollten sie schließlich auf Grund finanzieller Überlegungen aus Teheran geordert werden. Sie wären dann innerhalb einer Woche zu Schuljahrsbeginn da. Nichts ist nichts da! Der naturwissenschaftliche Fachunterricht findet weiterhin ohne Anschauungsmittel und Experimente in den Klassenzimmern statt. Wieder können keine Schülerpraktika gehalten werden. Erst Ende April wurden die Bestelllisten nach Deutschland versandt. Die Bau-Consultingfirma war mit dem Procedere betraut worden. Immerhin konnte Detlef vom deutschen Koordinator gebeten - zusammen mit den afghanischen Fachleitern Listen für eine „Mindestausstattung“ erstellen . Seit diesem Schuljahr beginnt der Deutschunterricht mit der Klassenstufe 4. Er wird von deutschen Kollegen erteilt. Die 5. u. 6. Klassen erhalten keinen Fremdsprachenunterricht. Ab der Klassenstufe 7 unterrichten afghanische Kollegen und eine afgh. Kollegin DaF. Die deutschen Sprachkenntnisse in den Oberklassen sind kläglich. Das wird sich vermutlich kontinuierlich bessern, denn im vergangenen Herbst und Winter besuchten afghanische Deutschlehrer und Naturwissenschaftler einen Deutsch-Intensivkurs hier in Kabul und sind anschließend an verschiedenen Goethe-Instituten in Deutschland ausgebildet worden. (Zum Schluss waren sie noch drei Wochen bei deutschen Familien in Ostwestfalen.) Wie im vergangenen Jahr erteilt Detlef wieder DaF-Unterricht an seine Fachkollegen innen und interessierte Oberlehrer. Wenn es ihm zeitlich möglich ist, nimmt auch der afghanische Schulleiter an dem Deutschkurs teil. Für Fortbildungsseminare bleibt den oft weit ausserhalb Wohnenden, auf Nebenerwerb Angewiesenen keine Zeit. So gestaltet Detlef den Bio- und Ch-Fachunterricht in den Oberstufenklassen mit, oftmals hält er ganze Stunden und gibt somit Unterrichtsbeispiele. Einige afghanischen Fachlehrer machen sich eifrig Notizen, greifen etwas auf. Am 16. April war ein großer Tag. In einer kleinen Feierstunde überreichte Detlef in Anwesenheit dr Kulturreferentin der Dt. Botschaft Kabul den Fachkollegen modernste Fachliteratur, von Herrn Dr. Klett persönlich gespendet. Die Afghanen sind begeistert. Herausragend interessierte Schüler leihen sie aus oder arbeiten im Lesesaal mit den Büchern. Obwohl die Renovierungsarbeiten in den Lesesaalräumen noch nicht abgeschlossen sind, will Detlef jetzt endlich wieder mit den kulturellen Aktivitäten anfangen. Erst wurde er gebremst. Das Konzert mit afghanischer Musik sollte dann endlich vor einer Woche steigen. Die Einladungen waren bereits gedruckt, da hieß es, Mohammads Geburtstag werde ein Tag später als im Kalender stehend begangen. Am Feiertag könne es kein Konzert geben. (Bis zum Vorabend wusste man hierzulande nicht, wann der Geburtstag nun tatsächlich sein würde. (Er wurde dann doch kalendergemäß begangen.). Ein weiterer Konzerttermin platzte, weil die afghanischen Musiker das Publikum warten ließen und ohne Absage einfach weg blieben. Ein neuerlicher Anlauf, diesmal unter Mitwirkung von 11 Schülern, wird am 17. Juli unternommen Auch das Mädchen-Gymnasium Aysha-e-Durani wird mit deutschen Geldern gründlich renoviert. Wie in der Amani-Oberrealschule haben die Schülerinnen (2500) Schichtunterricht. Ab Klassenstufe 7 wird weiterhin mit Englischunterricht begonnen. Auf Klassenstufe 4 haben 4 Parallelklassen Deutsch- Anfangsunterricht. Er wird von zwei deutschen Kolleginnen und einer afghanischen Assistentin erteilt. Wie für die AORS wird auch für die Ay Du eine Grundausstattung für die Labors in Physik, Chemie, Biologie aus Deutschland geliefert werden. Die in den ersten 14 Tagen des Mai durchgeführte Augenkontrollaktion aus Mitteln des FAOK kostete mich täglich 3 4 Stunden. Fast drei Wochen war unser Auto Sammeltaxi. (Es fährt immer noch mit deutschem Zollkennzeichen.) Von wenigen Ausnahmen abgesehen bekam jede Lehrerin mindestens eine Brille oder ein Medikament verschrieben. Inzwischen sind die Brillenaktionen des FAOK bereits stadtbekannt. Immer wieder treten Lehrer anderer Schulen an uns heran. Die Direktorin des Lycée Jamhouriat will auf meinen Vorschlag hin versuchen, beim Erziehungsminister Kanoony eine Großaktion auf Kosten einer NGO starten zu lassen, Für das Lycée maslaki Jamhouriat war buchstäblich in letzter Minute ein Wunder geschehen. Nach zähem Ringen erreichten vor allem die Ingenieure der Wiederaufbaufirma den Auszug der Moscheeschule von dem Jamhouriat-Gelände - unmittelbar vor Schuljahrsbeginn im März. Das Erziehungsministerium stimmte wesentlichen Neuerungen zu: Schulbeginn mit der ersten Grundschulklasse (statt wie bisher erst ab Klasse 7). Ab der 4. Klasse wird DaF gelehrt. (In diesem Schuljahr beginnen also die Klassen 4, 5, 6, 7 mit Deutsch als Fremdsprache.) Das Angebot an hauswirtschaftlichen Fächern auf der Oberstufe wird (zunächst) zugunsten von berufsbildenden Fächern auf eines reduziert. Dennoch bleibt die Schülerinnenzahl zu Anfang kläglich. 150 Mädchen (in der Grundschule auch einige Jungen). Die „Befreiung“ kam zu spät. Der Deutschunterricht wird von drei afghanischen Kolleginnen erteilt. Zwei von ihnen hatten an der Herbst- und Winterfortbildung mit Aufenthalt in Deutschland teilgenommen. Das Goethe-Institut unterstützt die Anschaffung moderner Schulbücher. Den Lehrerinnen fallen die neuen Methoden zunächst schwer. Die Schülerinnen sind begeistert. Meine Aufgabe ist es, die Kolleginnen zu unterweisen und ihren Unterricht zu begleiten. Auf jeder Klassenstufe ist mindestens eine Wochenstunde muttersprachlicher Unterricht unerlässlich. Eine geringe Geldsumme des FAOK ermöglicht den Rücktransport von während der Talibanzeit ausgelagertem Mobiliar und Lehrmaterial. Aus den UDSSR ehemals angelieferte Tische werden jetzt zum ersten Mal ausgepackt und zusammengeschraubt. Ich bin beeindruckt von den noch vorhandenen Laboreinrichtungen für Physik und Chemie. Leider können sie bisher nicht genutzt werden, denn noch fehlen die Räumlichkeiten. Dank einer Sonderspende zugunsten des FAOK konnte an alle im April anwesenden Schülerinnen Schals, etwas Kleiderstoff und stabile Schultaschen ausgegeben werden. Der Lehrertag bot Gelegenheit, der Schule einen Tageslichtprojektor und eine stabile PFAFF-Nähmaschine zu überreichen. Dies erwähnte sogar der afghanische Nachrichtensprecher. Auch im berufsbildenden Mädchengymnasium Jamhouriat wird jetzt mit deutscher Hilfe renoviert. Augenblicklich sind neue Toiletten für die Schülerinnen, die Fenster dran. Der Hof wird neu gestaltet. Dann sollen die Türen, die Elektrik folgen. Freilich, das Feinste vom Feinen wie in den beiden anderen Schulen wird es nicht werden. Die Tätigkeit am Lycée Jamhouriat füllt mich nicht völlig aus. Also strample ich zweimal wöchentlich durch dichten Innenstadtverkehr zur „Hochschule für Mechanik“ früher das von Deutschland seit 1937 unterstützte „Technikum Kabul“. Dort erwarten mich „die alten Herren“. (Sie sind alle wesentlich jünger als ich.) Es fällt ihnen zunächst sehr schwer, die Anweisungen des Lehrerhandbuchs zu verstehen und dann noch in eine gemimte Unterrichtspraxis umzusetzen. Der (Hoch)schule für Mechanik und der Kunsthandwerkerschule hatte das Goethe-Institut mit einer großzügigen Spende moderner Lehrbücher geholfen. Inzwischen haben die DaF-Lehrer ihre Scheu vor der neuen Unterrichtspraxis = weg vom Grammatik-Pauken -verloren. Immer wieder stoßen Neue zu unserem Arbeitskreis. 04.07.2003: Besuch aus Deutschland Ich schaffe es nicht! Vor Birgunds Ankunft am 28. Mai hätte dieser Bericht fertig sein sollen! Mit unserer Tochter verlassen wir (seit der Ankunft im September vergangenen Jahres) zum ersten Mal die Stadt. Die Landschaft nördlich von Kabul ist nicht mehr wieder zu erkennen. Wir können es nicht fassen! Die Abfahrt nach Kares-e-Mir entdecken wir nicht. Das Stangendorf Qallah Murad Beg mit den Töpfern! Wo ist es geblieben? Der mit grünen Fahnen gespickte Shahed-Hügel am Rand des Tälchens, Mahnmal für die Opfer der Kriegsjahre, gleicht einem gepanzerten Drachen. - Diese kahle Wüstensteppe soll einmal die fruchtbare Kohdaman-Ebene gewesen sein? Klägliche Containerbazare Panzerwracks an Stelle der reichen Orte Serai Quodja und Karabagh. Lehmruinen in der nackten, immer noch von Kämpfen gezeichneten Landschaft an Stelle der früheren von Maulbeerhainen halb verdeckten mächtigen Bauernburgen! Ab und zu zeigen Steinchenreihen dicht an der Straße die Grenze von Minenfeldern an. Große Signaturen an Hauswänden bekunden: Hier wurde bereits geräumt. Einmal erleben wir Minensucher, mit ihren vergitterten Helmen an mittelalterliche Ritter erinnernd, mit dem Sondierstab an Stelle des Schwertes, in der Nähe der Straße. Das internationale Hilfsangebot zum Wiederaufbau ist groß. Überall beweist ein Heer von Tafeln die Präsenz der NGOs aus aller Herren Länder. Die alten Bewässerungskanäle sind verschüttet. Es wird nach Wasser gebohrt, neue Brunnen geschaffen. Minenfrei, Wasser, das bedeutet neue Rebanlagen, junge Obsthaine. Hier glaubt man an das Wiedererstehen eines blühenden Afghanistans. Die Abfahrt nach Estalif ist nicht zu übersehen. 15 NGOs dokumentieren ihre Wiederaufbauhilfe für diesen bekannten Ort. Von der Kante des tief eingeschnittenen Tales blickt man hinüber zu dem einstmals malerisch besiedelten Hang: Ruinen, soweit das Auge reicht. Im Garten des zerstörten Hotels picknicken afghanische Familien aus Kabul unter schattigen Bäumen. Estalif selbst: völlig zerstört, fast menschenleer. Mich gruselt. Unweit des Rohbaus einer Zementmoschee erste Dukane in den Ruinen. In den zwei, drei Töpferläden wählt man wie früher zwischen den zerbrechlichen Schalen. Wo fließen die Dollarfluten der Hilfsorganisationen hin? Nur ein Bruchteil scheint dort an zu kommen, wo das Geld seit Jahren dringend nötig wäre. Eine Woche später stehen wir auf dem Ruinenfeld der ehemaligen Alexanderstadt Kapisa und blicken über die weite grüne Oase auf der anderen Seite des Panjerflusses hinweg nach Norden. zu den Schneegipfeln der Haupt-Hindukuschkette. Dieses Gebiet war immer in den Händen der Nordallianz. Hier ist nichts zerstört. Das alte Afghanistan lebt noch. Und doch: „Es ist besser, wenn Sie nicht am Steuer sitzen“, meint unser afghanischer Freund, „Die Leute hier sind Europäer nicht gewohnt.“ Er lenkt dann unseren Peugeot J 5 auf der breiten Staubstraße durch die Fruchtoase dem Gebirge entgegen. Gulbahar, früher ein blühender Ort, wirkt verlassen. Das Herz, die von Deutschland gegründete Textilfabrik, Nassaji, schlägt nicht mehr. (Später erfahren wir: Es wird wieder schlagen. Deutschland wird die Nassaji wieder aufbauen.) Birgund erlebt noch das Kabul ihrer Kindheit, die Bazare rund um Mandai. Hier vergisst sie die Zeit, in der wir leben. Draußen auf der Hauptstraße wird sie ihr wieder bewusst. ISAF-Fahrzeuge patrouillieren mit schwenkenden Rohren durch die Stadt. Viele Areale gleichen kleinen Festungen, deren Schutzwälle, Sichtschutzzäune höher und immer noch höher wachsen. Einmal ist die Straße zum Kargha-Stausee für uns gesperrt. Eine frisch gelegte Bombe wurde entdeckt. Zweimal wird Birgund von jungen Männern auf der Straße behelligt. Im letzten Jahr noch eine Ausnahme, erlebe ich mutwilliges Behindern durch Jugendliche inzwischen täglich mehrfach beim Fahrradfahren. Ein Glück, dass die Autofahrer in dem immer dichter werdenden Verkehr meist zuvorkommend sind. Hieß es nach Birgunds Ankunft überall „Tscheschm schemo ruschan“, „Ihre Augen leuchten!, so werde ich nach ihrem Abflug mit: „Djoi sabs boschad“, „Der Platz möge grün bleiben!“, gegrüßt. (Der für ihren Abflugtag angekündigte Anschlag auf den Kabuler Flughafen hatte nicht stattgefunden.) Fortbildung für Lehrer aus den Provinzen Aus der Helmandprovinz, aus Kandahar, Djalalabad, aus Baghlan hätten sie kommen sollen, die Deutschlehrer der dortigen Technischen Schulen, denen ich bereits Buchmaterial über die Abteilung Berufsschulwesen zugeschickt hatte. Sind sie aus Gründen der Unsicherheit auf den Straßen oder als Folge mangelnder Zentralgewalt des Kabuler Erziehungsministeriums nicht erschienen? Vor mit sitzt schließlich e i n e r, ein imposanter Paschtune. 14 Tage lang bereite ich ihn täglich 3 4 Stunden intensivst auf seine zukünftige Lehrtätigkeit am neu eröffneten Institut für Techniker in Gulbahar (ca.. 70 km nördlich von Kabul) vor. Mein nächster „Privatschüler“ ist in der Woche darnach der Direktor der Kunsthandwerkerschule in Herat. Für die weit über 200 Schüler beider Schulen sind die Deutschbücher bereits nach Afghanistan unterwegs. Ein FAOK-Mitglied konnte eine großzügige Spende vermitteln und mit dem Max Hueber-Verlag über zusätzliche Rabatte sprechen. Die Veränderungen In der Jamhouriatschule geschieht Gewaltiges. Das Ganze Schulgebäude, die Höfe sind zur Baustelle geworden. Lehrerinnen Schülerinnen leisten Erstaunliches. Hinten hat der Schreiner zur Fenstererneuerung seine Hobelbank aufgestellt, vorne wird in den Klassenzimmern unterrichtet. Es wird abgeflammt, gespachtelt. Manchmal kann man sein eigenes Wort nicht verstehen, wenn die Kanäle für die Unterputzleitungen heraus gemeißelt werden. Jeden Tag schleppen Kinder ihre Tische und Stühle durch die Gänge, wenn ihn ihrem Zimmer gar nichts mehr geht und sie in irgendeiner Schulecke Platz suchen müssen. Der Basketballplatz ist fertig betoniert. Vor dem Haupteingang schützt ein Meter hoher Eisenzaun das Blumenbeet in spe, das Schülerinnentoilettenhaus ist fast fertig. Aber: Die Aussenfassade kann nicht gestrichen werden. Die riesengroße Aula, jetzt noch ein graues Gewölbe, später vielleicht einmal ein imposantes Theater, kann nicht renoviert werden. Das zweite Schulgebäude kann überhaupt nicht saniert werden. Der Schulkindergarten ist von baulicher und sanitärer Seite her gesehen eine Katastrophe. Der Schuldiener haust mit seiner Familie immer noch in einem Klassenzimmer, weil sein Häuschen nicht bewohnbar ist. Von deutscher Seite gibt es kein Geld mehr. Die Schülerzahl wächst ständig. Waren es zu Schuljahrsbeginn erst 150. bald darauf 250, so sind es jetzt bereits 600. Täglich melden Eltern ihre Kinder an (für die Grundschule auch Jungen) und das mitten im Schuljahr. Die von den Afghanen hergestellten Schulmöbel, die augenblicklich zusammengebaut werden, sind Schrott. Man wartet auf die in der Amani-Oberrealschule ausgemusterten Tische und Stühle, die jetzt vorübergehend in der Aysha-e-Durani genutzt werden. Die Direktorin ist betroffen, dass anfänglich gemachte Versprechungen nicht mehr eingehalten werden können. (Das allgemein bildende Lycée Ayesha-e-Durani wurde statt dem berufsbildenden Mädchengymnasium ins Förderprogramm aufgenommen.) Hilfe: Leider fließen die Gelder für den Förderverein spärlicher. So konnten wir den rund 350 Lehrern und Angestellten der drei Schulen bisher nur zum Neujahrsfest eine Spende von je 50€ und zum Lehrertag eine Zusatzunterstützung von 10€ (bzw. 30€ an die Lehrerinnen der Jamhouriatschule) zu den vom deutschen Koordinator gesammelten Hilfsgeldern geben. Der afghanische Staat ist weiterhin bankrott. Die lächerlichen Monatsgehälter von 35€ werden mit mehrmonatiger Verspätung ausbezahlt. Für Arztbesuche, Medikamente ist kein Geld da. Wer kennt schon eine Zahnarztpraxis, die Zahnklinik von innen! Die Leute sind oft krank. Die Ernährung ist einseitig. Die Bazare sind voll von Obst aber nur für Wohlhabende. Die Türken zahlen ihren afghanischen Lehrern ein 2. Gehalt, die Franzosen geben finanzielle Unterstützung. Wir Deutsche bauen die Amani-Oberrealschule und das Lycée Ayesha-e-Durani mit dem Besten vom Besten auf. Für die Unterstützung der Lehrer ist kein Geld da. Meine persönliche Meinung: Es wäre gut, wenn der FAOK seine Hauptaufgabe in der Unterstützung des Schulpersonals sehen würde. Die Lehrer/innen gehen schlecht vorbereitet in den Unterricht. Warum sollten sie sich bemühen? Der Nachmittagszusatzverdienst absorbiert vielfach die letzte freie Kraft. Ist es nötig, dass der Generaldirektor der Amani-Oberrealschule nach seinem 12-stunden-Dienst dann von abends 19:oo bis 21:oo noch wegen ein paar Afghani arbeitet, ehe er bis weit in die Nacht hinein zu Hause Verwaltungsdinge erledigt! Die Türklinke: Es sei kein Problem, mich unter einen CIM - Vertrag zu nehmen, hieß es im Januar in Frankfurt. Das Ausfüllen der Antragsformulare sei gewissermaßen nur eine Formsache. Notfalls könnte der Vertrag auch noch rückdatiert werden. Am 12. März fliegen wir wieder nach Afghanistan. Wir hören nichts. Dr. Goerdeler vom BMZ weilt im April in Kabul. Die neuen deutschen Förderziele des BMZ werden abgesteckt: Die Förderung des Erziehungs- und des Gesundheitswesens wird völlig aus dem Programm gestrichen. Stattdessen sollen die Gelder in die Wirtschaftsförderung, die Energie- und Wasserversorgung fließen. Man hört von einer Sondersituation des Lycée Jamhouriat. Frauen- und Mädchenbildung würden eine Ausnahme machen. Es tut sich nichts. Im Mai kommt Herr K. für eine Woche nach Kabul. Er soll auch meine Tätigkeit begutachten und ist sehr angetan. Wir hören nichts. Vor wenigen Tagen ist Herr v.d.H. nach einwöchigem Aufenthalt wieder nach Frankfurt abgereist. Fazit: „Die Arbeit von Frau M-Oe ist sehr, sehr anerkennungswert aber sie passt strukturell nicht in unser Programm.“ So werden mein Mann und ich weiterhin unsere gesamte Tätigkeit aus eigener Tasche finanzieren. Wie lange? Es grüßen Sie alle herzlich Ihre Meyer-Oehmes P.S.: Dieser Bericht ist äusserst bruchstückhaft. Das Leben hier ist zu facettenreich. Viele Probleme bleiben unerwähnt.
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