Dezember 2006
Senda baashed - "Die Zukunft hat schon begonnen" - Insh'Allah
Ruthild Meyer-Oehme
E-Mail: meyeroehme@aol.com
z. Z. Im Weingärtle 2
D - 79424 Auggen
Senda baashed
A) Arbeit des FAOK im Jahr 2005 - kurz zusammengefasst (bitte auch beigefügtes Merkblatt beachten)
Die Amani-Oberrealschule und das Mädchengymnasium Aysha-e Durani werden vom Auswärtigen Amt und dessen verlängertem Arm, dem Bundesverwaltungsamt - Zentralstelle für das Auslandsschulwesen - personell und finanziell weiterhin gefördert. Darüber hinaus hat der Freistaat Sachsen eine Schirmherrschaft über diese beiden afghanischen Regierungsschulen übernommen, die sich in pädagogischer Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie für Lehrerbildung in Meißen und Einladungen von Schülern und Schülerinnen nach Deutschland widerspiegelt. Zu einer Lehrerfortbildung in den Räumen der AORS im August waren auch afghanische Kolleginnen des Lycee Jamhuriat eingeladen (- sehr begeistert und dankbar).

Richtfest, Ansprache des FAOK-Vorsitzenden
Somit ist die Unterstützung der AORS und der AyDu durch den FAOK nur noch in sehr geringem Umfang nötig. Alle Lehrer / Lehrerinnen und Angestellten dieser beiden Schulen sowie des Lycee Jamhuriat erhielten anlässlich des in Afghanistan sehr bedeutsamen Lehrertags einen Bonus von 20 $.
Der Vereinsvorsitzende hielt die gute Verbindung zu den afghanischen Schulleitungen und Kollegen aufrecht und unterstützte speziell den Biologie-Fachleiter an der AORS in dessen Unterricht, besonders bei den Biologiepraktika. Dabei zeigte sich immer wieder, welche Anstrengungen noch unternommen werden müssen, um den Wissenstand der afghanischen Lehrer anzuheben und wie katastrophal die afghanischen Schulbücher sind.
Das Schwergewicht der FAOK-Arbeit liegt 2005 mit überwältigendem Engagement bei der Unterstützung und dem Aufbau eines modernen Jamhuriat-Gymnasiums.
Die im Jahr 2004 begonnene Neugestaltung des berufsbildenden Mädchengymnasiums - mit Deutsch als 1. Fremdsprache, ab Kl. 4, Englisch als 2. Fremdsprache, ab Kl. 9, Computerunterricht, ab Kl. 8, Wahl zwischen Ausbildung zur Fachkraft für Wirtschaft, Verwaltung oder Büromanagement ab Kl. 10 - war richtig gewesen. Allerdings entsprachen die Leistungen der Schülerinnen durchaus nicht den Anforderungen.
Schon damals bemühte ich mich um eine groß angelegte finanzielle Unterstützung dieses neuen Schultyps von ausserhalb Doch traf das aufwändige Gesuch wegen Terminschwierigkeiten eines Partners nicht rechtzeitig an Ort und Stelle ein. So hoffte man auf den finanziellen Beitrag Mitte des neuen Jahres.
In Erwartung eben dieses Zuschusses erklärt sich der Vorstand des FAOK Anfang 2005 bereit, am neu entstandenen "Wirtschaftsgymnasium für afghanische Mädchen" ein Großprojekt zu starten.
Folgende Grundüberlegungen bilden dazu die Basis: Das Wirtschafts-gymnasium Jamhuriat rekrutiert seine Schülerschaft aus der sozialen Mittel- und Unterschicht der Kabuler Bevölkerung. Deren Wohngebiete liegen nur zu geringem Teil in der Nähe der Schule. In den überbevölkerten Stadtrandgebieten leben sie oft auf engem Raum zusammengepfercht, sodass die Mädchen von dort 1. Schwierigkeiten haben, das Spezialgymnasium zu erreichen und 2. keine Hausaufgaben in häuslicher Umgebung erledigen können. Abhilfe für 1. bedeutet Anheuern von Schulbussen, von 2. Verlängerung des Schulbesuchs verbunden mit Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Ein 3. Unterstützungsprojekt ist dann allerdings unumgänglich: warmer Mittagstisch in der Schule.
Im Kabuler Fernsehen, im Radio, der wichtigsten Tageszeitung wird für das neue Lycée Jamhuriat geworben. Wer wird angemeldet? Intelligente, fleißige, interessierte, engagierte Mädchen! Bis in den Oktober 2005 stoßen immer wieder neue Schülerinnen zu "uns".
Die Durchführung:
1. die Küche wurde im Januar geplant. Nach Ende der Frostperiode beginnt das FAOK-Mitglied Hannsgeorg Preuss mit der Bauausführung, allerdings noch erweitert um einen Vorratsraum, Sanitärräume und eine Wächterwohnung. Im Frühjahr kommt es zu Terminschwierigkeiten, verbunden mit dem in Kabul einsetzenden Bauboom. So können wir die großzügige Küche erst Anfang August in Betrieb nehmen. Aus Sicherheitsgründen ist nicht Gas die Heizquelle, sondern (leider) Holz, allerseits empfohlen. 3 ½ Monate lang (die Hitzeferien ausgenommen) war zuvor das Essen in einer Mauerecke auf rußenden Holzfeuern zwischen Felssteinen gekocht worden.

Verputzen des Küchengebäudes
2. Der Kern des gesamten Hilfsprojekts, die Hausaufgabenbetreuung am frühen Nachmittag, ist einem längeren Entwicklungsprozess unterworfen. Die Oberklassen arbeiten von Anfang an diszipliniert und selbständig. Für die Unterklassen entsteht ein genauer Aufsichtsplan. Neben dem kläglichen Lehrergehalt sind 1$ pro Zeitstunde ein guter Zusatzverdienst.
3. Zunächst sorgen fünf, in der 2. Jahreshälfte sechs mittelgroße Busse für den Schülerinnen- und Lehrerinnentransport, die am meisten ins Gewicht fallende finanzielle Belastung mit 460 € pro Woche. Niemals würden die Eltern der Stadtrandgebiete ihre Töchter allein mit öffentlichen Bussen in die Stadtmitte fahren lassen.

Schülerinnen neben Schulbus
Die afghanische Verwaltung, besonders aber die Geschäftswelt (Afghan International Chamber of Commerce, Afghan Invest Support Agency) zeigt für diese neue Jamhuriatschule allergrößtes Interesse. Der Erziehungsminister betrachtet das Lycée Jamhuriat als Pilotschule für das ganze Land.
Senda baashed! Dieser Dankeswunsch gilt Ihnen allen! Durch Ihr nimmermüdes, treues Spenden haben Sie das Entstehen des für Afghanistan wegweisenden Projektes möglich gemacht.
Senda baashed = Bleiben Sie am Leben! Bleiben Sie gesund!
Beinhaltet der Gruß nicht alles, was ein Mensch braucht? Ist dieser Segenswunsch nicht viel umfassender als "Danke!", "Danke schön!", "Vielen Dank!"?
S e n d a b a a s h e d ! Sehr liebe Spender!
"Die Zukunft hat schon begonnen!" Jetzt endlich, zum Jahresende scheint ein Vertrag über die Unterstützung der für Afghanistan bahnbrechenden Aktivitäten am Lycée Jamhuriat zustande zu kommen. Insh'Allah! Der Vertrag wird abhängig gemacht von einer 25%igen Eigenbeteiligung des FAOK am Gesamtvolumen. Bisher sind wir weit entfernt davon, dieser Vorgabe gerecht zu werden. Bitte, bitte ermöglichen Sie durch Ihre Mithilfe, Ihre weitere finanzielle Unterstützung, dass eine moderne Zukunft für die Schülerinnen des Jamhuriat-Wirtschaftsgymnasiums Wirklichkeit werden kann.
Im personellen Bereich hat die Zukunft ebenfalls bereits begonnen.
1. Seit dem 9. September arbeitet die Assessorin Cornelia Stark am Jamhuriatgymnasium sehr erfolgreich für die verschiedensten Fächer, besonders allerdings Deutsch und Computer. Vom DED (Deutschen Entwicklungsdienst) gesponsert, ist vermutlich ihr Vertrag mit den Afghanen inzwischen immer noch nicht abgeschlossen, weil keine Seite für ihre Sicherheit garantieren will.
2. Die Kabuler Universität entsendet 2006 qualifizierte afghanische Absolventen des Germanistik-Studiums. Zwei Damen werden aller Voraussicht nach im Deutschunterricht bei uns tätig werden:
3. Die GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) bemüht sich um eine deutsche Spezialistin zur Überarbeitung der Lehrpläne für die wirtschaftswissenschaflichen Fächer in Zusammenarbeit mit den Deutsch sprechenden Fachkollegen und -kolleginnen.
Abschließend noch eine Aufzählung weiterer, durch die einzelnen Spender zweckgebundenen FAOK-Anschaffungen am Jamhuriat-Gymnasium im Jahr 2005:
1. Weitere neue Deutsch- und Englischbücher garantieren einen modernen Sprachunterricht.
2. Mit Hilfe eines deutschen Geldgebers ist der Kauf umfangreicher Reihen iranischer Schul-, Kinder- und Jugendbücher möglich. (Die Qualität der afghanischen Schulbücher ist katastrophal. Die Bücher des Nachbarlandes verarbeiten besonders im naturwissenschaftlichen Bereich die allerneusten Ergebnisse internationaler Forschung. Leider sind die afghanischen Fachkräfte bisher oft noch nicht in der Lage, mit diesen Büchern zu arbeiten.)
3. Die Biologie-Sammlung konnte durch zwei weitere "Leybold-Sendungen" vervollständigt werden.
4. 13 Geographie-Karten wurden aus Deutschland beschafft.
5. Eine große Geldspende diente dem Neubau der Küche
6. 80 Klappstühle konnten für Konferenzen und die Bibliothek gekauft werden.
7. Die beiden großen Esssäle wurden vollständig neu möbliert.
8. 50 moderne Computer harren auf den Transport nach Kabul (Allerdings fehlt noch die entsprechende Zahl an Flachbildschirmen. Kann von Ihnen jemand helfen? Computer sind diiiie Basis für modernen Wirtschaftsunterricht.)
Das Interesse am Lycée Jamhuriat wächst - nicht nur beim afghanischen Fernsehen und Radio. Auch deutsche Besucher finden immer häufiger den Weg zum Salang Watt in der Nähe des "National Archive". - Sie alle sind herzlich willkommen = Chusch Aamaded! Sie können erleben, was mit Ihren Spenden geschieht.
B) Streiflichter
"Was gibt's denn da!? Noql und Schirini!"(Mandeln mit weisser Zuckerumhüllung und Bonbons aus dem Iran). - Die Schülerinnen drängen sich zur Essensausgabe vor dem Kantinenhaus. An der Tür hält die Direktorin Mohsena-jon höchstpersönlich würdevoll den großen Korbteller und verteilt die Süßigkeiten.
Es ist der 8. August. Endlich ist die Schulküche fertig! Nezamuddin, der Koch hockt vor seinem riesigen, bauchigen Kupfertopf und wirft mit flacher Kelle ständig Reisportionen in die Luft. Schön locker muss er sein, ehe der Reis den Nickelteller füllt. Noch ein Schlag Bohnen drauf, von Chodadad mit einem dünnen Brotfladen abgedeckt - das Schiebefenster zum Speisesaal wird hochgeschoben. Die Schülerinnen strecken ihre weinroten Schülerausweise entgegen und balancieren dann ihren vollen Teller in den Speisesaal. Munter und lustig geht es da zu. Die Klassengemeinschaft wächst zusammen, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht. Man ist stolz auf die Schule.
Vergessen ist das Kochen in der rußigen Mauerecke, das Essenfassen in der prallen Sonnenhitze am wackeligen Tisch - mit dem Teller in der Hand der lange Weg zum Klassenzimmer im Hauptgebäude.
Natürlich läuft noch nicht alles glatt: Wo kommt denn der Bub plötzlich her? Er ist durchs Fenster geklettert. Seine Schwester hat sich mit dem Bemerken, sie sei noch nicht satt, gerade Nachschlag geben lassen. - Wer stopft denn da das Essen immer noch mit den Fingern in den Mund? Für 15 Cent kann man doch einen stabilen Löffel erwerben! - Bei der Wasserzapfstelle ist wieder eine riesige Überschwemmung. - Ein Mädchen will schnell mit seinem Teller nach draußen witschen. - Welche Lehrerinnen haben den heute Aufsicht an den beiden Türen?

Im Essraum
Viertel vor drei: Die Schulglocke läutet. Vor der noch verschlossenen Blechtüre in der hinteren Lehmwand harrt die Menge der Schülerinnen, ehe sie, in eine Staubwolke gehüllt, den Bussen zustapft. Sind früh morgens die sechs vorsintflutlichen Vehikel zum Bersten voll, so gibt es am Nachmittag immer noch einen Stehplatz. Einige Schülerinnen verstehen es, die Hausaufgabenbetreuung zu meiden. Sie sind gezwungen, wenigstens am Nachmittag zu Hause zu helfen, oder zusätzlich Geld zu verdienen. Die kleine verschüchterte Nazi, Klasse 5a, verkauft in den engen Gassen des Frushgaah Plastikbeutel. 0,15 -0,3 $ ist ein Nachmittagsverdienst. Viele Klassenkameradinnen flehen mich dagegen in der Mittagspause schon an: "Sind Sie nachher da? Machen wir dann Deutsch?" Die Leistungsschere vergrößert sich. Die Guten werden wesentlich besser, die Schlechten bleiben schlecht. Im neuen Jahr soll sich das ändern. Der Direktor der Planungsabteilung für Berufsschulen will die Ganztagsschule am Jamhuriat-Gymnasium zur Pflicht machen.

Vor wenigen Tagen haben in Afghanistan die Winterferien begonnen. Schon vor Monaten fragten die Schülerinnen immer wieder: "Gibt es in diesem Jahr auch wieder Winterkurse?" Allmählich wird klar: Ja, es wird wieder welche geben. Zwar konnte ich bisher das Heizproblem für die Kursräume von Deutschland aus noch nicht lösen, aber:
Die Computerfortbildung finanziert SIEMENS Afghanistan.
Ein Englischkurs wird bei verschwindend geringer Eigenbeteiligung von der GTZ gefördert.
Das Goethe-Institut wird den Deutschunterricht organisieren - allerdings nicht unentgeltlich. 11 Wochen sollen 20 $ kosten. Zunächst sind die Mädchen glücklich. Im Laufe der Zeit werden die Gesichter länger, das Interesse der Schülerinnen zögerlicher. - Keine Lust? - Nein, nein, aber das Geld! In jeder Klasse melden sich Mädchen: "Mein Vater ist gefallen". "Mein Vater ist arbeitslos." "Mein Bruder ist der einzige Verdiener für 9 Personen." Ich zähle im Geist die letzten Extra-Spenden zusammen. Wenn der FAOK mithilft, müsste es auch mit weniger, notfalls ohne Eigenbeteiligung gelingen. - Was ist mit Farzana? Sie zeigte doch am meisten Begeisterung. - Schweigen - Schließlich, am Rande der Tränen: "Ich kann nicht. Mein Vater hat sein Gehalt noch nicht bekommen."
In den siebziger Jahren gab es in Deutschland einmal ein Kirchentagslied, dessen Refrain hämmerte gleich einem zu schnell gestellten Metronom: "Wieviel Zeit hab' ich noch, wie viel Zeit hab' ich noch, um eine Mensch zu sein?" Damals meinte ich, mich von früh bis spät zu bemühen, ein Mensch zu sein. - Im zu Ende gehenden Jahr 2005? Wie viel Zeit hatte ich da für meine Mitmenschen? Viel zu wenig!

ID-Karten werden vorbereitet
Roshan-jon
Man hatte ihr die Oberaufsicht über den Computerraum gegeben, obwohl sie keine Ahnung von Computern hat. Sie hoffte vergebens auf einen Zusatzverdienst durch den FAOK. Für welchen Unterricht ist sie ausgebildet? - Man hatte ihr den Sportunterricht gegeben. Die anderen zu Sportunterricht verdammten Lehrerinnen stehen immer stocksteif am Spielfeldrand. Sie spielte im lang wehenden grauen Mantel 2004 mit den Viertklässlern Katz' und Maus. In diesem Jahr ist Roshan-jon die erste "Sportlehrerin" mit Turnschuhen.- Die Schülerinnen tragen noch keine.- Eine Baseballcap ist ihr Emblem. Sie jagt mit den Zehntklässlerinnen um die Wette nach dem Ball. - Tags darauf sehe ich sie früh morgens, aschfahl, grau, übernächtigt. Warum? "Ich habe bis zwei Uhr nachts genäht. Mein Vater ist Shahed (im Krieg gefallen).Ich bin die Einzige die für die Familie verdient und das Tag für Tag." (Besser: Nacht für Nacht). Wie lange musste sie wohl nähen, um Turnschuhe und Baseballcap auf dem Trödelmarkt kaufen zu können? Nie wird sie die Zeit erübrigen können, am Nachmittag eine Zusatzqualifikation zu erwerben.
Shamail
11. Klasse Deutschunterricht. Ich versuche das Wort "Küchenregal" ins Dari zu übersetzen. Ist denn meine Erklärung so unverständlich? Da lacht die beste Schülerin: " Wir haben keine Küche und also auch kein Küchenregal. Wir leben alle in einem Raum. In einer Ecke nähen wir, in der anderen schlafen wir und in der dritten kochen wir - unten auf dem Boden. Für die paar Tassen brauchen wir kein Küchenregal." Der Vater ist gefallen, die Muter kränkelt. Manchmal fehlt Shamail. Dann muss ein Hochzeitskleid dringend fertig werden. Die Schülerin geht besonders gern unter der Tschaderi. Ihr Gesicht ist seit einem von den Taliban verursachten Brand voller Narben. Am liebsten würde sie es immer verbergen. Sie will nach Deutschland zur Operation. "Schönheitsoperationen werden nicht bezahlt", bekomme ich zu hören. "Es gibt in Kabul einen afghanischen Arzt, der macht das für 1500 $," beschwört mich Shamail. Ich habe bisher noch nicht für sie gesammelt.
Arzu
Klasse 5a: Die Anwesenheit wird überprüft. Es fehlen ja immer welche! Diesmal ist Zainab darunter. "Ja, wissen Sie denn nicht? Gestern sind ihr Vater und ihr Bruder im Kargha-See ertrunken. Erst wollte der Bruder seinen Freund retten, dann der Vater den Sohn. Alle drei sind tot. -Kismet." Wochenlang währen die Trauerfeiern. 40 Tage lang müssen Trauergäste jeden Freitag bekocht werden. Das Trauerhaus wird noch ärmer als arm. Ich will helfen.
Gleich gegenüber der Schule steige ich entlang der stinkenden Abwasserrinne den Berg hoch, dann eine gefährlich ausgetretene schiefe Lehmstiege - aufatmend schaue ich über die unter mir liegende Stadt. In der mehmaanchonna, dem eigentlich immer aufgeräumten Raum für Gäste werden flugs Handkurbelnähmaschine, Stoff- und Fadenreste weggeräumt. Dann kauert sie mir gegenüber, die 29-jährige Witwe mit den großen braunen, traurigen Augen, das Jüngste, wenige Wochen alt, in den Armen. Vier Mädchen hocken daneben.
Die Älteste serviert den orangegelben Saft: "Arzu? - Du wohnst hier?" - " Ja, es ist mein Vater, der ertrunken ist. Dies hier ist meine Stiefmutter. Sie wissen doch, meine eigene Mutter ist zwei Wochen nach meiner Geburt gestorben. Der Bruder war meiner." "Und nun?" Schweigen.
Es geht um Hilfe. Ein in Deutschland inhaftiert gewesener, anschließend ausgewiesener krimineller Onkel will letzten Endes mein Geld für einen Rückflug nach Europa. Die Witwe mit den Kindern ist unwichtig. - Ich beschließe, ihr mit Lebensmitteln über den Winter zu helfen.
Bei der Übergabe der Winternahrung fehlt Arzu. Die Stiefmutter: " Ach, die habe ich meiner Schwester gegeben. Sie kann gut arbeiten. Meine Schwester braucht Arzu, für mich ein Esser weniger."
In der Schule treffe ich das Mädchen, blass, verlegen. "So ist das Leben." - "Können Sie mir helfen? Ich habe nur diese Sandalen." - "Die neue Frau ist gut. Sie schimpft nicht so viel."
Wie kann man Arzu unterstützen, ohne dass die Ziehmutter das Geld weg nimmt?
Im vergangenen Jahr hatte ich sie unterrichtet und ins Herz geschlossen. Sie soll in der Schule keine Schwierigkeiten haben. Der ersehnte Winterkurs des Goethe-Instituts ist bezahlt.
Denken Sie, liebe Leser, mit an die afghanischen Schülerinnen, die in Not sind. Ich kenne ihre Zahl nicht.
"Wie viel Zeit hab' ich noch, wie viel Zeit hab' ich noch, um ein Mensch zu sein?!"
Ich wünsche ihnen ein gesegnetes, friedvolles Weihnachtsfest und ein sorgenfreies Neues Jahr.
Senda baashed! Bleiben Sie gesund!
Ruthild Meyer-Oehme
*** Spendenkonto: FAOK, Sparkasse Markgräflerland, BLZ 68351865, Konto-Nr.: 8126500***
Der FAOK ist als gemeinnützig anerkannt. Mitgliedsbeiträge und Spenden sind steuerlich absetzbar.
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