Ruthild Meyer-Oehme
Kabul 2. Sept. 2007
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Jahresbilanz 2007 (17.12.2007)
Liebe Mitglieder, Spender und Freunde des FAOK, liebe Verwandte,
schon wieder neigt sich ein Jahr seinem Ende entgegen, ein Jahr, in dem viele von Euch in großer Treue unserem Förderverein immer wieder ihre Spende überwiesen haben und so zum Wachstum, zur Entwicklung der drei Kabul Gymnasien weiter beigetragen haben. Ohne Eure materielle und besonders auch ideelle Unterstützung wäre unsere Arbeit in Afghanistan nicht möglich gewesen. Eine Arbeit, die all die Jahre zuvor nicht so fruchtbar und erfolgreich gewesen ist wie 2007. Für diese Unterstützung danken wir allen Getreuen sehr, wird doch das Helfen für Afghanistan zunehmend schwieriger und von wachsenden Zweifeln begleitet.
1. Allen Schwierigkeiten zum Trotz!
Heute zitiert „Die Welt“ den Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning: gegen Bundeswehreinrichtungen in Afghanistan gebe es pro Monat zwei bis vier Attentate. Wir seien dort mit im Zielspektrum. - Am 3.12. geisselt die FAZ die grenzenlose Korruption. Sie zerfresse das Vertrauen der Afghanen. - Die ISAF mahnt: „Wir brauchen mehr Sicherheitskräfte!“ - Der Afghanistan-Berichterstatter des Europäischen Parlaments kritisiert den schleppenden Wiederaufbau von Polizei und Armee.
Gib es nichts Positives aus Afghanistan zu berichten?
Die zierliche Deutschlehrerin legt die Geburt ihres 4. Kindes an den Anfang der letzten Winterferien. Am 1. Schultag im März ist sie wieder da als hätte sich nichts ereignet. Sie liefert ihr Bündel samt dem älteren Geschwisterchen im Kindergarten ab, die anderen Beiden sind in ihren Klassen Klassenbeste. Gestillt wird in der Großen Pause und gleich nach dem Unterricht .Zum Tratschen hat Diana-jon keine Zeit. Jede freie Minute nutzt sie zur Vorbereitung (eine Ausnahme in afghanischen Lehrerkreisen). Fortbildungskurse kann sie nicht besuchen. Im Winter lernt sie zu Hause. Sie ist eine der wichtigen Stützen bei der Hausaufgabenbetreuung. Wer verleiht ihr die Kraft?
Von Schmerzen gezeichnet, streckt mir Maruch-jon ihre Kreidestaub-bepuderte Hand entgegen. Nach einer Operation gönnt sie sich keine Rekonvaleszenzzeit. Der Mathematikunterricht darf nicht ausfallen. Mit fiebrigen Augen ist Sie immer auf der Suche nach Freistunden ihrer Klassen, um voraus zu unterrichten, denn sie weiss, dass sie noch mal unters Messer muss. Die Schülerinnen sollen nicht darunter leiden.
Der Mann unserer Oberlehrerin ist im Frühjahr an Herzinfarkt gestorben. Nun muss sie für ihre 8 Kinder allein sorgen. Keines ist verheiratet. Das Jüngste geht noch nicht einmal zu Schule. Verantwortungsbewusst, immer hilfsbereit, voll Freude an ihrer Arbeit hat Farida-jon keine Zeit zum Trauern und Grübeln.
Die Tagesschule prägt alle. Die Lehrerinnen mühen sich um bessere Stunden. Kritische Überlegungen zum eigenen Unterricht wann hat es das je gegeben?
Unter den Schülerinnen entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl über die Familien- und Stammesgrenzen hinweg. Gemeinsam im Bus, gemeinsam am Mittagstisch oft wird er durch etwas Salat bereichert, den man zusammen zubereitet.
Die meisten Schülerinnen wollen lernen. Viele opfern ihre Freizeit und besuchen noch Deutschkurse im Goethe-Institut. Den Ärmsten hilft der FAOK. - Die Winterpraktika - gleich zu Beginn der Ferien - gehen dieser Tage zu Ende. Für 50 Schülerinnen der 11. und 12. Klassen mussten in Firmen und Ministerien wieder Plätze gesucht werden. - Schon im Sommer bestürmen mich die Schülerinnen der Mittel- und Oberstufe und fragten nach Winterkursen. Im vergangenen Jahr hatte die GTZ sie finanziert. In diesem Jahr sponsert der FAOK mit „Eurem“ Spendengeld.
Es heisst, das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat sei die beste Schule Kabuls geworden.
Das alles gelänge nicht ohne die neue Schulleitung.
Morgens pünktlich viertel vor acht Antreten der Schülerinnen im Hof. Alle sind da. Ordnung, Disziplin, Pünktlichkeit sind die Prinzipien der neuen hervorragenden Direktorin Nasrin-jon Tochi. Lehrerinnen und Schülerinnen, das ganze Personal mussten sich an ihr strenges, unerbittliches Regiment gewöhnen. Da gibt es keine Klassen mehr ohne Lehrerin. Da wird nicht mehr im Schulgebäude herumgetobt. Es herrscht Ruhe. Es wird gearbeitet. Das Schulhaus ist sauber. Diese Direktorin bettelt nicht hinter meinem Rücken um Reis, Fett, Tee und Zucker in der Küche. Der Koch und sein Personal fürchten ihre überraschenden Kontrollbesuche.
An Nasrin-jons Seite arbeitet die nicht minder hervorragende Vizedirektorin Nafissa-jon Mahbub. Sie spricht fließend Deutsch, war früher die beste Deutschlehrerin an der Amani-Oberrealschule. Fortbildungsaufenthalte in Deutschland ließen sie geradezu „preußisch“ werden. Sie ist sehr ideenreich, arbeitsbesessen und konsequent wie ihre Vorgesetzte.
Im Triumvirat ist es für mich eine Freude eine noch bessere Schule zu planen.
Der Präsident für Berufsschulen, Professor Dr. Omary, Auslandsafghane aus Kanada, rechte Hand des Erziehungsministers hat die neuen Kapitäninnen für das „Schiff“ Jamhuriat eingesetzt. Der offizielle Arbeitstag des „Doktars“ beginnt um 7 Uhr morgens und endet um 11 Uhr nachts.
Er war es auch, der sich für seinen Minister an die Deutsche Botschaft mit der Bitte um Entsendung von deutschen Expertinnen mit Erfolg gewandt hatte.
Am 10. September wird Frau Rektorin Sedeqi aus Karlsruhe als neue Deutschlehrkraft am Lycée Jamhuriat eingeführt ein Meilenstein in der Entwicklung der Schule. Diese wird hinfort wie die beiden anderen Gymnasien Amani und Aysha-e Durani von Deutschland gefördert. Wie bei den dortigen entsandten Deutschkollegen/innen gibt es für sie keinen Dienst nach der Uhr. Die Jamhuriat- Fremdsprachenabteilung wächst zu einer großen Familie. Unterrichtsstunden werden geplant, kontrolliert und nachbesprochen. Die Winterkurse werden vorbereitet.
Freilich ist Gabriele Sedeqi an die Auflagen des Auswärtigen Amts gebunden. Auch ihr Domizil gleicht einer kleinen Festung. Ein Auto mit Fahrer ist das einzige erlaubte Transportmittel. Über Funktelefon ist sie ständig mit der Botschaft in Verbindung, wird unaufgefordert über alle bedrohlichen Ereignisse in der Stadt informiert. Der Stress, dem die Auslandslehrkräfte ausgesetzt sind, ist beträchtlich. Nach 2 3 Monaten immer wieder raus aus dieser Gefängnissituation ist unabdingbar. Es müssen starke Menschen sein, opferbereite, engagierte, die etwas bewegen wollen. Dazu gehört auch der neue Koordinator Herr Dr. Thieme. (Allerdings gibt es auch solche, die das große Geld lockt, die „Zitterprämie“).
Die Meyer-Oehmes wollen nun wieder nach Deutschland zurückkehren? Fast acht Monate haben sie wie die benachbarten Afghanen gelebt und ihre Altenzeit den drei Schulen, besonders dem Jamhuriat-Gymnasium geopfert. Ihr einziger Schutz war Kim.
2. Nur 8252 Kilometer!
1 ½ Monate dauern die Vorbereitungen für unsere Heimreise. Sie müssen heimlich geschehen. Unsere Freunde und Kollegen bleiben im Ungewissen über den Aufbruchstermin. Vor der Abreise drohen mir manchmal die Kräfte zu versagen, besonders, als unser Hussein 10 Tage zuvor plötzlich wegbleibt. Wegen eigenem Verschulden musste er das Auge des Gesetzes fürchten und in den Untergrund abtauchen. Sortieren, Aufteilen, Packen. Jedes Fleckchen im Auto muss genutzt werden.
In Pule Khumri, auf der Nordseite des Hindukusch, überfällt uns die Dunkelheit. Wir konnten am 30. September erst mit 4-stündiger Verspätung in Kabul aufbrechen. Unser Toyota-Kleinbus war bei den verschiedenen Straßenkontrollen in der Koh-Daman-Ebene und im Hindukusch nicht aufgefallen. Nach afghanischer Weisung hätten wir Ausländer gar nicht ohne Begleitauto oder bewaffneten Schutz fahren dürfen.
Bei Nacht wollen wir nun nicht mehr weiter, noch dazu auf der etwas berüchtigten Strecke in Richtung Mazar-e Sharif. Unser afghanischer Freund und Begleiter, Abdul Ghiaz, schlingt am Ende des Fastentags zwei Boulani (pfannenkuchenähnliche mit Kartoffeln und Lauch gefüllte Fladen) herunter, erkundigt sich bei einem Polizisten und meint: „Alles sicher!“ Der Truck-Verkehr ist mörderisch, schlimmer als auf einer deutschen Bundesstraße. Die Dunkelheit verhüllt unser ohnehin unauffälliges Auto. Wo bleiben wir über Nacht? Abdul Ghiaz drängt weiter. Jetzt erkennt uns niemand. Wir lassen die Enge von Taschkurgan hinter uns. Immer noch der gleiche brummende, stinkende Lorry-Gegenverkehr. Vor Mazar-e Sharif biegen wir nach Norden ab zum Grenzort Hairatan am Amu Darja. Die Straße ist einsam und verlassen. Mit Kim tappe ich über die vom leuchtenden Halbmond in kaltes Licht getauchte Steppe. Keine Minen!? Ich kann es kaum fassen. Wanderdünen engen die Fahrspur ein. Kontrollposten. Als nach Deutschland Reisende dürfen wir passieren.
Lange vor Morgengrauen kehrt unser treuer Freund nach Kabul zurück. - Zum letzten Mal beobachten wir morgens (aus unserem Auto am Straßenrand) afghanische Schülerinnen in ihrer schwarzen Schulkleidung, den Kopf mit weißem Chador verhüllt. Die afghanische Grenzstation! Ein Gärtner wässert mit gelber Lehmbrühe des großen Stromes die verblühten Rabatten. Das Tor zur Freiheit! Beinahe hätte es sich nicht geöffnet. Denn es fehlt ein Stempel des afghanischen Aussenminsteriums in Kabul, Garantie, dass wir mit dem Auto auch wieder zurückkehren werden. Schließlich ist der Polizeibeamte mit einer Kopie des vorjährigen, gestempelten Dokuments einverstanden.
Die Friedensbrücke über den Amu Darja! Im Sommer 2002 hatten wir sie nach tagelangen Schwierigkeiten von Termez aus befahren dürfen. Seit ca. 10 Tagen ist sie jetzt für „normale“ Reisende aus und nach Afghanistan geöffnet. Wahrscheinlich sind wir die ersten Nicht-Afghanen. Wir sollten es büßen müssen.
Freiheit! Sicherheit! Wir sind glücklich. Wie freundlich wir von den ersten usbekischen Grenzbeamten empfangen werden! Oben am Hochgestade warten in den großen Hallen hinter dem Zaun noch die Zöllner mit ihrem nach Drogen schnüffelnden Hund. Er wird bei uns nichts finden. Doch dann erleben wir die schlimmste Zollkontrolle unseres Lebens. Zwei, drei Beamte reissen alles auf, durchwühlen die Koffer, machen sie kaputt und werfen den Inhalt wirr auf den öligen Zementboden. Schubladen, Sitzbank, Hängeschrank werden durcheinander gewühlt. Sie stechen in Kopfkissen, den Sack mit Hundefutter. Sehen wir alten Leute wie Drogenschmuggler aus? Nach zwei Stunden meint der uniformierte Boss ob ich jetzt zufrieden sei und lässt uns hämisch grinsend mit dem Towahobohu fahren. - 3 ½ Stunden schaffe ich im verzweifelten Wettlauf mit der Sonne in einer Tamariskensenke in der Sandwüste östlich von Termez wieder Ordnung - ehe der rote Ball die Landschaft golden verzaubert.
Impressionen aus Usbekistan: Gelbbraune Gebirgswüsten, Schaf- und Ziegenherden an den Hängen. Wo bleibt der brausende Verkehr Afghanistans? Die Asphaltstraßen sind kaum befahren. In den bewässerten Gebieten nördlich des Amu Darjas, weiß gekalkte Walmdachkaten inmitten von Maulbeerplantagen und Aprikosenhainen, eingezäunt riesige Berge von Baumwolle. Frauen in langen dunklen rosengeschmückten Gewändern auf dem Weg zum kümmerlichen Markt: Zwiebeln, Tomaten, ein paar Melonen. Mittagsrast in heisser, blühender Dornstrauch-Wüstensteppe. Wir nähern uns dem Industriegebiet von Qarshi. Hier ist der Lebensstandard höher. Prächtige Schul- und Universitätsgebäude aus „alter“ Zeit, Läden voller Zivilisationsramsch. In der Ferne die brennenden Fackeln eines Erdgasgebiets. Wir überqueren die Bahnlinie nach Taschkent. Das Tanken bereitet Probleme. Wir haben zu wenig Sum. Der Dollar ist hier nicht erwünscht. Die Großstadt Buchara mit ihren modernen Wohnvierteln am Stadtrand umfahren wir in weitem Bogen (die malerische Altstadt war 1997 unser Ziel gewesen.). Es wird dämmrig. Fröstelnde Frauen bieten am Straßenrand die letzten Trauben zum Verkauf.
Entgegen der Auskunft des usbekischen Diplomaten in Kabul ist die usbekisch-turkmenische Grenze „natürlich“ nachts geschlossen. Am kommenden Morgen bläst ein eisiger Wind aus Norden er muss direkt aus Sibirien kommen -über die in Tücher gehüllten bibbernden grauen Gestalten und den schilfgesäumten Kanal hinweg. Wir warten inmitten der riesigen türkischen Trucks, der leeren Autotransporter aus Kasachstan. Natürlich ist es immer der „Pass“ von Kim, der besonders wichtig genommen wird.
Auf turkmenischer Seite zahlen wir 2$ in Voraus für das Telefongespräch nach Ashgabat wegen der in der Hauptstadt zu erteilenden Einreiseerlaubnis für unseren Hund. Wie all die früheren Jahre zocken uns die Turkmenen gewaltig ab. Nach 4 ½ Stunden haben wir die ganze Prozedur endlich geschafft. In fast allen Orten ist der vergoldete Turkmenbashi von seinem Podest gestürzt. Meist bleibt es leer. Der Nachfolger des „Großen Führers“, der sich und seinen Clan maßlos bereichert hat und das Land in den Ruin trieb, gibt sich zurückhaltend und vorsichtig. Die Bevölkerung ist in den wenigen Monaten nach dem Regierungswechsel aufmüpfiger geworden. Mehrmals erklären sich Männer nur gegen kräftige Bezahlung bereit, uns den Weg zu weisen. Wir finden die Pontonbrücke über den Amu Darja schließlich auch ohne sie.
Wie vor 5 Jahren mache ich einen Mords-Krach, weil man uns für die Brückenbenutzung wieder 60$ abverlangen will. Ein Aushang zeigt, dass unser mini Minibus seit Jahren als großer Reisebus für 30-50 Personen eingestuft wird, auch an den turkmenischen Grenzübergängen. - Der braune Fremdlingsfluss führt wenig Wasser. Die Herbstregen haben am Oberlauf noch nicht eingesetzt. Wieder Straßensuche. In Usbekistan sahen wir einmal ein Schild Ashgabat. Hier suchen wir einen Hinweis zur eigenen Hauptstadt vergebens.
Der große Markt von Chardzhev hat ausser Tomaten, Sonnenblumenöl, trockenen Keksen, billigem Waschpulver, Seife und Alkoholika kaum etwas zu bieten.
In der Karakum Wüste ereignet sich beinahe ein furchtbarer Verkehrsunfall, als Kim während einer Fotopause aus dem Auto witscht und Kamelen hinterher jagt.
Die Wüste scheint dem eisigen Nordwind Einhalt geboten zu haben. Jedenfalls können wir die fetten turkmenischen Speisen 230 km südlich am Abend im Straßenrestaurant unter freiem Himmel genießen. In der Nacht dröhnen ständig schwere LKWs nach Norden.
Im letzten halben Jahr hat der Autoverkehr erstaunlich zugenommen. Die eintönig-grauen Blechkisten russischer Bauart weichen secondhand Wagen aus Japan. An den Verwaltungsgrenzen werden wir kaum noch kontrolliert. Die Armut der Landbevölkerung schreit weiter zum Himmel. Früh gealterte Frauen mit ledrig-braunen aber lachenden Gesichtern reissen die letzten vergessenen Baumwollkapseln von den Stauden oder bieten getrocknete Melonenbündel an. Turkmenistan ist hinter seinen nördlichen Nachbarn in der Entwicklung noch meilenweit zurück
Die Straße zur Hauptstadt ist schlechter geworden. In dem an Erdöl so reichen Land sind die spärlichen Tankstellen teilweise ohne Diesel und bringen uns in arge Bedrängnis. -Kein Hinweis zum nahen Grenzübergang in den Iran. Ich treibe zur Eile. Weshalb? Es ist noch nicht einmal drei Uhr nachmittags. Aber unser turkmenisches Visum läuft ab. Die Hallen der Grenzstation sind verlassen. Ein Offizier schließt gerade seinen Schreibtisch ab. Dann aber wird gerannt und gehastet. Dieser Stempel wird hervorgekramt, jene Unterschrift eingeholt. Die Erlaubnis der Ausreise von Kim wird telefonisch nachträglich eingeholt. Die ganze Grenzbelegschaft winkt uns ab. „Bei den Iranern kommt Ihr nicht mehr rein“, hören wir kaum. Gerade noch geschafft!.
In der iranischen Grenzstation Lotfabad warten hunderte von Container-Trucks auf die Weiterfahrt, an den Abfertigungsschaltern herrscht gähnende Leere. Noch nie hatten wir im Iran eine so freundliche Grenzkontrolle erlebt. Bakschisch wird strikt abgelehnt, ein Geschenk nur sehr zögernd genommen. Jeder bemüht sich, uns in letzter Minute doch noch die Weiterfahrt möglich zu machen. Schließlich: Der Veterinär ist schon nach Hause in die nahe Stadt gefahren. Wir werden auf den kommenden Morgen vertröstet. Aber am heiligen Freitag wird niemand abgefertigt. Bis zum Mittagsgebet schaffen wir es dann doch.
Der Iran ist ein Eldorado für Autofahrer. Die Straßen - meist vierspurig, Gegenfahrbahnen häufig weit voneinander getrennt sind ausgezeichnet. Die grünen Orts- und anderen Schilder weithin sichtbar auf Persisch und Englisch, die Verkehrsschilder gut sichtbar platziert. Viele neue Tankstellen sind im Entstehen. Wie früher bieten sie uns den Standplatz für die Nacht und sind immer mustergültig sauber. Die Freundlichkeit der Iraner durften wir auf all unseren Fahrten durch dieses Riesenland erleben. Vier Tage brauchten wir bis zur Grenzstation Bazargan in die Türkei.
Den Marathon haben wir hinter uns und alle Grenzen vor Visaablauf überquert.
Nun sind wir ausgelaugt und müde, ich ein halbes Nervenbündel. Wo sollen wir uns regenerieren?
Die Erholung beginnt gleich nahe dem Ararat mit der Besichtigung des malerischen Ishak Pasa Seray . Lavaströme auf grünen Wiesen an der iranischen Grenze auf dem Weg zum Van-See, die beruhigende Landschaft am Nordufer, die frühchristliche Kirche (10.Jahrh.)auf der Akdamar-Insel sind die ersten unvergesslichen Eindrücke. Engtäler, Schluchten und vulkangeprägte Hochflächen mit großen Herden, reiche Ackerbaulandschaften, Stauseen, alte Städte wie Hasankeyf und Diyarbakir am Tigris, der Gottkönigthron Nemrut Dagi Wir sind wie ein trockener Schwamm nach dem langen Aufenthalt hinter Kabuler Mauern.
Manche Nächte bleiben unvergessen: stundenlanges Hundegebell, von Mücken zerstochen, mal schweissgebadet, mal hinter Eisblumen am Fenster, draussen alles weiß. Die Landschaft um Göreme mit den beeindruckenden Höhlenkirchen begeistert uns 5 Tage. Der einmalig gelegene Campingplatz ist ein Treffpunkt für „Globe“fahrer aus aller Welt: Wladiwostok, Hongkong, Birma, England, die Niederlande, das Ruhrgebiet. Man lauscht ergriffen.
Dann beginnt die Heimfahrt durch den hoch entwickelten, industrialisierten Nordwesten der Türkei über die Dardanellen nach Europa. Einmal nicht über Griechenland und Italien!
An der türkisch-bulgarischen Grenze schieben die EU-Bulgaren entrüstet ihr Schalterfenster zu. Solche Autopapiere waren ihnen noch nie begegnet. Mit der seltsamen Nummer werden wir auch weiterhin wie halbe Verbrecher behandelt. Die Straßengebühren sind horrend, die Länder an Donau und Drau liegen in ihrer Entwicklung meilenweit hinter dem Iran oder gar der Türkei zurück. Dieser Teil des Balkans sieht uns nicht noch einmal.
Am 30. Oktober kommen wird gesund und ohne Panne in Auggen an. „God bless you“, hatte uns der afghanische Präsident für Berufsschulen vor unserer Abreise in Kabul gewünscht. Sein Gebet ging in Erfüllung. Wir danken Gott.
3. Die Hoffnung bleibt
Nach unserer Rückkehr aus Afghanistan habe ich am 22. November ein äusserst konstruktives Gespräch im Auswärtigen Amt, Berlin. Endlich soll auch eine Fachkraft für Wirtschaft und Computer an das Jamhuriat-Gymnasium geschickt werden. Dem Drei-Säulen-Projekt: der Tagesschule (Busse, Mittagessen, Hauaufgabenbetreuung) steht man sehr positiv gegenüber.
Allerdings wird auch klar, dass für den laufenden Unterhalt der drei Vorzeigegymnasien kein Geld zur Verfügung steht. „Dafür müssen die Afghanen selber aufkommen.“ Wie das geschieht verdeutlichen Amani-und Aysha-e Duranischule. Sie sind lange nicht mehr so sauber und gepflegt wie früher. Es bleibt dem Förderverein überlassen, die Infrastruktur der drei Schulen zu stärken. Bitte unterstützt uns weiter. Das Erziehungsministerium finanziert keinen Hausmeister. Was wäre das Lycée Jamhuriat ohne den vom Computer bis zum verstopften Schülerklo reparierenden Scher? Die Männer an den anderen beiden Schulen mussten aus finanziellen Gründen entlassen werden. Nur mit Eurer Hilfe können die drei Gymnasien Spitzenschulen des Landes sein. Die Lehrer warten weiterhin auf Euer Geschenk zum Lehrertag. Wer unterstützt sie bei schwerer Krankheit, bei Operation, bei einem plötzlichen Todesfall in der Familie?
Im März 2008 will ich wieder nach Kabul zurückkehren wenn die immer schlechter werdende Sicherheitslage es zulässt. Ich möchte die lernwilligen afghanischen Jungen und Mädchen nicht allein lassen und ihren Eltern zeigen, das Deutsche ausdauernd helfen. Bitte unterstützt mich in diesem Dienst.
Es wünschen Euch allen ein frohes, friedvolles Weihnachtsfest in Sicherheit, Wärme, bei Licht und Geborgenheit!
Es wünschen Euch allen ein gesegnetes Neues Jahr
Ruthild und Detlef Meyer-Oehme
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