Bericht 6. August 2004

Hitzeferien in Kabul - Das Gitter

Ruthild Meyer-Oehme
Shar-e-Nau
Kabul / Afghanistan 08.03.2003
meyeroehme@aol.com

Liebe Mitglieder des FAOK, liebe Spender, Freunde und Verwandte,

Hitzeferien in Kabul

Leichtfüßig eilt die hellblau umhüllte Gestalt - ihr Gesicht hinter einem kunstvollen Fadengitter verborgen - den steinigen Abhang hinunter. Sie stolpert nicht und findet ohne Zögern den hohen Einstieg in unseren Peugeot-Bus. Die Tschaderi wird hoch geworfen und ausdrucksvolle, strahlende Augen blitzen mich an. Als ganz junges Mädchen hätte sie die Zwangshülle am liebst gleich wieder abgeworfen. Nun ist diese schon lange ein vertrautes Stück ihrer selbst geworden, ohne das sie sich verunsichert, ihrer Umwelt schonungslos ausgeliefert und schutzlos fühlt.

Noch bis vor fünfzig Jahren war in weiten Teilen des Landes das Schicksal eines Mädchens von der Geburt bis zum Tode hinter den Mauern des elterlichen oder schwiegerelterlichen Hauses vorbestimmt. Die Tschaderi bedeutete stets ein willkommenes Entfliehen dieser Enge.

Das hellblaue Bündel hing über der Stuhllehne. Bald wurde es am Schultor von seiner Eigentümerin lachend übergeworfen. Schon in der 7. Klasse zählte man sich zu den Erwachsenen und war stolz darauf, mit anderen blauen Glocken die Schule zu verlassen.

In den vergangenen Wochen hat sich ein unerwartet schneller Wandel vollzogen. Immer weniger Mädchen leisten den väterlichen oder brüderlichen Anordnungen Folge. Manche Schülerinnen verhüllen gleich den Iranerinnen ihre Gesichter geschmackvoll mit einem schwarzen oder weißen Schal und lassen nur einen schmalen Sehschlitz frei. Die meisten gehen in der schwarzen Schultracht auf die Straße, nur mit dem weißen Tschador versehen. Mehr und mehr Lehrerinnen lassen die noch vor einem Jahr unerlässliche blaue Tarnhülle zu Haus. Sogar die Direktorin der einzigen afghanischen Mädchenmadrasa zeigt auf der Straße ihre Augen unverhüllt.

Den Schulen kommt in der Eigenständigwerdung der Mädchen besondere Bedeutung zu. Nur: Wer schickt seine Töchter zur Schule? Von einem Taxifahrer mit Englischkenntnissen sitzen sechs seiner sieben Töchter zu Hause hinter der Lehmmauer

und warten aufs Verheiratetwerden. Natürlich gehen die Schwestern von unserem Hazarah-Helfer Hussein nicht zur Schule. Das hält der Vater für absolut überflüssig. 90% der Frauen aus der Unterschicht Kabuls sind Analphabetinnen. Man muss also den Bildungsfeldzug nicht nur auf dem Land führen, sondern bereits in der Hauptstadt. In diesem Feldzug spielt das Lycee Jamhuriat eine besondere Rolle. Richtet sich doch sein Bildungsangebot ganz besonders an die Mädchen aus der Mittel - und Unterschicht. Ihnen soll die Möglichkeit eröffnet werden, in der zukünftigen modernen afghanischen Wirtschaft, in einer reformierten Verwaltung nach neuen Methoden ausgebildet, als Fachkräfte tätig zu werden. - Das diesem Rundbrief angefügte Schulprofil informiert näher.

Das letzte halbe Jahr war mit einem Übermaß an Arbeit angefüllt. Weit in den März hinein zogen sich die Planungen und Besprechungen für den geänderten Schultyp. Wer sollte den neu geschaffenen Computerunterricht, den jetzt auf dem Lehrplan der Oberklassen massiv auftauchende berufsbildenden Unterricht übernehmen, wer den nun - nach Deutsch -obligatorischen Englischunterricht für alle Schülerinnen? Der FAOK half durch seine finanzielle Unterstützung noch nach Schuljahrsbeginn (23. März) die nötigen Fachkräfte zu finden. Für Deutschbücher hatte das Goethe-Institut gesorgt. Die für die Aisha-e-Durani abgeworbene Deutschkollegin (Herr B.: "Deutschland zahlt so viel für diese beiden Schulen, da brauchen sie auch die besten Lehrkräfte") konnte es allerdings nicht ersetzen.

Der FAOK sponsort Englisch-Bücher des Oxford Language Centre - ein Novum an Kabuler Schulen. Moderne Bücher für den naturwissenschaftlichen Fachunterricht und für den Fachunterricht in Wirtschaft und Verwaltung beschaffte uns auf meine Bitten die hiesige iranische Botschaft aus ihrem Heimatland. Ob mir das Erziehungsministerium deren Einführung an unserer Schule genehmigen würde? Der Präsident für Berufsschulen entschied deren Gebrauch gleich für a l l e Schulen seiner Sparte. Wer soll das bezahlen?

Der FAOK war der Motor, seine Mitglieder die Initiatoren für eine umwerfende Aufbauarbeit, ohne die das heutige moderne Mädchengymnasium nicht möglich wäre.

Im Januar hatte das unermüdlich aktive FAOK-Mitglied, Herr Scholz, die Verbindung zu Frau Degen von SIEMENS / München hergestellt, die in der Folgezeit in nimmermüdem Engagement gebrauchte Computer für uns sammelte. Anfang Mai traf die unterwegs leider etwas reduzierte Sendung in Kabul ein. (Am Salangpass soll der LKW längere Zeit gestanden haben.) Ein anderes FAOK-Mitglied, Herr Nazary, hatte einen deutschen Helfer mitgebracht, der in mühsamer Kleinarbeit die noch verbliebenen 18 Computer vernetzte und ein eindrucksvolles Trainingszentrum mit gespendetem Beamer, Drucker, Scanner schuf. Bereits vor der Einweihungsfeier unterrichtete hier Herr Bauer jeden Morgen vor Tau und Tag lernwillige Lehrerinnen.

Am 1. Juli standen viele Schülerinnen Spalier und harrten in Landestracht der geladenen Gäste. Nach 5/4 Stunden vergeblichen Wartens auf den Haupteinladenden und Hauptredner, Herrn Erziehungsminister Qanooni, konnten das im vergangenen Jahr fertig renovierte Hauptgebäude, der blitz-neu wieder hergestellte Schulkindergarten, vor allem aber das SIEMENS-Computertrainingszentrum mit Festreden und Schülerinnendarbietungen -auch auf Deutsch - eingeweiht werden. Die Gäste, die die lange erzwungene Wartezeit ertragen hatten, waren restlos begeistert. Und natürlich erschien des Lycee Jamhuriat auch in Radio und Fernsehen. Gerade noch vorzeigefertig geworden waren die aufgemöbelten ehemals verkommenen Laborschränke, die neuen Labortische, die 11 riesigen Bücherregale für die neue Schulbibliothek und die eleganten Trapeztischchen - alles Ergebnis einer Spende von Association Femmes d'Europe auf das FAOK-Konto.

Einweihung des Siemens-Computerzentrums am Lycee Jamhuriat

Einweihung des Siemens-Computerzentrums am Lycee Jamhuriat

Schülerinnen im Computerzentrum

Schülerinnen im Computerzentrum


Inzwischen ist das von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen nicht geförderte Lycee Jamhuriat geradezu eine FAOK-Bastion geworden. Ohne die Mithilfe vom treuen Münchner Mitglied, Qamar Karzai, der ehemaligen Jamhuriat-Direktorin der Siebziger Jahre, hätte ich die Aufräumarbeiten (Anwesenheitslisten aus den Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts!) nicht geschafft. Herr Preuß, alter AORS-Kollege und FAOK-Mitglied, bildet zurzeit in einem Pilotprojekt, in dem der FAOK als Partner auftritt, von der Europäischen Commission gesponsert, jeden Nachmittag Computerlehrer aus. Vormittags ist der Raum natürlich ständig mit Klassen unserer Schule belegt.
Das vergangene Halbjahr war leider auch überreich an Schwierigkeiten. Im März: Warum ist die Zusammenarbeit mit der mir ans Herz gewachsenen Direktorin Najia so schleppend? Warum hilft sie durch ihren Einfluss nicht wie in den Vorjahren beim Erziehungsministerium? Am 28.03. strömen alle Lehrerinnen ins Direktorzimmer. Ich bin gerade noch Zaungast als diese Dame ihren Platz räumen muss und eine neu Direktorin ("Sie ist doch eine von uns!") sich dort nieder lässt. Allerdings sitzt die "eine von uns" höchst selten auf dem ihr zustehenden Platz. Viel lieber hält sie sich zwischen den Lehrerinnen auf oder hockt im Dienerzimmer auf einem der zerschlissenen dreckigen Sessel. Mangelnde Autorität versucht sie durch laute Kommandos wett zu machen. Inzwischen wurde sie bereits wieder entmachtet, allerdings noch keine Nachfolgerin gefunden. Die Vizedirektorin, der Verwaltungsdirektor wurden ausgewechselt. Wo bleibt da die Kontinuität? Entsprechend schlecht steht es mit der Arbeitsmoral, der Disziplin. Wenn die alten Putzweiber einmal zum Besen greifen, ist das eine große Gnade. Oft sind die Klassen ohne Lehrerinnen. Trotz vom FAOK angeschaffter großer Blechtonnen (angekettet, damit sie nicht gestohlen werden) für den Papiermüll auf dem Hof wirkt das Schulgelände immer wieder verwahrlost. Die übervollen Tonnen werden nicht geleert. Mit Hilfe deutscher Steuergelder, dem nimmermüden Engagement deutscher Architekten und Bauleiter war das Hauptgebäude der Jamhuriatschule im vergangenen Jahr sehr schön teil-renoviert worden. Die gesamten elektrischen Leitungen, die Wasserversorgung waren erneuert worden. Aber: Hatte die Schule je fließendes Wasser? In den Lehrertoiletten stehen ein par Blecheimer, die mit dem Pumpenschwengel auf dem Hof gefüllt werden. Die Schüler- WCs sind immer verriegelt. Vor deren Eingänge wird gekackt, hinter die Schulwände, in den trockenen Graben am Rand des Schulgeländes. Die afghanische Schulleitung scheint das nicht zu stören. Ständige Telefonate, meine Briefe nutzen nichts. Die ursprüngliche Baufirma fühlt sich nicht mehr zuständig. Was soll das kosten? Die KFW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) hat kein Geld mehr. Man hätte die Wasseranlage schon einmal in Ordnung gebracht! Herr Preuß diktiert dem FAOK, Retter in der Not, vorläufig die Ausgaben zu. Die Werkstatt vom German Medical Service bringt schließlich alles in Ordnung. Die 16 Brunnenzapfstellen im Hof bekommen vom FAOK auch alle neuen Hahnen. Ob der Türhüter, der den Schlüssel zur Pumpenanlage verwaltete, diese immer wieder an vielen Stellen mutwillig zerstört hatte? Was wird er sich ausdenken, um der Schule in Zukunft weiter zu schaden?
Ein Computertrainingsraum ohne geregelte Stromversorgung ist undenkbar. Der Präsident von SIEMENS Afghanistan, Herr Hassanzadah, schickt seine Fachleute. Mit ihnen suche ich die Transformatorenhäuschen, ist Detlef tagelang bei den verschiedensten Ministerien und dann mit deren Fachleuten unterwegs. Es gibt keine freie 15 000 Volt-Schaltstelle. Ein verstärktes Erdkabel zur Schule würde angeblich 5000 € kosten. Wer kann das bezahlen? Und schließlich: Wenn ganz Kabul ohne Strom ist, nützt eine solche Verstärkung auch nichts. Ein Generator ist der Ausweg. Gleich neben dem Eingang steht ja einer, unbenutzt. Herr Preuß braucht Strom für seinen Computerkurs. Er will ihn anschließen lassen. Aber: In den Einfüllstutzen für Öl war Wasser gekippt worden, das Flügelrad ist durch Hammerschläge mutwillig verbogen. Auch zu dieser Anlage hatte der alte Türhüter den Schlüssel. Mit dem Kranwagen wird das gewaltige Ding in dieGerman Medical Service Werkstatt transportiert und repariert.

"Die Lehrerinnen erwarten am Frauentag ein Geschenk. Kaufen Sie doch Kleiderstoff. Dann sparen Sie Geld und alle freuen sich", hatte die ehemalige Direktorin, Najia, Anfang März geraten. Meine leichtfertige Zusage löst eine über Wochen dauernde Stoffkaufaktion aus, denn die Lehrer sollten dann zu Nauroz (20. März), dem afghanischen Neujahrstag bedacht werden. Gleiche Qualität, gleiche Farbe sollen für alle drei Gymnasien gelten. "Helfende" Kolleginnen unterstützen nur die Chalifas (die Händler), mich gründlich übers Ohr hauen zu wollen. Beim Einpacken verschwinden Stoffpäckchen. Also stehe ich zu Hause und schaffe allein Berge in schillernder Folie für die drei Schulen. Diese FAOK-Aktion unterstützt auch das Personal der Amani-Oberrealschule und des Aisha-e-Durani-Gymnasiums.

Stoffgeschenk für die Lehrerinnen des Gymnasiums Aisha-e-Durani

Stoffgeschenk für die Lehrerinnen des Gymnasiums Aisha-e-Durani

Schüler des Lycee Jamhuriat mit Schulmaterial-Spenden

Schüler des Lycee Jamhuriat mit Schulmaterial-Spenden


Dank einer nochmaligen Geldspende der Cronstettenstiftung kann ich den Schülerinnen des Lycee Jamhuriat mit Heftestapeln den Schuljahrsbeginn erleichtern. Eigenartigerweise war "unsere" Schule als einzige nicht von UNICEF mit Schulmaterial versorgt worden.

Das "Friedensdorf International" machte es mit seinem Hilfstransport möglich! Ein Teil der Biologie-Lehrmittel sind bereits eingetroffen. Das Kultusministerium Baden-Württemberg wird ihre Anschaffung durch den FAOK finanzieren.

Zum Lehrertag im Mai gibt es für alle Angehörigen der drei vom FAOK geförderten Schulen eine Geldspende. Ob es die letzte sein wird?

Das erste Schulhalbjahr ist reich an Feiern. Vorab vereint am 4. Februar ein besonderes Ereignis viele FAOK-Mitglieder in Auggen. Dem Vereinsvorsitzenden und der Schriftführerin wird das Bundesverdienstkreuz am Band verliehen.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Detlev Meyer-Oehme und Ruthild Meyer-Oehme

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Detlev Meyer-Oehme und Ruthild Meyer-Oehme

Dann die 80 - Jahrfeier der Amani-Oberrealschule! Es ist mir leider nicht möglich, meine Eindrücke über dieses Ereignis am 20. April wieder zu geben.

Einen Höhepunkt besonderer Art bildete die Einweihung des Lycee Aisha-e-Durani gleich am darauf folgenden Tag. Das imposante, majestätische Gebäude wurde in phantastischer Weise renoviert. Allabendlich angestrahlt ist es zu einem Juwel Kabuls geworden. Damals im April hätten Sie dabei sein sollen! Das Eingangsportal war mit der deutschen und der afghanischen Fahne geschmückt. Strahlende Schülerinnen in Landestracht begrüßten die Gäste im Treppenaufgang mit Blumen. Oben wurde man hinein genommen in eine große Festfamilie, mitgerissen von der Begeisterung der Schülerinnen. Wie in der Amani-Oberrealschule rundete die ISAF mit ihrem Delikatessenbuffet die Feier ab.

Einweihung der renovierten Aisha-e-Durani-Schule

Einweihung der renovierten Aisha-e-Durani-Schule

Zu einem Familienfest reisten zwei unserer erwachsenen Kinder an. Der Fördervereinsvorsitzende feierte seinen 75. Geburtstag, wunschgemäß nur in kleinem Kreise. Der Tag bedeutete keine Zäsur in seinem Leben. Wie vorher gilt sein Interesse der Förderung von Schülern. Gerade in diesen Tagen (wir schreiben inzwischen den 3. September) hat er einen Deutschkurs für Elite-Schüler des "Lycee Mechaniki" begonnen. Beim Wiederaufbau des 67 Jahre alten "Technikum Kabul" möchte er noch mithelfen, nachdem die Weichen in der Amani-Oberrealschule nicht nur für den ehemaligen Fachleiter für Naturwissenschaften sondern auch für den in den siebziger Jahren tätig gewesenen Lesesaalleiter endgültig anders gestellt worden sind. Das früher blühende Kulturzentrum "LESESAAL" scheint vorsätzlich dem Untergang geweiht.

Die glanzvolle Feier am 1. Juli im Lycee Jamhuriat hatte ich ja bereits geschildert.

Sie werden sich fragen, warum für diese wenigen Abschnitte so viel Zeit nötig war. Ein Monat ist seit dem Beginn des Berichts vergangen. - Der Sommer war heiss in Kabul. Die Hitze lähmte. Dank mangelndem Engagement der Zuständigen wollten die Aufräumarbeiten in der Deutschabteilung, der Schulbibliothek, den Labors kein Ende nehmen. Der Verkehr! Das Parkproblem bei Einkäufen für die Schule! Der Ärger mit den Handwerkern! Der zunehmende Wassermangel! Auch wir leiden trotz Vertiefen des Brunnens im vergangenen Jahr bereits wieder unter Wasserknappheit. Unsere braune Brühe kann nicht mehr zum Kochen verwendet werden. Tagsüber sind wir zu Hause ohne Strom. (Am heutigen schulfreien Juma = Freitag nutze ich für diese Zeilen die Elektrizitätsversorgung der Schule.)

Sehr viel Zeit kostet mich die Vorbereitung eines neuen Großprojekts für die Jamhuriat-Schule. Die afghanische Wirtschaft (wann wird sie wieder florieren?) und die afghanische Verwaltung sollen daran interessiert, sollen integriert werden. Ob es gelingen wird, dafür Gelder in großem Maße zur Verfügung gestellt zu bekommen? Die kommenden Monate werden darüber entscheiden. Werden wir im nächsten Jahr noch einmal wieder hier tätig sein? Meine Bestrebungen, von deutscher staatlicher Seite Förderung für das Lycee Jamhuriat zu bekommen, waren bisher weiterhin vergebens. Wenn der FAOK mir nicht die Rückenstärkung geben würde!!! Aber unser Förderverein kann keinen Ersatz für mich, die ehrenamtliche Beraterin" finanzieren. Damit die Schule das von mir angestrebte Niveau erreicht, brauchen wir dringend eine Fachkraft für die berufsbildenden Fächer, eine Lehrkraft, die den Deutschunterricht, den Englischunterricht betreut. Wer wird meine Beratertätigkeit übernehmen? Kontinuität ist in der Erziehung das oberste Gebot. Schnuppertätigkeiten bringen wenig.

Durch die deutschen Medien sind Sie vermutlich besser über alle Vorgänge in Afghanistan und Kabul informiert als wir hier vor Ort. Die mächtige Bombendetonation vor fünf Tagen ließ auch unsere Fensterscheiben klirren. Man darf die Ruhe nicht verlieren. "We are small potatoes". Es wird uns hoffentlich nicht treffen.

Täglich fühle ich mich wie unter einer Tschaderi. Meine Tätigkeit an der Jamhuriat-Schule lässt mir keine Möglichkeit, das Leben in anderen Bereichen näher zu erfassen. Wie durch ein Gesichtsgitter erlebe ich die Veränderungen um mich herum. Kabul ist zur Stadt des Boomens geworden. Die märchenhaften Prachtvillen mit Marmor, Arkaden und blinkenden Kacheln wachsen in Windeseile. Das "Ungeheuer" schräg gegenüber von uns hat sich dank des Opiums eine strahlend gelbe Haut übergezogen. Die verkauften Altertümer des Kabuler Museums verhalfen dem Nachbarn daneben zu noch mehr Protz. Unser "landlord" steigerte die Miete nach hartem Ringen um "nur" 30% und kommt jetzt in einem schwarzen Mercedes vorgefahren. .Die kleinen Lädelchen, die Dukane, müssen großen Geschäften mit Glasfront weichen.

In schier endloser Kolonne - in schwarze Abgaswolken gehüllt - dröhnen die überlangen bunt bemalten pakistanischen Lorrys die Tang-e-Gharu hinauf. Von Zement über Trinkwasser, chinesischem Werkzeug, Alttextilien aus vieler Herren Länder muss alles aus dem östlichen Nachbarstaat in die zentralasiatische Hauptstadt gelangen. Die Handwerker haben einen Auftragsboom. UN, die NGOs bestimmen die Preise. Dementsprechend steigen diese ständig. Alles wird teuerer: Treibstoff, Lebensmittel. Die Stadt leidet unter einem Bettlerboom. Der Korruptionsboom lähmt den gesamten staatlichen Wiederaufbau. Was wäre Kabul ohne den Handy-Boom! Der Verkehrsboom wird in absehbarer Zeit in der jetzt 3 1/2 Millionen Einwohner zählenden Stadt zum vollständigen Chaos führen. Dazu der Müllboom, die Bevölkerungsexplosion!

Daneben gibt es andere Booms, die viele Hilfsgelder aus aller Welt schlucken: Expertenreisen, Ausarbeiten von Expertisen, Konferenzen, Tagungen, Seminare, "Meetings", Einladungen zu Kongressen in alle Himmelsrichtungen……-

Ich hoffe, den durch Herrn Preußens Zähigkeit und die Hilfe von SIEMENS Afghanistan geschaffenen Internetanschluss des Jamhuriat-Gymnasiums bald nutzen zu können, um Ihnen diesen Bericht zukommen zu lassen.

Es geht weiter aufwärts mit "meiner" Schule, dank des Fördervereins, des FAOK. Vergessen Sie uns in Kabul nicht! Wir erreichen viel hier, mit Ihrer Hilfe!!!

Ruthild und Detlef Meyer-Oehme
postalisch sind wir nicht erreichbar.
Tel: 0093-70208651
e-mail: meyeroehme@aol.com