Ruthild Meyer-Oehme
Kabul 2. Sept. 2007
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Chitz isch Fieraabe

Abgehetzt, auf dem Gepäckträger den Karton mit den afghanischen Kekschen, stellt die Alte ihr Fahrrad an der Schulhausecke ab. Nun kann nichts mehr schief gehen, alles ist gut organisiert, vorausgeplant.

Was ist denn das?! Der Schutthaufen blockiert immer noch die ganze Zufahrt zum Hauptgebäude des Lycée Jamhuriat! Trotz freundlichen Bittens an den Vortagen war er von den Bauarbeitern nicht weggeschaufelt worden. Shah Wali, der Wächter hätte das heute tun sollen. Aber er ist gerade nicht da. Die Alte ist wütend, packt schimpfend den Vorabeiter am Arm, greift eine Schippe und fängt selber an zu schaufeln. Ihm bleibt nichts anderes übrig als zögernd zu helfen. Die Präsidenten können einfahren.

Wo sind die Kolleginnen, die die Teller mit dem Gebäck hätten richten sollen? Die Gäste sind da! Warum bringt Scher nicht verabredungsgemäß pünktlich den Tee? Ach so! Er musste ja für die Direktorin noch die Vorhänge in ihrem Dienstzimmer anbringen. In eine Woche lang nicht gewechselter schmuddeliger Arbeitskleidung kommt er 20 min verspätet seiner Pflicht nach. -

21. Juni 2007Joint Committee: Dieses Gremium aus der afghanischen Wirtschaft, der Verwaltung, dem Erziehungsministerium und dem Jamhuriat- Gymnasium hätte laut Vorgaben der EC in regelmäßigen Abständen all die vergangenen 18 Monate immer wieder tagen sollen. Nun bildet dieses Ereignis den krönenden Abschluss des Projekts „Educating Afghan Women for Managment“.

Den Vorsitz des Projekts sollte die „Afghanistan International Chamber of Commerce“ bilden. Immer wieder hatten wir diese Institution aufgesucht, trotz Unterschrift des EC Partner-Vertrags nie eine Unterstützung bekommen. Natürlich haben wir sie eingeladen. Wo bleibt die Repräsentantin jetzt? Die Association Femmes d’Europe in Brüssel war sowieso nur „schlafende Partner“. Der dritte Partner, das Erziehungsministerium ist anwesend, vertreten durch den Präsidenten für Berufsschulen! Noch vor einem haben Jahr hätten wir auch auf ihn vergeblich warten können! Heute leitet sein Nachfolger, Professor Dr. Omary, ein Kanado-Afghane das Joint Committee das ein unvergessliches Treffen all derer wird, denen die Weiterentwicklung des Gymnasiums Jamhuriat am Herzen liegt. Die Vertreterin der Bank-e Mellie ist begeistert vom neuen Curriculum. Afghanische Fachkräfte der Schule berichten über das Fortbildungsseminar im vergangenen Winter zu diesem Thema. SIEMENS will die Schule weiter auf dem Computergebiet fördern. Der Wirtschaftsreferent der Deutschen Botschaft sagt Unterstützung im Zusammenhang mit personeller Hilfe zu. Der Dekan für Volkswirtschaft der Universität Kabul bestärkt sein Interesse an fähigen Absolventinnen des Lycée Jamhuriat. Es wird ihm nicht daran mangeln. Waren die Zwölftklässlerinnen doch vom eigens für sie organisierten Schnupperstudientag restlos begeistert gewesen.

Die „Alten“ atmen auf. Eine Last fällt von ihnen. Jetzt ist Feierabend! Sie können ihre Heimkehr nach Deutschland vorbereiten.

Aber das Programm geht weiter. Allerdings sind die Meyer-Oehmes in den kommenden 6 Monaten selber die Geldgeber für Busse, Essen, Hausaufgabenbetreuung und alles was am Jamhuriat-Gymnasium dazu gehört. Die Abrechnung für die Europäische Kommission muss in Angriff genommen werden. Sie wird hoffentlich nicht Monate, wie im vergangenen Winter dauern, sondern nur Wochen.

Bei größter Sommerhitze, vielfach zu Fuß, kümmere ich mich wie im Vorjahr um die Praktikumsplätze für die Schülerinnen der beiden Abschlussklassen. Banken, Ministerien, SIEMENS, KAM AIR, DED, AISA sind gerne bereit.

Die Schule ist bekannt geworden. Der Sender ARTE filmt zweimal. Der deutsche EC – Botschafter für Afghanistan ist begeistert, bald darauf die französische Abteilungsleiterin der EC nicht minder. Der DED Landesdirektor ist nach seinem Besuch überzeugt, sich für die Vermittlung einer deutschen Wirtschaftsfachkraft einzusetzen. Wir arrangieren Vorträge für afghanische Universitätsprofessoren und den so kooperativen Präsidenten von AISA (Afghanistan Investment Support Agency.)

Der neue Präsident für Berufsschulen fördert das Lycée Jamhuriat wo er kann. Seit Schuljahrsbeginn kann man am besten abends ab neun Uhr mit ihm telefonieren. Fast täglich gehen die E-Maile hin und her. Die Alte ist Professor Omarys Vertraute in allen schulrelevanten Fragen. Wer wird neue Vizedirektorin, wer wird neue Schulleiterin? Morgens um sieben Uhr kann man den Präsidenten am besten aufsuchen. Der „Doktar“ versteht, dass die Lehrer schwänzen, mies arbeiten, abwandern, weil sie zu schlecht bezahlt werden. Er ist auf Bettelreisen im Ausland unterwegs und schafft es, allen Lehrern an „seinen“ Berufsschulen dreimal so viel Lohn auszahlen zu lassen wie an den übrigen öffentlichen Schulen. Dort will man abwandern.

Nafissa Mahbub, frühere Schülerin des Lycée Jamhuriat, jahrelang die beste Deutschlehrerin der Amani-Oberrealschule, wird am 5. Mai neue Vizedirektorin. Nasrin Tochi, beste Lehrerin für Volkswirtschaft am Lycée Jamhuriat übernimmt Mohsena-jons Direktorinnenstuhl im Juli. (Vor drei Jahren hatte sie mein Ersuchen abgelehnt. Jetzt habe sich die Zeit gewandelt.)

Die Schule zählt jetzt über 1000 Schülerinnen. Für die vielen Neuankömmlinge sollten C- Klassen geschaffen werden, um die Mädchen im Deutschunterricht gezielter fördern zu können. Es war Anfang Mai schier ausgeschlossen. Ich musste sehr energisch werden. Einrichten von Leistungsklassen war damals völlig unmöglich, jetzt unter der neuen Schulleitung überhaupt kein Problem.

Es ist unvorstellbar, was sich in den wenigen Wochen alles wandelt. Die Raumeinteilung wird so, wie vor der Renovierung im Frühjahr 2003 von mir geplant. Die Schule ist sauber! Die neue Direktorin kratzt und schrubbt eigenhändig die verkalkten Waschbecken. Lehrerinnen, alle Schulkinder sind gelockert und freundlich. Im Schulhaus herrscht Ruhe. Es wird pünktlich unterrichtet. Die beiden Damen kontrollieren ständig und überall, auch in der Schulküche. Die Vizedirektorin organisiert die Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag. Die Zwischenprüfungen zeigen: Der Leistungsstandard ist gestiegen. Er soll schon besser sein als an der Amani-Oberrealschule. Die beiden deutschen Kolleginnen des Aysha-e Durani-Gymnasiums planen im kommenden Schuljahr ebenfalls Hausaufgabenbetreuung nach unserem Muster.

Was früher völlig undenkbar war: Der Gedankenaustausch mit den deutschen Kollegen /innen der anderen Schulen wird selbstverständlich. Der neue deutsche Koordinator für die AORS, die AyDu und das LJ besucht unsere Schule gleich am ersten (!) Tag und leert seinen Blechteller mit Reis und Auberginengemüse in der Schulkantine.

In wenigen Tagen erwarten wir die erste, eigens für das LJ entsandte deutsche Fachkraft für DaF. Der lange Weg meiner wiederholten Anforderung über den Präsidenten Omary, den afgh. Erziehungsminister, den deutschen Botschafter, das Auswärtige Amt in Berlin die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Köln war dort endlich erfolgreich.

Vermutlich können Sie alle mitfühlen, wie glücklich wir Altgewordenen sind.

Das andere Kabul

Leider herrscht nicht überall eitel Sonnenschein. Vom Fahrradfahren musste ich mich vor wenigen Tagen verabschieden. Früher riefen die Kinder: hauayu, hauayu! (Wie geht’s) Jetzt überholen mich Jugendliche mit dem Ruf: entechaari, entechaari (Selbstmordanschlag, Selbstmordanschlag) und versuchen immer wieder, mich durch Kurvmanöver zu stürzen. Die Autofahrer sind meist noch sehr zuvorkommend und rücksichtsvoll. Ein mich von hinten absichtlich anfahrendes Taxi bringt mich zu Fall. Die letzte Warnung.

Im nächsten Taxi bekomme ich dann zu hören:“ Die Ausländer sind schlecht. Sie sind reich. Sie arbeiten nur in die eigenen Taschen. Das Geld, das den Afghanen zusteht bleibt bei ihnen“. Haben sie nicht Recht? Jeder deutsche ISAF-Soldat erhält als Gefahrenzulage über 90€ pro Tag. Wie viel mehr erhalten die Experten? Ihre Häuser gleichen Dornröschenbunkern: Die Aussenwände spiegelglatt, damit Keiner hinaufklettern kann, obendrauf Wellblechgirlanden gekrönt von blitzenden Stacheldrahtrollen. Wächter wachen Tag und Nacht. In den Häusern bekommt man nichts vom Passat mit. Da gibt es keinen Luftzug mehr, aber den Gestank und die ratternden Geräusche der Generatoren, denn Strommangel ist schon seit Wochen wieder in der Fünfmillionenstadt an der Tagesordnung. Man darf nur mit Fahrer im gekühlten Auto hinter Scheiben geschützt, das Funktelefon in der Tasche, vom Haus zur Arbeit fahren.

Sind wir leichtsinnig? Wir haben nur die bellende Kim, die jeder Mauerkletterer leicht erschießen kann. Aber wir stehen uns gut mit den Nachbarn, den Polizisten an den Ecken. Gegenüber im Burj-e barg, der Elektrizitätsverteilung, hockte ich kürzlich mit meinem PC auf dem Boden, als dringend noch ein Schreiben fertig gemacht werden musste und meine Akkus leer waren. Den Telefonkartenverkäufer an der Ecke hoffe ich, durch Sonnencreme gegen Hautkrebs zu schützen.

Warum richtet sich die Wut der Afghanen nur gegen die Ausländer und nicht gegen ihre eigenen Milliardäre der Opiummaffia, der Schmuggler, der durch Korruption zu Reichum gelangten? „Fahimpur“ eigentlich Sherpur, das auf dem Lehmruinenmilitärlager des Generals Fahim entstandene Villenviertel ist fertig. Solche Prunkpaläste aus 1001 Nacht mit mächtigen Balkongirlanden, Prunksäulen, mit Erkern und Zinnen, das Logo von Allah als Krönung, natürlich hinter hohen Mauern und Wachhäuschen hat keiner von Ihnen, liebe Leser, je gesehen.

Das Auto eines reichen Händlers wird bei Tageslicht durch unsere Straße von einem Gangsterauto verfolgt, die Straßengabelung von zwei anderen Fahrzeugen blockiert. Schießerei! Man zerrt das verletzte Opfer aus seinem Geländewagen. Ein Polizist, der helfen will, wird auch noch gleich angeschossen. Die anderen Uniformierten flüchten. – Nichts Besonderes! In dieser Großstadt inzwischen an der Tagesordnung wie in vielen südamerikanischen Weltstädten. Nur – schräg gegenüber unseres Gründstücks.

Überfälle von Banken häufen sich. Wir bräuchten dringend Geld, um Busfahrer, Hausaufgabenbetreuerinnen und Köche zu bezahlen!

So nebenbei

Wir begleichen Arztrechnungen, zahlen für Medikamente, für Brillen der älter gewordenen Lehrerinnen. - Wovon soll eine zur Witwe gewordene Kollegin plötzlich 8 Kinder versorgen? - Eine sehr gute Schülerin will die Schule beenden. Der Vater ist verschwunden, die Mutter krank. Niemand ausser ihr kann für den Lebensunterhalt der geschlagenen Familie aufkommen.-

Ich besuche unseren Kollegen Z. im Krankenhaus. Er kann kaum sprechen, wird u.a. auf Bluthockdruck und Nierenkrankheit behandelt. Im Deutschen Diagnostikzentrum stellt man fest: Er hat zwei hoch gefährliche Darmparasiten. - Die Frau unseres Freundes leidet unter Drehschwindel – niedrigster Blutdruck (wird vielfach in afghanischen Krankenhäusern nicht richtig gemessen). -Einer Putzfrau in der Schule treten die Augen aus dem Kopf. Sie leidet unter Schilddrüsenproblemen. Wer soll die Arztkosten bezahlen? - Detlef schafft einen verkrüppelten Jungen aus dem Autobazar in das Irene-Salimi-Krankenhaus zur Operation. -Husseins vom eigenen Vater angezwungene Frau erwartet ein Kind. Im letzten Augenblick bringe ich sie ins amerikanische Krankenhaus. Mutter und eine Siebenmonatsfrühgeburt von 1200 g werden gerettet. Vorgestern wurde das „Mutter-Mädchen“ mit einem 1700 g – Winzling entlassen. Quer durch ganz Kabul fuhr ich sie in das Hazarahviertel nach Haus

Fragen!?

Ihr Lieben Alle!

Natürlich habt Ihr viele Fragen:

Wie wird es weitergehen in und mit Afghanistan? Nach einem verheissungsvollen Neuanfang im Jahr 2002 geht es bergab, trotz des vielen Geldes. Wir sind sehr pessimistisch.

Wie wird es weitergehen mit dem Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat? Wir sind sehr hoffnungsvoll. Allerdings: Ohne Ihre Mithilfe, ohne Ihre Spenden geht nichts. Niemand bezahlt so primitive Dinge wie Putzmittel, Klopapier, Ersatzpatronen für Kopierer, Papier, sämtliche Reparaturen an Gebäudeteilen, an den fast 80 Computern, den genialen Helfer und Reparateur Sher, die erwartungsvollen Lehrer am Lehrertag. Ich bemühe mich um die Riesengeldsumme von 50,000.00 € für das ganze Sonderprojekt Busse, Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung im Jahr 2008 u.a. bei der Weltbank. Bisher erhielt ich nur Absagen. Wenn uns da niemand hilft wird die Schule in ihrer jetzigen so hoffnungsvollen Existenz gefährdet. Den Mädchen aus den armen Familien der Vororte wird der soziale Aufstieg verwehrt. Solange die Alte noch Kraft hat, wird sie um die finanzielle Basis der Pilotschule kämpfen.

Wie wird es weitergehen mit den Meyer-Oehmes? Heute (0.9.07) überreicht Detlef mir die verrosteten Ausfuhrschilder für unseren Toyota-Bus. Jetzt können wir uns um die Visa kümmern. „Ball isch wirkli Fieraabe“, würde man in Auggen sagen.

Sehr herzliche Grüße sendet Ruthild Meyer-Oehme



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