Ruthild Meyer-Oehme
z.Z. Im Weingärtle 2
79424 Auggen
Ende Dezember 2006
Liebe Verwandte, Freunde, Mitglieder und Spender des FAOK,
sehr herzlichen Dank für Eure / Ihre verlässliche Unterstützung! Nur mit Eurer / Ihrer Hilfe konnten wir „unsere“ drei Kabuler Schulen auch 2006 weiter fördern, das Projekt am Lycee Jamhuriat voranbringen. Dank auch für das treue Gedenken an uns im unsicherer werdenden Kabul.
Im Gefängnis
Aschfahl sitzt Scher zusammengekauert auf dem Beifahrersitz. Er hat Angst. Gerade hatte er uns erklärt, bis nach Andkhoi mitgekommen zu sein, aber nicht weiter. Dort vorne gäbe es nur Räuber. Die Grenzpolizisten seien die allerschlimmsten. Niemand würde ihn verstehen, denn die sprächen ja alle Usbak.
Das war gegen unsere Abmachung. Wir zwingen ihn, weiter mitzufahren. Nach dem Sandesturm regnet es nun in Strömen. Der Himmel ist grau verhangen. Die triefnassen Kamele, ihre Treiber trotten im Morast gen Norden. Dunkle vermummte Gestalten stapfen ihren Katen zu. Da, ein schepperndes Geräusch. Der Reservereifen ist aus seinem Korb hinten herunter gebrochen. Scher muss raus und ihn aus dem knöcheltiefen Schlamm ins Auto wuchten. Zur neuen Befestigung haben wir keine Zeit. Denn noch heute, am 9. November müssen wir die Grenze nach Turkmenistan erreichen und, hoffentlich, überqueren. Eine Autofahrt beginnt, wie wir sie bisher noch nie erlebt haben. Das soll die uns noch aus dem Frühjahr 1997 bekannte Staubpiste sein? Detlef versucht unseren Toyota-Kleinbus zu steuern. Die Räder scheinen nicht mehr mit dem Lenkrad verbunden zu sein. Wir schlittern nach links gleich geht es den Abhang hinunter werden wir umkippen? - dann nach rechts über scheinbar grundlos tiefe Schlammfurchen. Das Auto ächzt. Metall schlägt hart aufeinander, wenn wir wieder in ein Loch rutschen. Weit in der Ferne schemenhaft ein Dorf. Auch als das Feldland der Wüstensteppe weicht, ändert sich unser „Tempo“ 10 km/h nicht. Stundenlang Grau, Menschenleere, keine Hütte, nichts. Da weit rechts am Horizont Motorradfahrer. Sollten das die Räuber sein, vor denen Scher sich fürchtet? Sie kreuzen vor uns die Furchenlandschaft und entschwinden unseren Blicken. Wir atmen auf, als wir in der Abenddämmerung die weiße Kuppel der Zisterne von Aaq Gina ausmachen. Die kennen wir von früher. Wir sind also auf der richtigen Spur! Jetzt kann es zur Grenze nicht mehr weit sein. - Vor uns eine schäbige Gattertür. Ist dies das Tor zur Freiheit? Aus der Dunkelheit leuchten uns Taschenlampen entgegen. Die Askars schicken gleich nach ihrem Vorgesetzten. -Scher erwacht aus seiner Starre und beginnt zu lächeln.
Der Kommandant-Saheb in weisser Festtagskleidung (der Juma = Freitag hat ja seit Sonnenuntergang bereits begonnen), das große weiße Umschlagtuch über die Schulter geschlagen, begrüßt uns deutsche Ausländer sehr freundlich. Er weiss nicht recht was er mit den exotischen Grenzgängern machen soll und würde uns am liebsten wieder nach Andkhoi zurückschicken. - Zurück? Es hatte zwar zu Regnen aufgehört, aber diese Horrorstrecke bei Nacht zurück? Nie.- Er telefoniert mit seinem Vorgesetzten in dem Provinzstädtchen. Wir dürfen bleiben. Die Freundschaft ist bald vollends besiegelt. Wir kennen „Uanoie“, mit der er, Saman Khan, lange Jahre zusammen gearbeitet hatte, Ulla Nölle, den Engel der ganzen Provinz. Mehr als 40 Schulen hat sie in Faryab in den letzten Jahrzehnten aufgebaut. Jetzt im November wird sie für ihre großartigen Leistungen mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.
Scher verabschiedet sich überglücklich. Er kann mit jungen usbekischen Polizisten, die alle Dari - seine Sprache - sprechen, noch jetzt bei Nacht im Jeep nach Andkhoi zurückrasen. Am Lycee Jamhuriat wird er in Kabul während der Wintermonate für intakte Computerräume, die Kopiergeräte, Heizung der Winterkursräume und vieles Mehr sorgen.
Am Freitag ist der Grenzübergang geschlossen.
Wir haben Zeit und denken zurück.
Vieles haben wir erreicht, vieles ist noch zu tun geblieben. Ohne die Hilfe von Qamar jon Karzai wäre dieses Schuljahr nicht so erfolgreich gewesen. Sie bildete den Katalysator zur Direktorin, zu den Kolleginnen, den Schülerinnen .Oft genug stand sie morgens „auf der File“ ermunterte die schwarzgekleideten Mädchen, ermahnte die Lehrerinnen.
- Die Zahl der Schülerinnen ist auf über 750 gestiegen. Bis zum Schuljahrsende melden immer wieder Eltern ihre Töchter an.
- 9 Schulbusse garantieren den Mädchen nach menschlichem Ermessen die nötige Sicherheit.
- Trotz weiterhin miserabelster Bezahlung hat sich die Arbeitseinstellung der Lehrerinnen gebessert. Am Vormittag sind nur noch wenige Klassen ohne Lehrerin. Stundenanfang und Stundenende werden weitgehend eingehalten.
- Die Hausaufgabenbetreuung an den Nachmittagen klappt gut. Es ist ruhig im Schulgebäude. Es wird gearbeitet.
- Täglich bereitet der Koch ca. 400 Essen vor.
- Die beiden neuen jungen Deutschkolleginnen, Absolventinnen der Kabuler Uni geben sich große Mühe und tragen ganz wesentlich zur Anhebung des Unterrichtsniveaus bei.

Deutschlehrerinnen
- Nach dreimonatigem Kampf mit dem Erziehungsministerium (es fehlten die hohen Bestechungsgelder) erteilt eine hervorragende Fachkraft „von aussen“ in einigen Klassen Englischunterricht und bemüht sich, die Fachlehrerinnen der Schule zu fördern.

Erz.Min.H. Atmar zu Besuch
- Es ist schier ein Ding der Unmöglichkeit, in Kabul einen geeigneten Computerlehrer zu finden. Mit Hilfe von SIEMENS Afghanistan ist es uns gelungen. Selbstverständlich trainiert dieser auch unsere Lehrerinnen.
- 2 Computerräume sind fast ständig gleichzeitig in Benutzung, ein dritter wird in den Winterferien fertig.
- 34 Schülerinnen opferten im Sommer ihre zunächst nur auf 14 Tage anberaumten Hitzeferien und machten ein Praktikum bei Firmen und Ministerien.

Praktikantinnen bei Ariana
- Während der Winterferien werden es 58 Absolventinnen der Klassen 11 und 12 sein, die sich freiwillig dazu gemeldet haben.
- An zwei Tagen konnten vor- oder nachmittags Eltern an Elterngesprächen teilnehmen.

Elternsprechtag
- Im Frühsommer versammeln sich ehemalige Schülerinnen, um dann kurz vor dem Fastenmonat eine Alumnae-Vereinigung zu gründen.
- Eine Web Site für diesen Verein, die ganze Schule ist fertig, aber noch nicht ins Internet gesetzt - wegen der Kosten.
- Die Hitzeferien werden plötzlich verlängert. In einer Blitzaktion genehmigt die GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) Gelder für das Fliesen der rauen Zementböden im Gebäude Nr. 2. 6 Fliesenteams arbeiten 10 Tage lang ununterbrochen, damit der Unterricht anschließend nicht gestört wird. Sparsames Wirtschaften ermöglicht dann noch das Fliesen der beiden Essräume. Anschließend bin ich urlaubsreif.
- Vom 24.8. bis 13.9. erarbeitet die Senior-Expertin Inge Banauch, vom SES (Senior-Experten Service) in Bonn vermittelt, ein neues Curriculum für den Unterricht in den Wirtschaftsfächern der Klassen 10, 11, 12.
- Der betagte Kollege Zohur übersetzt alles und bereitet ein Seminar darüber vor, an dem auch Fachlehrer und Lehrerinnen ähnlich gearteter Berufsschulen Kabuls im Winter teilnehmen werden.
- Die GTZ finanziert 8-wöchige Winterkurse in Deutsch, Englisch, Computer für interessierte Schülerinnen der Klassen 8 12. Der Andrang ist groß. (Welche deutschen Schüler würden ihre Ferien für zusätzliche Kurse opfern?)
- Deutschsprachstützkurse für Seiteneinsteiger im Jahr 2007 versuche ich noch in die Wege zu leiten, aber es gelingt mir nicht. (Bis heute, 28.12.2006, konnte ich trotz vieler E-Maile und Telefonate noch nichts erreichen. Der Beginn sollte am 6.Jan. sein.)
- Alle aufgezählten Fakten sind neu für afghanische Schulen.

Schülerinnen beim Biounterricht
Alles wird erreicht
- Trotz eklatanter infrastruktureller Schwierigkeiten, auch zu Hause, allen voran der Mangel an Strom, im vergangenen Jahr noch katastrophaler geworden.
- Trotz ständiger Kommunikationsschwierigkeiten per Telefon: Es gibt inzwischen mehrere Netze die miteinander im Clinch liegen. Je nach Netzbetreiber nutze ich eines von zwei Handys.
- Trotz fortwährenden Staus auf Kabuls Straßen:
So fahre ich immer noch meist mit dem Fahrrad und nehme Belästigungen durch junge Männer in Kauf. Am Steuer sind es die penetranten Bettler und Bettlerinnen, auch Kinder, die immer zudringlicher werden.
- Trotz unergründlicher Zeitplanung aller hierfür verantwortlichen Institutionen.
Die Kabulis hängen am Fernsehapparat oder am Radio und warten abends auf die Mitteilung, wann der Fastmonat beginnt oder endet, wann die Schulferien beginnen und wann sie enden. Mohammads Geburtstag, Nationalfeiertage, den Beginn der Prüfungen erfährt man bestenfalls am Abend zuvor. Planung der Busfahrten oder der Essensausgabe (hierfür sollte der Reis eingeweicht werden) sind schwer möglich.
- Trotz eines gelähmten Kultusministeriums
Monatelang „besetzt“ ein Minister völlig passiv seinen Stuhl. Der Nachfolger weiss nicht, wo er zuerst mit den Reformen beginnen soll und ist somit völlig überlastet. Der vor Terroranschlägen nicht sicheren Lage des Erziehungsministeriums begegnet er zunächst mit dem Bau einer gewaltigen Mauer, dann verordnet er einen plötzlichen Umzug an den westlichen Stadtrand in ein viel zu kleines Gebäude. Ein Schildbürgerstreich: Das Eingangstor ist bereits zugemauert. Alle Möbel, das gesamte Inventar werden wochenlang über die frisch errichtete Mauer gehievt.
- Trotz eines mittelalterlichen völlig unfähigen Verwaltungsapparats.
Brauche ich ein neues Visum, muss der entsprechende Brief von der Schuldirektorin, der Verwaltungsabteilung unserer Schule, dem Präsidenten für Berufsschulen, dem Direktor des Ausländeramtes im Erziehungsministerium, mindestens vom Vizeminister des Erziehungsministeriums unterschrieben werden. Meist geht auf dem Weg irgendein Textteil oder die Nummer des Briefes verloren, sodass die ganze Prozedur wieder von vorne beginnen muss. Dann nimmt der Pass mit der Erlaubnis einen ähnlichen, noch längeren Weg - schließlich zum Aussenministerium, zum Innenministerium, zur Passbehörde. Bei der Vorbereitung unserer Ausreise galt es für Detlef wochenlang, unendliche Hürden zu nehmen.
- Trotz Korruption.
Jede Unterschrift kostet Geld.
- Trotz ständiger Versuche, den Anderen übervorteilen zu wollen, zu betrügen.
Alle Lebensmittel kaufe ich selber. Das Holz für die Schulküche wird in unserem privaten Höfchen zwischengelagert und in unserem Toyota portionsweise in die Schule gebracht.
- Trotz zunehmender Unsicherheit.
Das Sausen zweier Raketen schreckt uns nachts auf. Am nächsten Tag :“Ach wissen Sie, wir erlebten jahrelang täglich bis zu 32 Raketen. Da bedeuten 2 gar nichts.“
Eine starke Erschütterung. Irgendwo eine Explosion. „Solange sie nicht vor meinem Laden (einem Kopiergeschäft, in dem ich gerade bin) ist, stört sie mich nicht. (Frei. 8.Sept.: 16 Tote 30 Verletzte beim Denkmal von Shah Mahsud)
Tags darauf Hausarrest für Ausländer.
30.09. aus irgendeinem Grund will ich nicht mit dem Fahrrad fahren. - Mein Glück! Aus irgendeinem Grund bin ich dann zu spät dran mit dem Auto. Mein Glück!. Die Straße zum Innenministerium ist gesperrt. Handy-Anruf einer Mutter: „Ist meine Tochter heil in der Schule eingetroffen?“ Ich weiss von nichts. Selbstmordanschlag unweit eines Schultors! Alle Schülerinnen hatten die Schulbusse vorher verlassen. Unter den 43 Verletzten sind auch einige Schülerinnen unserer Nachbarschule, dem Lycee Malalai.-Bilanz: 12 Tote
Die Sicherheitshinweise der Deutschen Botschaft nehmen zu. Ein Glück dass wir weder einer Regierungs- noch einer registrierten Nichtregierungsorganisation angehören, uns somit nicht an diese Hinweise halten müssen. Wir könnten sonst überhaupt nicht mehr arbeiten.
Andererseits - wenn einem Deutschen in Afghanistan etwas zustößt, wird die Deutsche Botschaft zu allererst zur Rechenschaft gezogen.
Privat sollen wir die Hauptstadt nicht verlassen.
Fast wäre durch eine Order der Sicherheitsbeauftragten der Botschaft unsere Ausreise aus Afghanistan nicht zustande gekommen. Wir sollten nur im Konvoi zur turkmenischen Grenze fahren, also nur begleitet von mit Funk ausgestatteten Fahrzeugen.
Was haben wir nicht geschafft?
- Die Afghanisch-Internationale Handelskammer (AICC) hat kein Interesse, mit dem FAOK in dem von der EC geförderten Projekt zusammen zu arbeiten.
- Solange zwar die dünnen Elektrizitätsmasten von Tajikistans Grenze bis Kabul gesetzt sind, aber noch die „gewichtigen“ Stromleitungen fehlen, kann sich die Kabuler Wirtschaft nicht entwickeln. Der wirtschaftliche Boom, die Voraussetzung für eine übergroße Nachfrage an ausgebildeten Fachkräften bleibt vorerst aus.
- Immer noch fehlen neben den beiden Schultoren die Namensschilder. Wir wollen nicht unnötig auf die Mitarbeit der Europäischen Commission hinweisen.
- Ich gehe mit Schulden ins neue Jahr. Die gesamten Sanitärreparaturen, Spannungsregler, weitgehend die Einrichtung des 2 und 3. Computerraumes, die Spielplatzanlage mit Schaukel und Rutsche, 20 Stühlchen für den Schulkindergarten konnten nicht bezahlt werden. Das Erziehungsministerium hat angeblich nicht einmal Geld für Putzmittel und Putzmaterial (ich hoffe sehr auf Spender).
- Bisher fehlt das Geld für die Winterkursschulbusse. Die Eltern hatten ihre Erlaubnis vom sicheren Transport der Kinder abhängig gemacht.
- Ob die Unterstützungsgelder der EC für das ganze Jahr 2007 reichen, ist nicht gewährleistet.
- An große deutsche Wochenzeitungen, an die großen Fernsehanstalten (ARD und ZDF) wage ich mich nicht zu wenden. Das einzige Mädchen-Wirtschaftsgymnasium in Kabul ist sicher fundamentalistischen Muslimen ein Dorn im Auge.
- Immer noch bin ich auf der Suche nach einer Nachfolgerin. Bisher ist noch niemand in Sicht.
Wie wird die Zukunft aussehen?
- Anfang März wollen wir wieder am Grenzübergang Aaq Gina eintreffen. Ob es bis dahin im Iran und in Turkmenistan ruhig bleibt?
- Wir hoffen auf Sicherheit im Land und in Afghanistans Hauptstadt.
- In Kabul warten dann Lehrersuche, Stundenplangestaltung, Programmbeginn und tausend Schwierigkeiten auf mich.
- Ich wünsche mir, jede Woche einen freien Tag zu haben, und nicht wieder pausenlos durcharbeiten zu müssen.
Ein kalter Wind pfeift von Norden. Irgendwo schlägt eine Tür. Ein Motorradfahrer probiert sein Vehikel quer über die Sandrippen aus.
Wir haben es gut im afghanischen Zollhof Aaq Gina. Wir sind sicher, werden Tag und Nacht bewacht, Von Turkmenistan gelieferter Strom sorgt für Licht. Afghanische Gastfreundschaft umgibt uns. Mit ausgesuchter Höflichkeit serviert uns ein Soldat sogar Obst zum Frühstück. Zum Mittagessen darf ein Stück Fleisch nicht fehlen. Und das alles in dieser gottverlassenen, einsamen Gegend.
Im kleinen Basar, befestigt ein „Mistri“ unseren heruntergerutschten Dachgepäckträger und kümmert sich um die riesigen Sattelschlepperdröhner, die auf das Abtrocknen der Piste nach Süden hoffen. Ein paar Häuschen aus Aman Ullahs Zeiten wirken wie aus Versehen in den Sand geworfen. Verrosteter Stacheldraht im Norden, eine kleine Tordurchfahrt, vor der 5 Containerfahrzeuge auf den nächsten Tag warten, verheissen uns
Noch vor der turkmenischen Grenze ist ein Tankwagen im Morast stecken geblieben. Die erste Tankstelle daneben im Niemandsland. 1 l Diesel soll hier nur 3 Cent kosten. (Dafür werden wir allerdings mit Straßenbenutzungsgebühren hinreichend geschröpft.) Die Grenzanlagen dürften noch aus sowjetrussischen Zeiten stammen. Neben dem gepflügten Grenzstreifen ist allerdings der Zaun wohl nicht mehr elektrisch gesichert.
Ein Pelzkappen-Soldat trägt einen Spritzbrühekanister auf dem Rücken und desinfiziert unsere Reifen.
Die turkmenische Grenzstation Ymamnazar ist im Vergleich zu der des südlichen Nachbarn pompös. Die Kontrolle einfahrender und herausfahrender Fahrzeuge geschieht auf verschiedenen Seiten. Wird in Afghanistan noch alles per Hand in Listen eingetragen, arbeitet man hier am Computer. Dennoch dauert die Abfertigung viele Stunden länger. Detlef kommt immer wieder zum Auto: „Ich brauche noch Dollar!“ „Noch mehr Dollar!““ Schließlich sind wir um 143 $ erleichtert, aber dürfen nicht weiter fahren. Es muss - trotz Vorhandensein aller nötigen Papiere - eine Telefon-Genehmigung aus der Hauptstadt Aschchabad abgewartet werden. Erst dann darf unsere Belgische Schäferhündin, Kim, Turkmenistan im Transit queren.
Von einem hohen Bewässerungsgraben überragt, erwachen wir Tags darauf westlich von Kerki. Es ist Sonntagmorgen. Ein junger Bauer pflückt die letzten Baumwollkapseln und beschaut sich seinen Winterweizen.
Einige Kilometer westlich wurde ein Mausoleum zum Museum. Der Mullah rezitiert für einige Gläubige den Qor’an neben der Chai Channa am Eingang. Anderswo ist Markttag. Die hochgewachsenen, buntgekleideten Frauen beschauen sich billige farbenprächtige Stoffe und Fabrikteppiche oder wählen zwischen billigen Plastikschuhen. Ein alter Mann hockt hinter einem Häufchen Zwiebeln, einem Häufchen Möhren, einer Flasche Sonnenblumenöl und wartet auf Käufer. Säcke voller Sonnenblumenkerne werden angeboten. Halbwüste und Felder wechseln miteinander ab.
Nach der Karte muss der Amu-Darya nicht weit entfernt sein. Immer wieder im Zickzack über Kanäle versuche wir ihn zu erreichen. Abgeerntete Baumwollfelder, Maulbeerhaine, Brache, Winterweizen. Wir umgehen die lang gestreckten Straßendörfer mit den kleinen Walmdachhäuschen, dem Rebspalier davor, den Tandoors zum Kochen und Backen aufgereiht dahinter. Das internationale Wahrzeichen der Satellitenschüssel darf nicht fehlen. Und natürlich ist Turkmenbasy durch seine Goldstatue allgegenwärtig. Einige Male müssen wir umkehren. Schließlich blicken wir von einem versandeten hohen alten Dammweg über Uferwaldungen und Riedsumpf hinweg. Reiher und Stelzen flattern auf. Ein Rinderhirte weist uns das letzte Wegstück. Und dann liegt er vor uns, der uns immer wieder faszinierende mächtige Steppenstrom, der Lebensspender für die angrenzenden Länder. Ca. 3 1/2m unter uns flutet das braune Wasser. Das andere Ufer ist wohl 800m entfernt. Ein von den Russen geschaffenes Kanalsystem hatte die Wüste bis Charjou in eine fruchtbare, reiche Ebene verwandelt. An dem großen Verteilerwehr nagt inzwischen allerdings schon mächtig der Zahn der Zeit.
Es ist Nacht als wir durch die Karakum fahren. Schemenhaft taucht aus der Dunkelheit ein Pulk von 15 Dromedaren auf. Auf halbem Weg fühlen wir uns beim hell erleuchteten Wüstenbahnhof sicher. Die gleichförmige Geräuschkulisse der endlos langen Güterzüge begleitet uns im Schlaf. Der kommende Morgen verführt zu einer Wanderung in der Wüste.
Die 21. Polizeikontrolle in Turkmenistan kurz vor dem Grenzübergang Saraghs in den Iran! (In Afghanistan gab es nur 2!) Bei dem Posten in der Kieswüste verbringen wir die dritte Nacht in dem trotz immensen Reichtums an Gas und Öl so armen Land. Türkmenbasy, der für seinen Clan Milliarden Dollar scheffelte, winkt uns von einem Plakat zum Abschied zu.
„Haben Sie ein Kopftuch? Sonst hackt man Ihnen die Hände ab!“ werde ich gestenreich gleich vom ersten Vorposten im Iran begrüßt. Er lachlt als ich ihm nicht nur mein schwarzes Tuch sondern auch den schwarzen Mantel präsentiere. Die iranische Grenzstation Sarakhs ist ein Palast mit einem riesigen Parkplatz. Hier warten japanische Gebrauchtwagen, aus Dubai importiert, viele Container-Trucks auf die Weiterfahrt nach Usbekistan, Kasachstan und …Drei Schlepper braucht Detlef, um die vielen Grenz-, Zoll-, und Tierarztformalitäten zu erledigen. Die Sonne geht unter, als wir endlich „frei“ sind. Staunend fahren wir durch eine Landschaft mit Zypressenwäldchen, Winterweizenfeldern, abgeernteten Maisfeldern, Obstanlagen. Welch ein Gegensatz zur Wüste auf der anderen Seite des Grenzzauns.
Mashad, das kleine Provinzstädtchen der Siebziger Jahre, heute eine 2 ½-Millionenstadt, gleicht bei Nacht einer Orgie aus Feuerwerk mit den hell erleuchteten Trabantenstädten, den Lichtreklamen, den Autoketten auf Hochstraßen den prachtvollen Avenuen. Herr Hassan hatte gerade getankt. Ungebeten fährt er mit Frau und Tochter 20min vor uns her, um uns die richtige Ausfahrt aus dem Highwaygewirr zu zeigen. Es ist ihm völlig unverständlich, dass wir die Einladung seiner Familie zur Übernachtung nicht annehmen und in die Dunkelheit in Richtung Teheran brausen.
Wir sind leider nur auf der Durchfahrt: Frühstück hinter den Ruinen einer Karawanserai neben einem Quellteich. Vor wie vielen Jahrhunderten wurde die Pflasterstraße, vom Winde fast zugeweht, sich in der Ferne in rotbraunen Gebirgen verlierend, gebaut?
Weite, Weite! links die Wüste ein paar Oasenorte im Dunst rechts die Ausläufer des etwas verschneiten Kopet Dagh. Wenn die persischen Aufschriften nicht wären, würde man sich in den Wilden Westen der USA versetzt fühlen. Ein paar Supermärkte am Rand des schnurgeraden, am Horizont zu einer dünnen Linie verschmelzenden Highways, das sind vielfach die Ortschaften. Schilder mit Koran-Sprüchen - Einladungen zum Moscheebesuch - und schon leuchtet vor uns die goldene Moscheekuppel. Im viertgrößten Erdölförderungsland der Erde gibt es verschwindend wenig Tankstellen, immer lange Warteschlangen.
Teheran kündigt sich an: Zementwerke, Hochhausburgen wie Fatahmorganen in der Wüste, Stau auf der sechsspurigen Umgehungsstraße im Süden der 7 1/2 Mill.Stadt.
Unvergessliche, zauberhafte Landschaftsbilder im Westen des Iran. Man möchte aussteigen und die malerischen Tälchen erwandern, doch unser Durchreisevisum läuft ab. Gleissende Schneegebirge begleiten uns, verfallende Dörfer am Straßenrand Landflucht. Im Gegenteil dazu boomt Täbriz. Dem Ideenreichtum städteplanender Architekten sind hier keine Grenzen gesetzt.
In den späten Abendstunden gelangen wir in einem zeitlichen Marathon in die Türkei.
Wie auf all unseren Reisen zuvor sind wir fasziniert von Anatoliens Großartigkeit. Allerdings ist es kalt, sehr kalt. Der Schnee reicht nicht nur an Ararats Flanken weit hinab. Im von dampfendem Schwefelwasser umgebenen Thermalhotel, ist es fast zu heiss. Die Nacht darauf gefriert das Wasser in Kims Hundenapf. - Geplante Sightseeing-Tage in der Zentral- und Westtürkei sparen wir uns für später auf.
Eine neue Autobahn mit vielen Viadukten und Tunnels verkürzt die Fahrzeit durch Griechenland.
Auf dem riesigen leeren Deck des Fährschiffes von Igumenitsa nach Bari steht unser Toyota-Bus verloren in einer Ecke.
Am 25. November tragen wir unsere Habe in die Gästewohnung eines Bergbauernhofes in Villanders. Bei herrlichstem Wetter erholen wir uns mit viel Wandern noch eine Woche in Südtirol.
Den Kopf in die Hände gestützt fühle ich mich am 3. Dezember in unserem „Auggemer Häusle“ ganz benommen. Hier soll ich mich wieder zurechtfinden?
Unsere Kinder und Enkel erleichtern mir die Heimkehr.
Die Weihnachtstage sind vorüber. Nun denken wir besonders an das kommende Jahr..
Können die globalen Probleme: Erderwärmung, Klimakatastrophen, Kriege verringert werden? In unseren hoch entwickelten Ländern gehen Gewinn- und Konsumsucht einher mit dem Verlust vieler ethischer Werte.
Mögen wir Alten vor Vereinsamung und schwerer Krankheit verschont bleiben.
Und mögen die Jungen, die alles zu besitzen meinen, zu Bescheidenheit und Selbstbeschränkung zurückfinden.
Detlef, eine inzwischen brav gewordene Kim und ich wünschen Euch / Ihnen allen ein glückliches, gesegnetes Neues Jahr.
Ruthild Meyer-Oehme
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