Ruthild Meyer-Oehme
Kabul 2. Sept. 2007
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All Ihr Lieben, die Ihr Euch immer noch für Afghanistan und unsere Arbeit dort interessiert!
Nur drei Wochen
Am Rande
Es wird dämmrig. An der Straße nach Darul-Aman stehen die LKWs in Reih und Glied aufgereiht. Noch sind die Straßen für sie gesperrt. Die Backsteinladung in Fischgrätenmuster fein säuberlich geschichtet, warten sie darauf, ihre Last bei Nacht in die Stadt fahren zu können. An der großen Ausfallstraße nach Osten warten die Sattelschlepper mit den Zementsackladungen und die Sandlaster. Der Bauboom hält in Kabul unvermindert an. Kleine Hochhäuser, Minikopien ihrer großen Schwestern in Dubai mit glitzernden Glasfassaden, prunkvolle Hotels für den Tourismus der Zukunft schossen über Winter wie Pilze aus dem Boden. Die Karren der Obsthändler, der Altkleider- und Schuhhändler zu ihren Füßen nehmen sich wie hässliche Tiere aus einer vergangenen Zeit aus. Die „Grüne Ladenstraße“, für jeden Alt-Kabuler ein fester Begriff, war einmal. Bagger und Bulldozer kennen keine Eigentumsrechte.
Der Verkehr hat weiter zugenommen. Mit Sirenengeheul schaffen sich die für Sicherheit sorgenden afghanischen Polizeifahrzeuge voller Bewaffneter Fahrtrecht. Den Fahrzeugen der ISAF, hoch oben die bis an die Zähne gesicherten Soldaten hinter ihren auf die Menge gerichteten hin und her schwenkenden Bordkanonen, weicht man angstvoll aus, so gut es geht. Trotz möglichst kreuzungsfreien, neu geschaffenen Einbahnstraßen geht es oft nur im Schritttempo vorwärts. Für Fahrradfahrer bleibt dann der holprige „Geh“weg. Im Villenviertel Wazir Akbar Khan gibt es neue Schranken, ganze Straßenzüge sind durch riesige Betonblöcke einseitig gesperrt. Allerdings - in der Shar-e Nau müssen Amerikaner weggezogen sein. Dort sind Betonblocksperren weggeräumt. Ich profitiere davon auf meinem Weg zur Schule.
Auf den Ausfallstraßen, an großen Kreuzungen in Stadtrandnähe stockt der Verkehr. Polizisten kontrollieren die Autoinsassen, schauen in die Kofferräume - bei Tag und besonders bei Nacht. Nachtleben das gab es noch vor zwei Jahren. Jetzt sind die Straßen nach neun Uhr fast ausgestorben. Nächtliche Einbrüche, Entführungen reicher Afghanen zu Lösegelderpressung nehmen zu.
Weite Strecken fahre ich stets mit dem Taxi. Immer die gleichen Fragen an den Taxifahrer: verheiratet? „Ja“. Kinderzahl? „7 10“. Gehen sie zur Schule? „Ja“ (früher gab es da meist ein „Nein!“). Natürlich manche bereits verheiratet, aber nicht arbeitslos (ein Fortschritt).
Bei Fragen zur Politik werden sie alle ganz erregt: Karzai-Regierung schlecht, korrupt! Paschtunen, aber auch die meisten tadjikischen Fahrer: Kampf gegen Taliban überflüssig, besser eine Taliban-Regierung, da herrscht Ruhe und Ordnung. Die Amerikaner arbeiten mit den Taliban zusammen, unterstützen sie, profitieren von ihren Drogengeldern und kämpfen andererseits gegen sie. Keine ausländischen Soldaten! ISAF überflüssig! Ausländer raus!! Sie verdienen in Afghanistan viel. Das Land bleibt weiter arm.
Keiner der Fahrer nimmt mir ab, dass ich von der „Taqa’ud“, der Pension meines Mannes in Kabul bin und nichts in Afghanistan verdiene.
„Heimkehr“
Ich finde Unterschlupf in dem kleinen Zimmerchen, in dem unser früherer Helfer Hussein gehaust hat. Bewacht von drei Hunden fühle ich mich wohl und sicher.
Am ersten Tag nach meiner Ankunft soll mich ein Taxi zum WG Jaqmhuriat bringen. An der Kreuzung der „ungeborenen Kindlein“ will man den Fahrer nicht in die Innenministeriumsstraße einbiegen lassen. Als die Polizisten mich im Auto sehen lachen sie und geben uns die Fahrt frei. - Rückweg zu Fuß. - Wo denn das Fahrrad sei, werde ich vielfach gefragt. Das benutze ich dann in den kommenden Tagen.
Nicht nur der alte Wächter am Tor, „Baba Nassim“, wäre mir am liebsten um den Hals gefallen.
Draussen ist es frühlingshaft warm, drinnen geben die dicken Wände winterlich feuchte Kälte ab. Von letzten Ferientagen keine Spur: Nachprüfungen für nicht versetzte Schülerinnen. - Alphabetisierungskurs durch Gabi Sedeqi für Lehrerinnen der Klassenstufen 1-3 der beiden Schulen WG Jamhuriat und AORS („Guten Tag! Wie geht es Ihnen?,“ begrüßen mich die verhärmten Frauen freudestrahlend im Chor. Sie sind so glücklich, dass man sich um sie kümmert und sie fördert.) - Die Verwaltungsbeamten warten auf Unterschriften. - Eltern wollen ihre Töchter anmelden und werden immer wieder abgewiesen. („Wir haben keinen Platz mehr“).
Es dauert mehrere Tage, bis die Direktorin, die Vizedirektorin und ich Zeit finden, die Finanzen der Vergangenheit zu besprechen und die Zukunft zu planen. Das ist schwierig. Weiss man doch am Tag zuvor noch nicht, ob der Mittwoch frei ist und Mohammads Geburtstag gefeiert wird, ob das Neujahrsfest am freien Freitag oder wegen des Schaltjahrs bereits am Donnerstag gefeiert wird, ob am Samstag noch frei ist oder bereits der erste Schultag. („Unglücklicherweise“ fällt Mohammads Geburtstag und das Neujahrsfest auf denselben Tag, den Donnerstag.) Dass am Samstag frei ist, erfahre ich durch die Vizedirektorin erst am Freitagabend. Die Direktorin musste zu Schulbeginn zur medizinischen Behandlung nach Indien fliegen und wird erst nach meinem Abflug aus Kabul wieder nach dorthin zurückkehren. Leider ich schätze sie sehr. Die Vizedirektorin Nafissa verliert die Ruhe nicht und meistert das Towahobohu der ersten Tage ohne gültigen Stundenplan mit 8 Klassen ohne eigenes Klassenzimmer. Allerdings kommt sie dadurch nicht zur Übersetzung des neuen von Inge Banauch MBA erstellten Lehrplans für die Fachrichtung Bürokommunikation, der vor dem Schuljahrsneubeginn als Geschenk für unser Wirtschaftschaftsgymnasium fertig gestellt wurde.
Das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat hat jetzt 1300 Schülerinnen. Wie viele Schüler-Karten brauchen wir? Die Druckerei ist an den Ostrand der Stadt gezogen. E-Mail-Kontakte gestalten sich schier unmöglich. Nach 12 Tagen werden endlich die bestellten 900 Karten geliefert. Inzwischen brauchen wir noch 100 mehr! - Wie viele Busse sollen wir anheuern? Schließlich sind es 13. - Wie viele Essen sollen gekocht werden? Scher kauft Holz, Unmengen von Reis, Bohnen, Erbsen, Dal, Öl und ist entsetzt über die hohen Preise. Die Portionen werden kleiner. Es bleibt kaum noch was übrig. Das „Passmaanda“ der Schülerinnen kratzen die Putzfrauen für sich zusammen.
Mein Kalender füllt sich stets mit neuen Terminen:
- Präsident für das afghanische Berufsschulwesen im MoE Prof. Dr. Omary. Unwissende Afghanen wollen den Typ des WG Jamhuriat mit anderen Wirtschaftsschulen nivellieren. Omary ist erbost.
- Leiter der EC-Delegation in Afghanistan, Dr. Kretschmer. Wird ein neues EC-Projekt am WG Jamhuriat zustande kommen?
- Leiterin des Goethe-Instituts Kabul, Frau Sache-Toussaint. Ob eine unserer afghanischen Deutschlehrerinnen im kommenden Winter ein Sprachstipendium in Deutschland wahrnehmen kann? Frau Sedeqi hofft zudem auf Kursstipendien für einige unserer Schülerinnen im Kabuler Goethe-Institut.
- Landesdirektor des DED, Dr. Schneider. Wie steht es mit einer Expertin für die Wirtschaftsfächer. Seit mehr als einem halben Jahr fehlt immer noch die schriftliche Anforderung von afghanischer Seite.
- Landesdirektor, der GTZ, Dr. Vereno. Für Afghanistan sind große Projekte zur Förderung des Berufsschulwesens geplant. Wird das WG Jamhuriat da mit einbezogen werden können?
- Herrn Botschafter Dr. Seidt besuche ich mit Dr. Vereno zusammen. Er ist wie bisher an der Weiterentwicklung und Förderung unseres Wirtschaftsgymnasiums für Mädchen sehr interessiert und unterstützt mich wieder sehr.
- Koordinator für die deutschen Lehrer, Herrn Dr. Thieme.Verantwortlich für die deutschen Lehrer ist er auch für deren Sicherheit zuständig. Das WG Jamhuriat gehört neuerdings mit zu seinem Aufgabenbereich. Einmal in der Woche unterrichtet er dort im „Tandem“.
- Sicherheitsbeauftragter der Deutschen Botschaft Kabul, Polizeioberkommissar Kuberski. Welches sind seine Vorschläge bez. der Sicherheitsvorkehrungen für das WG Jamhuriat?
- Rawzia-jon, die aktive Direktorin der Bibi-Aysha-e Sediqa-Mädchenmoscheeschule. Sie möchte mich zum Erziehungsminister mitnehmen, um durch meine Gegenwart einen schnelleren Umzug ihrer Klassen in ein neues Gebäude zu erreichen. Allerdings fand sich in den drei Wochen nicht so schnell ein Termin.
Oft schlinge ich eine Kleinigkeit im Stehen herunter, weil keine Zeit zum Essen bleibt.
Vor Darul-Aman in Sala’uddin liegt das Zentrum für erneuerbare Energien, die European Technic Company (ETC). Es interessiert mich besonders. Hege ich doch den Gedanken, das teure Holz zum Kochen in der Schulküche durch Solarenergie zu ersetzen. Die Leute sind nett, die Solarspiegel nicht im besten Zustand, der Brotbackofen gerade ungenutzt, der afgh. Leiter nicht erreichbar, auch telefonisch in den nächsten Tagen nicht. Ich werde in Deutschland versuchen, mit den deutschen Fachkräften von www.solare-bruecke.org Verbindung aufzunehmen.
Zwei von der GTZ in das WG Jamhuriat gesandte Fachkräfte sind entsetzt darüber, wie viel Holz wir täglich verbrennen. Sie wollen einen Plan zur Minimierung des Heizmaterials ausarbeiten und mir per Mail zusenden.
Das Frühjahr ist viel zu trocken. Alle Afghanen wie Ausländer - flehen um Regen. An meinem Abflugstag, Freitag dem 4.4., setzt er ein, zuerst nur zaghaft. Während der Taxifahrt zum Flughafen regnet es in Strömen. Der Taxifahrer meint, die ARIANA-Maschine würde nicht starten können. Doch sie schafft einen rumorenden Steilanstieg in die dichte Wolkendecke gen Norden.
Vorher bleibt mir Zeit zum Zurückdenken. Die 3 Wochen in Kabul waren übervoll. Die größte Überraschung wurde mir am letzten Tag beschert. In der von afghanischen Bauleuten wieder hergerichteten Theaterhalle des WG Jamhuriat führten die Winterkursschülerinnen „Schneewittchen“ auf. Bei den Aberhunderten von zuschauenden Schülerinnen herrschte atemlose Stille. Es war zwar nur ein einfaches deutsches Märchen, aber so etwas hatten sie noch nie erlebt. Der tosende Beifall wollte nicht enden. Gabi Sedeqi hatte das Stück geschrieben, Hassina-jon es mit den Schülerinnen eingeübt. Ich musste Freudentränen unterdrücken und fühlte mich nicht wohl bei den Ovationen, die auch mir dargebracht wurden.
Das Wirtschaftgymnasium Jamhuriat wird nicht mehr untergehen, wie im März 2002 der damalige Vertreter der ZfA entschieden hatte. In diesem Winter nehmen 32 Absolventinnen am Concours der Kabuler Uni teil. Gabi Sedeqi wird die Schülerinnen zur ersten Zertifikatsprüfung Deutsch im kommenden Jahr vorbereiten. Mit ihrem großen pädagogischen Geschick und ihrer Begeisterung wird sie nicht nur der Deutschabteilung, sondern die ganzen Schule mitreissen. Die Direktorin, die Vizedirektorin, viele engagierte Lehrerinnen werden dieses Gymnasium weiter fördern und somit die Entscheidung rechtfertigen, die ich auf der Deutschen Botschaft vor wenigen Tagen mit auf den Weg bekommen hatte: „Deutschland wird drei Gymnasien in Kabul gleichwertig fördern, die Amani-Oberrealschule, das Gymnasium Aysha-e Durani und das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat.“
Schlusslichter
In Istanbul landet ARIANA auf dem internationalen Atatürk-Flughafen. Nach einstündigen Kontrollen fährt der Havas-Bus mich der Dämmerung entgegen. In neun Stunden soll es mit dem Billig-Flieger Easy Jet vom Flughafen Sabiha Gökcen auf der asiatischen Seite nach Basel-Mulhouse weiter gehen. - Bin ich in einer orientalischen Großstadt? Über eine halbe Stunde begleitet ein breites buntes Tulpenband mit Stiefmütterchen oder Primeln darunter, gesäumt von sattem Grün die Schnellstraße am Bosporus. Eine solche Frühlingspracht habe ich noch nie erlebt. Die Blumeninsel Main ist dagegen ein armseliges Tröpfchen. Istanbul feiert das Tulpenfest! - Ein unvergesslicher Farbenzauber!
Wie wird es weiter gehen? Alle drei Schulen werden nun von Deutschland gleichwertig gefördert. Da es an den beiden anderen Schulen kein Bussystem, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung im Ausmaße wie bei uns gibt, ist zu fürchten, dass Deutschland, entgegen der bereitwilligen Förderung des Botschafters Dr. Seidt dieses „Dreisäulenprojekt“ trotz ermutigender Zusage im vergangenen November in Berlin nicht unterstützen wird. Seit Schulbeginn Mitte März trägt unser FAOK alle Ausgaben allein.
Wie wird es weiter gehen??? Durch die große Teuerung der Lebensmittel auf dem Weltmarkt schmelzen unsere Geldvorräte schneller als gedacht. Professor Omary forderte für das Dreisäulenprojekt „Sustainibility“. Noch ist es dafür zu früh. Die vielfach schmächtigen manchmal fast unterernährten Mädchen stehen geduldig wartend in einer langen Dreierreihe vor dem Eingang zum Essraum. Gerade die armen Familien werden von der anhaltenden Teuerung hart betroffen. Der Teller Reis mit Bohnen ist für die Schülerinnen kein Almosen. Zwei Schulstunden sitzen sie dann noch, machen Hausaufgaben lernen für eine bessere Zukunft. Sie werden sicher nicht Mütter von 7-10 Kindern werden.
Es ist mir arg, aber ich möchte Euch, Sie alle bitten, die Unterstützung nicht zu stoppen, sondern weiter zu helfen. Jetzt wo es mit der Schule aufwärts geht, die Leistungen sich bessern, darf man die Schülerinnen des Wirtschaftsgymnasiums Jamhuriat in Kabul nicht im Stich zu lassen.
Mit herzlichen Grüßen
Ruthild Meyer-Oehme
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