Ruthild Meyer-Oehme
Shar-e-Nau
Kabul / Afghanistan Herbst 2004
meyeroehme@aol.com
Liebe Mitglieder des FAOK, liebe Spender, Freunde und Verwandte,
Herbst
Die Straßen sind ausgestorben. Kein einziges gelbes Taxi ist unterwegs. Keine Straßenhändler. Die Blech-Rolläden überall heruntergelassen. An den Straßenkreuzungen die üblichen Polizisten, die üblichen Militärposten, aber nicht mehr - 8. Oktober 2004 - einen Tag vor "der Wahl".
Am ISAF-Camp keine wartenden Autos, drin ebenfalls alles wie ausgestorben, keine afghanischen Arbeiter. Ruhe vor dem Sturm? "Die Lage verdichtet sich" meint ein hoher Offizier. Ein Gruselgefühl im Rücken. War es falsch, dass ich "mein Leben gewagt habe" und nur wegen der Wiederaufbauprobleme des Lycee Jamhuriat ins ISAF-Lager gefahren bin? Auf dem Rückweg sind die Straßen abendlich erleuchtet und mehr belebt. Ganz so gefährlich scheint die Lage wohl doch nicht zu sein.
"Würdest Du zur Wahl gehen? Ich nicht."- meine ich zu Detlef. "Wie schätzt Du die Wahlbeteiligung bei diesen Gefahrenprognosen? Ich denke höchstens 10%". -Irgendwo bumst es mehrere Male am Spätabend - nichts Besonderes.
Schon Wochen vor dem 9. Oktober war der Unterrichtsbesuch der Schülerinnen belämmernd schlecht. Wie soll man vorankommen, wenn immer wieder ein anderes Drittel fehlt? Mehrere Eltern hatten ihre Töchter abgemeldet und auf ein ihrer Behausung näher liegendes Gymnasium geschickt. Der weite Schulweg schien ihnen zu gefährlich. Vier Tage vor dem gefürchteten Samstag wurden alle Schulen ganz geschlossen. Am Donnerstag und Freitag durfte auch ich das Schulgelände nicht mehr betreten. Grund: Hinter der hohen Lehmmauer wurde im benachbarten Lycee Malalai, eines der Kabuler Wahllokale eingerichtet. Polizisten hatten unser Areal besetzt. Niemand sollte von hier rüber gelangen können.
Natürlich bleiben wir am Wahltag zu Hause. Die deutsche Botschaft hatte strenge Verhaltensregeln ausgegeben. Wir "hängen" am kleinen Transistorradio. "Hohe Wahlbeteiligung! - Bei den Wahllokalen alles ruhig.
- Irgendwo hat jemand mit 20 Wahlkarten wählen wollen. - In Kala-e-Fatullah-Khan (ganz in unserer Nähe) wurden in einem Privathaus 45 Raketen gefunden. (Die können uns nicht mehr schaden!) - Allmählich legt sich die Anspannung. - Wird am kommenden Tag wieder Unterricht sein, wie zu Beginn der "Wahlferien" angekündigt?
Die Straßen sind menschenleer, als ich mich am Sonntagmorgen zur Schule begebe. - Keine Schülerinnen zu sehen. Immerhin, die Direktorin ist da. "Sie werden vielleicht später kommen, um neun Uhr, insh' Allah". Tags darauf erscheinen dann schon zwei Schülerinnen pro Klasse. Abends verkündet der Radiosprecher, die Schule habe bereits am Sonntag wieder begonnen, die Schüler sollten bitte zur Schule kommen. Eine Woche nach dem Wahltag sind die Klassen endlich wieder gefüllt. Allerdings nicht in der Amani-Oberrealschule. Sie war als Wahl - und Pressezentrum schon vor vielen Wochen zu einer Festung ausgebaut worden. Ein Heer von Polizisten kampierte seitdem dort. Jetzt geht das Auszählen der Stimmen nur langsam voran.
Sie, liebe Leser, wissen alle, mit welch hohem Prozentsatz der Übergangspräsident Hamid Karzai als Favorit aus den Wahlen hervor ging. Sie wissen auch, dass das Wahlergebnis dem Bevölkerungsproporz entsprach.
Karzai ist Paschtune und die Paschtunen sind nun einmal die stärkste ethnische Gruppe in Afghanistan.
Bei Karzais später Amtseinführung, so hoffte man, würde auch die Ministerliste bekannt gegeben werden. Bis heute, dem 15.12. 2004, ist sie noch nicht publiziert. Die Afghanen werden allmählich unruhig. Wie kann denn ein Land verwaltet werden, wenn alle Minister (angeblich alle!!!) gleichsam auf dem Schleudersitz des Nachfolgers harren. (Auch wichtige Weichenstellungen für das Lycee Jamhuriat leiden unter dieser Situation.) Von Unentschiedenheit auf der Verwaltungsebene waren im Sommer ganz besonders die Kabuler Schulen betroffen. Die üblicherweise 14 Tage andauernden Hitzeferien wurden vom Minister zunächst kurzerhand auf 4 Wochen verlängert. Erziehungsminister Qanooni hatte andere Sorgen als Schulbesuch. Gab er doch seine Kandidatur für die bevorstehenden Präsidentenwahlen bekannt. Als Eltern wegen der zu langen Unterrichtspause revoltierten, verkündete Qanoonis Vertreter einen vorzeitigen Schulbeginn, dem aber nur sehr spärlich Folge geleistet wurde. Die Schüler bestimmten also letztendlich, wann es wieder loszugehen habe.
Besonders stark vom Unterrichtsausfall war die Amani-Oberrealschule betroffen. Wegen der Wahlvorbereitungen und Nachbereitungen mussten die Schüler ungefähr einen Monat zu Hause bleiben. Man fragt sich, wie weit die AORS-Absolventen bei den Hochschulaufnahmeprüfungen dann noch konkurrenzfähig gegenüber Schulabgängern anderer Gymnasien sind. Ob der ab dem allgemeinen Schulschluß geplante Nachholunterricht in die Tat umgesetzt werden konnte?
Detlefs wiederholte Bemühungen um kulturelle Aktivitäten an der AORS wurden immer wieder gebremst. Da er auch sonst nicht mehr so sehr benötigt scheint, haben sich die Kontakte zur "Amani" reduziert. Ein Koordinator und drei deutsche Lehrkräfte sind schon seit 2003 dort tätig. Sie unterrichten DaF. Der Freistaat Sachsen hatte bereits im vergangenen Jahr Patenschaften für die AORS und das Aysha-e-Durani Mädchengymnasium übernommen, sodass in diesem Jahr engere Verbindungen dorthin zustande kamen: Die Sächsische Akademie für Lehrerfortbildung in Meißen schickte einzelne Fachkräfte zur Veranstaltung von Fortbildungsseminaren in den Naturwissenschaften. Zehn Mädchen von der AyDu und zehn Jungen von der AORS durften in diesem Sommer drei Wochen nach Sachsen fliegen.
Stipendien und Deutschlandbesuche kann Detlef natürlich nicht vergeben. Er suchte sich inzwischen im von Deutschland unverständlicherweise nicht renovierten und wie früher unterstützten Lycee Mechaniki einen festen Beraterplatz. Gerade dieser Tage wird eine seiner monatelangen Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt. Eine über 11.000 € wertvolle Maschinenspende der ROBERT BOSCH GmbH wird von der Bundeswehr nach Kabul geflogen.
Auch zum Lycee Aysha-e-Durani haben sich unsere Kontakte verringert. Wie ihre Bruderschule wird sie ebenfalls kontinuierlich aus Deutschland (vom Auswärtigen Amt) unterstützt. Zwei deutsche DaF-Lehrerinnen geben dem afghanischen Mädchengymnasium ein besonderes Gepräge. Kommen wir gelegentlich zu Besuch in dieses imposante Gebäude am Kabulfluss so werden wir immer freudig, aber auch jammernd begrüßt. Freudig, weil sich die afghanischen Lehrerinnen an die Stoffspende im Frühjahr erinnern, an das Geldgeschenk zum Lehrertag. Beide Hilfsaktionen hatten wir ja in allen drei vom FAOK unterstützten Schulen gleichermaßen durchgeführt. VollerVerzweiflung baten allerdings viele Frauen vor dem Winter noch einmal um ein größeres Geldgeschenk.
Deutschland hat nach langem Zaudern ein Jamhuriatgebäude wieder partiell hergerichtet. Für eine weitere Unterstützung fehlt das Geld! Ein Segen,dass unser Förderverein existiert! Dank seiner Hilfe, der Hilfe aller Spenderinnen und Spender hat sich das Bild in diesem Wirtschaftsgymnasium für Mädchen ganz wesentlich gewandelt. Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben dies bereits im Bericht "Gitter" verfolgen können; aber inzwischen, sind viele Renovierungsarbeiten, viele Ausstattungsarbeiten abgeschlossen worden. Die Schulbibliothek besitzt stabile, große Holzregale. Eine umfangreiche Bücherbestellung aus Teheran läuft derzeit über die iranische Botschaft Kabul. Die Physik- Chemie Sammlung ist dank "aus Alt mach Neu"
nicht mehr wieder zu erkennen. Mit Unterstützung des Kultusministeriums Baden-Württemberg entsteht eine neue Biologiesammlung. Die Fremdsprachenabteilung (Deutsch, Englisch) wurde mit neuen Fachbüchern ausgestattet. Ein Erste-Hilfe-Einrichtung stellen die Johanniter zur Verfügung. Endlich hat die Schule ein Kopiergerät. Daaas Vorzeigestück ist jedoch der von SIEMENS gespendete Computerraum, in dem ab der 8. Klasse "rund um die (Vormittags)-Uhr" Unterricht erteilt wird. Am Nachmittag lassen sich hier Lehrer aus sechs Kabuler Gymnasien in dem EC-Pilotprojekt "Connecting Afghans" in die faszinierende Kunst einführen. Nicht vergessen werden darf die Einrichtung des neuen Schulkindergartens. Im Sommer mit Restmitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau in kürzester Zeit renoviert, ermöglichten Spenderinnen für den FAOK eine völlig neue Einrichtung mit hübschen stabilen Holzmöbeln.
Die für afghanische Berufschulen zuständige Planungsabteilung hatte ja im Frühjahr den Mut gehabt, die umfangreiche Schultyp-Änderung des Lycee Jamhuriat zu akzeptieren. Aber woher sollten die Lehrer für die volks- und verwaltungwissenschaftlichen Fächer der Oberstufe, die neuen Computerfachkräfte, eine kompetente Englischlehrerin kommen? Dank des FAOK konnten schulfremde Lehrkräfte entlohnt werden. Für die abgeworbene Deutschlehrerin musste ich einspringen.
Auch viele Kolleginnen des Lycee Jamhuriat baten mich immer wieder um ein Geldgeschenk zum Id-e-Ramazan. Doch der Förderverein hilft dort wo es am Nötigsten ist - etwa der schwer asthmakranken Lehrerin, einer anderen, die bei einer Fehlgeburt fast verblutet wäre. Eine Kollegin ist die nicht gesicherte Lehmstiege in ihrer Kate herabgestürzt: doppelter Schienbeinbruch, Knöchelbruch. Sie krümmt sich vor Schmerzen als ich sie besuche. Im größten Krankenhaus der Stadt hatte man das Bein geschient, falsch, in einem anderen auch nicht besser. Die Röntgenaufnahme zeigt überlappende Knochenenden. Wenn sie länger als drei Wochen fehlt erhält sie ihr spärliches Gehalt nicht mehr. - Es herrscht viel Krankheit Der Förderverein ist bisweilen in der Lage, die Not zu lindern.
Das in den siebziger Jahren von Deutschland erbaute Nebengebäude des Lycee Jamhuriat gleicht immer noch einer halben Ruine, ohne Fenster, ohne Türen, ohne Elektrizität. Unser FAOK-Mitglied, Hannsgeorg Preuß, haust jetzt bei winterlicher Kälte in Kabul im Hauptgebäude unter der Treppe und bemüht sich bei den afghanischen Behörden zum fünften Mal um die Renovierungsgenehmigung. Er braucht neben einer robusten Gesundheit, gute Nerven und viiiiel Geduld. Zusammen mit Sultan Sherzadah will er das Gebäude ohne Entgelt, "ehrenamtlich" renovieren. Der FAOK hat ihm Geld für das Material und die Bezahlung der afghanischen Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt. Ob die KFW eine Möglichkeit finden wird, den - im Vergleich zu den für die Wiederherrichtung der AORS und AyDu aufgewendeten Riesensummen - kleinen Betrag wieder zu übernehmen?
Deutschland wird auch weiterhin die Amani-Oberrealschule und das allgemeinbildende Aysha-e-Durani- Gymnasium unterstützen. Seit zwei Jahren bemühe ich mich um eine vergleichsweise dazu geringe personelle Förderung des Lycee Jamhuriat - ohne Erfolg. Dieses Wirtschaftsgymnasium für Mädchen benötigt für die nächsten beiden Jahre dringend zwei Fachkräfte. Für die Wirtschaftsfächer müssen moderne Curricula mit Integration des Arbeitens am PC geschaffen werden. Ihre Umsetzung muss geübt werden. Der Fremdsprachenunterricht muss auf ein hohes Niveau gebracht werden.
Die Planungsabteilung bemüht sich den neu geschaffenen Schultyp bei der Kabuler Bevölkerung bekannt zu machen. Die Schülerinnen sollen in Zukunft an einer Eliteschule unterrichtet werden. Die augenblickliche Schulleiterin versagt völlig. Die afghanischen Kolleginnen sind nicht so weit, diese Eliteausbildung aus eigenem Vermögen zu bewerkstelligen. Sie brauchen die Hilfe von aussen. Und ich brauche eine Nachfolgerin!
Meine Gedanken eilen voraus. Das Lycee Jamhuriat rekrutiert seine Schülerinnen nicht aus der Oberschicht des nahen, relativ wohlhabenden Stadtteils. Die ärmeren Familien drängen sich in den riesigen Wohngebieten im Stadtrand zusammen. Busgeld ist für sie zu teuer. Das häusliche Umfeld ermöglicht das Erledigen der Hausaufgaben nicht. Eine kleine finanzielle Transportunterstützung, ein kärgliches Mittagsmahl, Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag - gewissermaßen eine Ganztagsschule sind mein Ziel. Noch ist die Schulleitung dankbar für jedes Kind, das angemeldet wird. In Zukunft ist Auslese vonnöten. Damit für die afghanische Industrie und Verwaltung tragende Säulen an gut ausgebildeten Fachkräften zur Verfügung stehen, muss noch ein weiter Weg zurückgelegt werden. Der FAOK kann mit helfen, diesen Weg zu beschreiten. Dazu brauchen wir weiter Ihre Unterstützung. Gewiss, Alphabetisierungscampagnien, Primarschulen sind in Afghanistan vonnöten. Es gibt weltweit viele Institutionen - angefangen bei UNICEF - die sich darum bemühen. Ein funktionierendes Staatswesen basiert auf ausgebildeten Fachkräften. Das Lycee Jamhuriat ist bisher die einzige Schule, die sich auf die Belange der Zukunft einstellt. Hier hat unser Förderverein eine besondere Aufgabe. Bitte bleiben Sie uns treu!Herbstblättchens Zeitvertreib
Der heisse Sommer hatte mich "ausgebrannt". Ein Diebstahl im Klassenraum (Geld weg, Pass weg, Führerschein weg) - wem kann ich noch trauen? Im Herbst zu Hause zwei Monate nur braune Brühe, mühsam mit dem Pumpenschwengel gefördert. Schon wieder hatte sich der Grundwasserspiegel abgesenkt! - Auseinandersetzungen mit dem Hausbesitzer. Strom oft nur nachts für ein paar Stunden. Dann brummt der Kühlschrank, wird die Waschmaschine in Gang gesetzt, werden die Handys, die Akkus des PCs, Detlefs Elektrorasierer aufgeladen. Der Generator rattert nur in Ausnahmefällen - zu teuer für die "Ehrenamtlichen". Der treue Peugeot-Bulli beginnt an Altersschwäche zu leiden. Er soll verkauft werden. Niemand will ihn - keine Ersatzteile für den "exotischen Franzosen". Die Massen japanischer Autos, alle mit Rechtssteuerung, verwandeln Kabuls Straßen in "Standspuren". Die Massen der Gebrauchtwagen bedecken weite Stadtteile.
Detlef ist immer wieder in diesem Blechdschungel unterwegs. Der Richtige für uns war bisher noch nicht aufzutreiben.
Am 27.10. verlassen wir Kabul. Doschkas Hundekiste wird auch wieder in den Flugzeugbauch gehievt. Bis zu 2 Stunden kann die 15 ½ Jährige bei unseren herbstlichen Wanderungen im Markgräflerland noch mittrotten. Dann versagen ihre Hinterläufe. In welch herrlicher Landschaft wohnen wir hier in Deutschland! Manchmal zaudert man, wenn man den Weg verlässt - keine Mienen? - Die Ruhe! Die gute Luft! Am Abend zu Hause: Licht!!!, Wärme!!!
Lange Telefonate mit Verwandten, Freunden. - Zu Weihnachten erwarten wir alle unsere Kinder und die beiden Enkelkinder. Und doch: Unser Rückflugticket hat Monate Gültigkeit. Afghanistan ruft!
Wir grüßen Sie alle sehr herzlich und wünschen Ihnen gesegnete Weihnachtstage. Denken Sie beim wärmenden Licht der Kerzen auch an die Dunkelheit, die Kälte in Afghanistan. Im Stall zu Bethlehem war es sicher nicht hell und warm.
Mögen Sie das Jahr 2005 bei guter Gesundheit beginnen und beenden. Mögen Sie Stress und Hektik auf ein Mindestmaß reduzieren können.
Ihre Ruthild und Detlef Meyer-Oehme
Ruthild und Detlef Meyer-Oehme
postalisch sind wir nicht erreichbar.
Tel: 0093-70208651
e-mail: meyeroehme@aol.com
|