Förderverein Amani-Oberrealschule / Kabul (FAOK) e.V.
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17.September 2009, 5.45 Uhr

Welcome to Kabul International Airport!

Liebe Mitglieder, liebe Spender und Freunde des FAOK

Die Maschine war nur zu 3/4 besetzt, ich nicht die einzige „Nichtafghanin“. Bereits in Frankfurt wurde ich vom Mitarbeiter des German Diagnostik Center, Kabul auf Afghanistan eingestimmt. Als ich ihm berichtete wie oft und in welcher Weise man dort bereits - besonders bei Fehldiagnosen - geholfen hätte, meinte er, erst kürzlich hätten Sie einen besonders eklatanten Fall gehabt und zitierte. „Sie mögen Vieles haben. Was auf diesem Arztbericht steht, stimmt jedenfalls nicht, verehrte Dame: Prostatakrebs“, unterzeichnet von Universitätsprofessor soundso.

Mit Safi-Aiways dauerte der Direktflug Fraport – Kabul nur 6 ½ Stunden. Die Empfangsabfertigung im neuen von Japan geschenkten Flughafengebäude läuft recht zügig, obwohl sich der Polizeibeamte noch mit der Passkopiermaschine vertraut machen muss. Die kleinen Frage-Zettelchen gehören jedenfalls der Vergangenheit an. Am Band warten „die Deutsch-Afghanen“ dann geduldig eine ¾ Stunde auf ihre mitteleuropäischen Koffer. Daneben wuchten in Flatterkleider gehüllte, weisse Käppi tragende, heftig gestikulierende Afghanen gewaltige Ballen vom Transportband. Die Maschine aus Dubai war doch eigentlich erst beträchtliche Zeit nach uns gelandet!

„Vorne, bei dem Kreisel bitte gleich rechts! Bloß nicht geradeaus! Da gibt es immer wieder Selbstmordattentate!“ – Der Taxi-Fahrer biegt willig ab. 3 Stunden später hört man eine Detonation: Auf der Flughafenstraße 6 Italiener, 10 Afghanen tot, 52 afghanische Verletzte: Welcome to Kabul!

Ich öffne die Tür zu meiner Bude. Im kleinen Flur , eine große Lache, Wasser strömt von der Decke. Ich öffne die Tür zu einem Nebenraum: Auf dem Boden ein nasser Lehmberg, Die Decke war herunter gebrochen. Ach so, Satar hatte gedankenlos den geplatzten Wassertank bis zum Rand gefüllt. Der war natürlich während meiner Abwesenheit nicht repariert worden. Mein Zimmerchen ist noch trocken.

Endlich mein eigenes Klo! Ich drücke auf den Hebel. Das Wasser schießt hinter der Schüssel auf den Boden. Ach so, ich hatte vergessen, dass ich ja immer mit dem Eimer spüle.

Am Abend möchte ich mir einen Tee kochen. Der Gasbehälter ist leer. Ob Scher ihn am Ende des Fastentages noch auffüllen lassen kann? Er kommt und wuchtet bald darauf eine neu gefüllte Flasche unter das Tischchen. Jetzt könne ich Tee kochen. Verdammt, das Streichholz tut natürlich mal wieder nicht!. Gleichzeitig ein furchtbarer Knall. Mit einer Hand dreht Scher den Gashahn zu, mit der anderen greift er ans Auge. Es ist stark gerötet. Das Ventil ist kaputt, der Schlauch vom Gasdruck 10 cm aufgeplatzt. Das pakistanische Streichholz hat uns das Leben gerettet: Welcome to Kabul!

Der erste Anruf an diesem frühen Donnerstagmorgen nach der Ankunft gilt der Direktorin Nasrin-jon Tokhi. In geradezu preußischer Kürze: „Ba Kabul chusch omaded!“ „Herzlich willkommen in Kabul. Wenn Sie in die Schule kommen wollen, dann gleich. Ein Todesfall im Kollegium. Ich muss vor neun zur Fatiah (Trauerzeremonie).“

Im Taxi und dann zu Fuß denke ich, welche Kollegin gestorben sein mag. Das Lycée Jamhuriat gleicht einem Taubenschlag. Die Schülerinnen treiben sich im Hof und auf den Gängen herum. Kein Deutschunterricht, denn die deutschen Lehrerinnen weilen aus Sicherheitsgründen in der Heimat. Die afghanischen Lehrerinnen schnattern und lachen im Lehrerzimmer. Bald feiert man Id-e Ramazan. Es ist wie vor Weihnachten. Ach ja - der Tote ist der Onkel einer Lehrerin. Unterricht hin, Unterricht her. Gleich fährt man mit dem Bus zum Trauerhaus.

So oft hatte ich mich schriftlich und mündlich an verschiedene Vorgesetzte im Ministerium gewandt, wegen Fatiah dürfe kein Unterricht ausfallen! Afghanische Kultur! – Wie viele Tanten und Onkels, abgesehen von näheren Verwandten, gibt es im Lehrerinnenkollegium? Die afghanische Wirklichkeit hat mich eingeholt.

Am Samstag, dem 19. September soll Id sein. Jeder Taxi-Fahrer weiss das genau. Dieses größte islamische Fest wird am Samstag auch in “Arabistan“ begangen. Aber über Afghanistan leuchtet der Mond anders. Arbeitstag! - Anruf der Direktorin: Ich solle nicht in die Schule kommen. Es seien nur ganz wenig Schülerinnen und Lehrerinnen da. Sie gehe jetzt nach Hause. Alles Gute für die Feiertage!

Mein Handy läuft heiss, das Telefonkreditkonto leert sich, der Terminkalender für die Tage vor und nach dem Id füllt sich: Botschaft, Erziehungsministerium, GTZ, DED, EC, Berater, Schuldirektorinnen.

Noch am selben Vormittag beginnt mein Besuchsmarathon – mit dem Taxi zum Präsidenten für Berufsschulen und später zum Berater des Erziehungsministers. Die Themen werden überall dieselben sein. Leistungssteigerung in der Schule, weniger Ferien, weniger Prüfungen, keine Fatiah! Bessere Lehrerinnen besonders für die Wirtschaftsfächer, Raummangel im WG Jamhuriat (9 Klassenräume fehlen). Wann wird endlich ein Gebäude für die Mädchenmadrasa gefunden? Wie kann man dem Problem der schlechten Stromversorgung begegnen?

In meinem Tagebuch notiere ich: „Kabul ist schrecklich, fürchterlicher Verkehr, Abgase ohne Ende. Der Salang Wat vor der Schule total aufgerissen Die Gehwege sind noch holpriger. Die Bevölkerung ist unausgeglichen und gereizt: Ramazan und schlechte politische Situation, der große Wahlbetrug.“

Während der Feiertage hocke ich in meinem Zimmerchen über den Abrechnungen des ersten Halbjahrs. Direktorin und Vizedirektorin haben sich in den vergangenen sechs Monaten alle Mühe gegeben. Und doch bleibt so Vieles, dem man nachspüren, das man mit Lupe entziffern muss.

Drei Tage Id! Also geht die Schule am Mittwoch, dem 23.9. wieder los! Die Nachbarjungen lassen auf unserem Flachdach ihre Drachen steigen. Sie wissen es besser. „Nein! Mittwoch, Donnerstag machen wir auch noch frei. - In Afghanistan scheinen die Schüler zu bestimmen, wann Unterricht ist.

Tatsächlich! Erst am Samstag ist der Schulbus aus meinem Stadtteil gerammelt voll. Das Mittagessen reicht nicht. Es muss noch Fladenbrot nachgekauft werden. Am Nachmittag, Hausaufgabenbetreuung mit „Volldampf“.

Die Putzfrauen wirbeln Staub auf. Am Montag, dem 28.9. wird der Vizeminister das WG J besuchen. Dann wird er auch die weißen Eisengestänge und die langen Doppel-T-Träger im Hof sehen, die auf ihren Einbau für das Basisgerüst der Solar-Kochanlage warten.

Am Sonntagabend husche ich durch die dämmrige Gasse. Man trifft sich bei „den Brüdern“ zum vierzehntägigen Gottesdienst. Ob überhaupt jemand kommt? Für die Angehörigen aller Hilfsorganisationen war Kabul an diesem Sonntag - ohne dass ich es wusste - wieder einmal zur „White City“ erklärt worden, d.h. niemand durfte sein Haus verlassen. Wir warten lange. Es gibt Mutige, die die Fahrt von den westlichen Kabuler Vororten dennoch wagen. Der Abend wird immer wieder unterbrochen durch Polizeisirenengeheul, eine ferne Detonation, Telefonanrufe mit Schreckensnachrichten. Die Ausgangssperre werde auch für den kommenden Tag gelten. Die Lage sei zu unsicher. Geplante Gesprächstermine muss ich erneut absagen. Die Gesprächspartner sind in ihren Büros nicht anzutreffen. Dies sollte sich auch noch an zwei späteren Tagen ereignen.

Besuche:

1. Amani-Oberrealschule: Der Hof ist sauber, gepflegt, Blumenrabatten grüßen. Für die Afghanen existiert keine „White City“. Von der Direktorin Hajara-jon werde ich aufs freundlichste begrüßt. Die beiden deutschen Lehrkräfte und der Koordinator weilen schon seit vielen Wochen ausser Landes. Also kann mich dessen Übersetzer auf Schritt und Tritt begleiten.

„Hello, how are you?“ wird mir von großen Burschen auf dem Schulhof zugerufen. - Bin ich nicht in der deutschsprachigen Amani-Schule? Sie sind etwas verlegen. „Sie haben wohl jetzt keinen Unterricht?“ – „ Was hätten Sie denn?“ - „Biologie?“ - „Bei wem?“ – „Abdul Hai? Aber der ist doch schon seit vielen Monaten weg, weil er woanders mehr verdient!“ Antwort: „ Wir haben ja auch schon seit vielen Monaten keinen Biologie-Unterricht mehr! Wie das werden soll wenn wir den Concours an der Uni machen sollen?“ Natürlich herrscht in der Bio-Etage gähnende Leere, in der Physik-Etage ebenfalls, denn der in Deutschland immer wieder fortgebildete Fachleiter arbeitet schon lange bei GTZ und verdient dort das Vielfache eines Lehrergehalts. Nur der sehr qualifizierte, bescheidene Chemie-Fachleiter Nejat führt in einer 12. Klasse wie eh und je Versuche vor. Ein Mathematiker zaubert Strahlensatzfiguren an die Tafel. Die beiden Deutsch-Fachräume sind geschlossen. Die deutschen Lehrer sind ja nicht da. Vertretung gibt es nicht. In einer 10. Klasse langweilen sich Kerle bei einem afghanischen Kollegen mit einer Lektion aus dem „Deutschmobil“ über Zootiere „…der Elefant hat einen langen Rüssel und zwei große Ohren…“. Dieses Kapitel ist Im Aysha-e- Durani-Mädchen-Gymnasium Thema in Klasse 8. Im WG J soll es früher in Klasse 5 behandelt worden sein. (Inzwischen sind dort jugendgemäßere Bücher eingeführt.).

Man hört viel Bitteres über die AORS: Lehrer fehlen, Schüler fehlen, Schüler bestechen für gute Prüfungsergebnisse. Man hat nicht gern bei den Deutschen Unterricht, denn da gib es strenge Noten. Für Vandalismus müssen dieSchüler viel Zeit haben: Treppengeländer sind eingekerbt, Wände im Treppenhaus verschmiert, Türgriffe, sofern vorhanden, hängen schlapp herunter.

2. Aysha-e Durani-Mädchengymnasium

Kurz vor 12 Uhr:„Heute ist es schon zu spät. Die 3. Schicht, eine Grundschule aus der Altstadt beginnt gleich. Kommen Sie morgen ganz früh. Um Viertel vor 7 ist File (der Morgenappell) für die Oberstufe“ begrüßt mich die charmante Direktorin Shafiqa Wardak.


Der Morgendunst verschleiert das menschenleere Kabul am Fluss zu einer Vision aus alter Zeit. Das Schulgebäude könnte ein Stadtschloss sein.

Die File wird für mich zu einem großen Erlebnis. Eine Schülerin als Moderatorin leitet alles. Kein weisses Kopftuchmeer wie bei „uns“. ZuKlassen-blöcken geordnet die wenigen, gesitteten Mädchen. Die Kor’an-Sängerin bezaubert mich durch ihre kunstvolle Rezitation. In die Nationalhymne stimmen die Schülerinnen laut ein. Direktorin und Vizedirektorin sind nur Randfiguren. Eine Schülerin hält einen Packen Zettel in der Hand und stellt die darauf notierten Fragen: Wie heißt der sonnennächste Planet? – Welche Elemente sind bei der Reaktion x beteiligt? – Wie heisst die Hauptstadt von..? Wer hat das Gedicht … geschrieben? Erhobene Fingen aus den Blöcken. Die Wissenden erhalten zum Schluss als Geschenk: eine Baseball Cap und ein Schreibheft mit der Aufschrift UNICEF. Ein kleiner Junge in schnittiger blauer Schuluniform salutiert vor der afghanischen Fahne.

Deutschland hat in einem Nebentrakt wunderschöne Labors eingerichtet. Immer wieder zücke ich die Kamera: Der Physikraum ist verdunkelt. Die Schülerinnen verschieben brennende Kerzen und Linsen auf ihren Experimentiertischen. Die Biologiekollegin demonstriert Blutgruppenbestimmung bei einer Schülerin. In der Chemie wird eine Münze in einer Lösung erhitzt. Der Computerraum ist klein. Immer vier Schülerinnen scharen sich um einen alten Monitorschirm. Geographie steht gerade nicht auf dem Stundenplan einer Klasse. Die engagierte Geographiekollegin zeigt mir stolz, was sie alles zusammengetragen hat. Steine aus den verschiedenen Provinzen (ohne Bestimmung der Handstücke) aus Indien Filme und Tafeln, das Beethoven-Gymnasium / Bonn hatte vor Jahren Klimadiagramme geschickt. Es gibt ein paar kleine Wandkarten, Modell eines Vulkans. Sie beklagt sich bitter, dass ihr Fach von Deutschland nicht weiter gefördert werden würde. In der Schulküche war am Vortag Kochen für ein Fernsehteam demonstriert worden. Deutsches Schnitzel (aus Putenfleisch) steht in persischer Schrift an der Tafel. Das Fach Deutsch wird jetzt bis zum Ende der Mittelstufe unterrichtet. Diese Schülerinnen kommen erst zur zweiten Schicht. Die Englischlehrerin der 12. Klasse beeindruckt mich durch konsequentes Fremdsprachensprechen. Ihr Hilfsmittel ist allerdings ein mieses Büchlein, erst im vergangenen Jahr im afgh. Erziehungsministerium gedruckt.

Das Aysha-e Durani Mädchengymnasium ist wirklich eine eindrucksvolle Schule, die ihr Attribut: „Excellenzschule“ voll verdient.

3. Technisches Gymnasium

1937 wurde es von Deutschland als „Technikum“ gegründet. Zu Zeiten des deutschen Entwicklungshilfebooms unterrichteten hier in den 60er und 70er Jahren an die 20 Fachkräfte aus Deutschland. Von deutscher Seite zögerte man nach Abzug der Taliban lange, diese ehemals deutsche Domäne wieder aufzubauen, an der Deutsch Unterrichtssprache, b zw. Sprache der Handwerker und Ausbilder gewesen war war. 2003 bildete ich dort alte Afghanen in Deutsch fort, die der früheren Tradition treu bleiben wollten. Bis 2007 geschah nicht viel. Die Koreaner hatten für eine Zusammenarbeit Zusagen gemacht. Der Iran Maschinen geschickt. Doch dann erfuhr man es: Deutschland würde diese bedeutende Berufsschule mit Wohnheim für Externe wieder aufbauen. Bei meinem Besuch Ende September diese Jahres vermutete ich das „Technische Gymnasium“ längst fertig. Statt dessen eine Großbaustelle ohne Arbeiter, im renoviert gewesenen Unterrichtsgebäude bereits wieder Verfallserscheinungen. Zurzeit arbeiten dort drei Deutschafghanen, ein vierter wird erwartet. Wer geht unter den augenblicklich so unsicheren Bedingungen noch nach Afghanistan? Schleppender Wiederaufbau, Sachhilfe mit wertvollen Maschinen vergleichsweise geringe personelle Förderung bilden kein geeignetes Fundament für die gerade in Afghanistan so wichtige handwerkliche Förderung..

4. Blick über die Mauer, in das von Frankreich unterstützte Malalai-Mädchengymnasium. Wo sind die 2300 Schülerinnen? Sie werden in 2 Schichten unterrichtet. Die Schulgebäude, Sportplätze ein Park mit mächtigen alten Kiefern wirken menschenleer. (Wie eng geht es dagegen bei uns im angrenzenden WG Jamhuriat zu)

Vor vielen Jahren gab es einen regen Austausch zwischen den Kabuler französischen und deutschen Lehrkräften. Wo ist der Kontakt geblieben?

Blick über die Mauer: An den beiden mit Frankreich kooperierenden Gymnasien (Jungenschule Lycée Esteqlal und Mädchenschule Lycée Malai, ebenfalls afghanische Excellenzschulen) arbeiten sechs französische Pädagogen, vier für Französisch, einer für Mathematik und Physik, einer für Biologie und Französisch, zudem eine Bibliothekarin für die Schulbibliotheken. Diese Experten haben im Jahr 60 Tage frei, die sie während der afghanischen Ferien nehmen. Auch jetzt in der unsicheren Zeit vor und nach den Wahlen waren die Franzosen immer in Kabul präsent, allerdings nicht in der Schule, wenn kein Unterricht stattfand.

Der „Chef de projet adjoint“ notiert sich viel über das „Drei-Säulen-Projekt“ an der Jamhuriatschule, würde es am liebsten auch an der Malalaischule einführen.

5. Blick hinter unsere mit Stacheldrahtrollen versehene Mauern: Bibi Aysha-e Sediqa: Die mächtige Direktorin Rawzia-jon thront in der Ecke eines ehemaligen Klassenzimmers, an den Wänden sitzen, dicht gedrängt, die Vizedirektorin und Lehrerinnen, dazwischen der weiß gekleidete Mullah (der mich immer wieder zum Islam bekehren will). Sogar das Verwaltungspersonal und die Putzfrauen finden irgendwo noch Platz. Auf den Gängen reihen sich die Bänke für 4 Klassen. Draussen stehen 4 weiße UNICEF-Schulzelte - Raummangel im einzigen islamischen Mädchengymnasium, dem Gebäude auf unserem Schulgelände, das einstmals vom BMZ finanziert wurde! Auf dem engen Schulhof toben Buben in blauen Hemden und blauen Jeanshosen. Ihre Klassenkameradinnen gehen in grauer Kleidung im Gegensatz zu allen übrigen schwarz gewandeten afghanischen Schülerinnen. Rawzia-jon ist eine revolutionäre Direktorin die in ihrer Freizeit an einem unserer Computer saß, ehe sie einen eigenen Computerraum einrichtete. Nichts von islamischer Frömmelei. Wir beide sind Kampf- und Leidensgenossinnen. All die vergangenen Jahre haben wir uns gemeinsam um eine eigene Bleibe für ihre Schule bemüht, damit das WG J sein altes Gebäude wieder benutzen kann. Ich bekomme den letzten Brief des Ministers zu lesen, in dem er für das neue Schuljahr 2010 für die Moscheeschule ganz sicher ein eigens Gebäude verspricht. Wir sind beide müde geworden und lassen die Flügel hängen. Zu oft wurden wir betrogen.

Das Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat ist wirklich eine besondere Schule! Und dazu haben Sie, liebe Spender, zum großen Teil beigetragen. Es gibt keine andere Schule mit einem derartig weiten Einzugsgebiet, mit Mädchen, deren Eltern es wagen, ihre Töchter Tag für Tag auf einen oft sehr langen Schulweg zu schicken. Gerade die im Vergleich zu städtischen Verkehrsmitteln sicheren Schulbusse sind den Eltern wichtig.

Sie, verehrte Leser/innen hätten Mühe, sich in so ein urtümliches Vehikel hineinzuquetschen.

Am Schultor ist wieder Drängelei. Der Torhüter lässt Sie nur einzeln passieren. Gleich darauf müssen Sie Ihre Tasche öffnen. Die Lehrerin durchsucht nicht nur nach gefährlichen Gegenständen sondern auch nach Mode-Schnickschnack, Lippenstift und Fingernagellack. Gleich neben dem Schul-Eingang kann man solche Mitbringsel in einem Schaukasten bewundern. Zum Schluss geschieht durch eine andere Kollegin „Talaschi“ = Abtasten.

Morgenappell. Der Schulhof wird überragt von den beiden Fahnenmasten mit afghanischer und deutscher Flagge. Er ist voll von Schülerinnen. Kein Raum zwischen den einzelnen Klassenzügen. Die Klassenlehrerinnen notieren die Anwesenheit.

Wollen Sie die Direktorin sprechen, dann bitte nur kurz. Für lange Höflichkeitsbesuche nimmt sich Nasrin-jon Tokhi keine Zeit. Möchten Sie „brave“ Schülerinnen sehen, dann erleben Sie das leider immer noch in vielen Klassen: Die Lehrerin liest vor, die Schülerinnen schreiben mit. Oder, die Lehrerin liest vor, eine Schülerin wiederholt, dann eine andere noch einmal. Abschließend müssen die Schülerinnen das Gehörte auswendig wiedergeben. Die Repetition ist dann auch die Hausaufgabe. Allerdings gibt es genug Klassen, da geht es anders zu, lebhaft, lebendig, da wird Eigenarbeit gefordert, Wettbewerb Das sind vor allem die. Deutsch- und Englischklassen aber auch in Mathematik, Physik. Diese Art des Unterrichts habe ich noch bei keiner anderen afghanischen Schule erlebt. Allerdings, naturwissenschaftliche Versuche wie in der Aysha-e Durani-Mädchenschule erlebt man bei uns nicht – weitgehend Kreideunterricht. Die Labors sind schon seit Jahren zu Klassenzimmern umfunktioniert, die Laborgeräte hinter Schloss und Siegel.

Das Mittagessen auf dem Blechteller wird Ihnen nicht schmecken: drei- bis viermal wöchentlich Reis mit Hülsenfrüchten, einmal Reis mit Kartoffeln, einmal Reis mit Gemüse. Erleben Sie unsere Schülerinnen einmal beim Mittagessen! Eine riesige, fröhliche Schulgemeinschaft!

Am Nachmittag würden Sie sich am liebsten zwischen die Schülerinnen setzen und mit diesen zusammen Hausaufgaben erledigen. Aber es ist kein Platz für Sie. Die Zimmer sind voll. Jede Klasse ist eine große Familie. Die „Aufsicht habenden“ Lehrerinnen sind mütterliche Begleiterinnen und Helferinnen. – Es hat lange gedauert. Nun haben die Mädchen die nachmittägliche Chance verstanden und nutzen sie. Zu ihrem Vorteil, wie die Ergebnisse der Zwischenprüfungen zeigen.

Die drei deutschen Expertinnen bringen die Schule in vielfältiger Weise voran. Ob sich auch noch eine deutsche Computerlehrkraft finden lässt?

Die große, vom ZONTA-Club Bad Säckingen gesponserte Solar-Reflektoranlage für Energiesparkochen nimmt über dem Kantinedach Gestalt an und soll im Frühsommer 2010 in Betrieb genommen werden.

Der afghanische Vizeminister für Berufsschulen hat das WG Jamhuriat zu seiner Lieblingsschule erkoren, zur Pilotschule für neu zu gründende Wirtschaftsschulen in den Provinzen. Der DED nimmt das WG J als neues Betätigungsfeld wahr. Die bald beginnenden acht Wochen dauenden freiwilligen Winterkurse werden jetzt vom Deutschen Entwicklungsdienst finanziert. Zwei Theaterstücke in Deutsch und Englisch will einem DED-Theaterwissenschafler einstudieren.

Am letzten Tag meines Kurzbesuchs spricht mich Lena S. aus einer 12. Klasse an: „Gibt es denn kein Stipendium für gute Schülerinnen?“. Es war der 4. Oktober. Viele engagierte Menschen, viele glückliche Zufälle, eine gute Portion an Management, die Bereitschaft des FAOK-Vorstands, für Flugkosten und Versicherungen aufzukommen, bringen das Wunder zustande, dass die beiden Besten in der ersten von der ZfA veranstalteten zentralen Deutschprüfung ( Lena ist mit dabei) am 16. Dezember nach Fraport fliegen werden, um dann 8 Wochen als Gäste in zwei Radolfzeller Familien zu leben. Im Friedrich-Hecker-Gymnasium werden sie je eine 10. Klasse besuchen. Ist das nicht phantastisch!

Mein Bericht zeigt nichts Besonderes. Er versucht, das normale Schulgeschehen zu skizzieren. Schreckensmeldungen gab und gibt es täglich genug.

Das gesamte afghanische Leben, auch das Schulleben wurde von der vermaledeiten Wahlzeit tangiert. Dennoch, es ging weiter voran mit dem Mädchen-Gymnasium Jamhuriat. Sie haben in den letzten Jahren immer wieder für unsere Bildungsförderung gespendet. Mit Ihrer Hilfe wollen wir auch weiterhin alle drei von uns geförderten Schulen unterstützen. Nur Bildung verhilft den jungen Afghanen Kraft und Hoffnung für ihre Zukunft! Bleiben Sie uns treu!

Mit vielen guten Wünschen für ein friedvolles Jahr 2010, einem Jahr mit weniger Schreckensmeldungen aus Afghanistan senden Detlef und Ruthild Meyer-Oehme Ihnen allen herzliche Grüße für frohe und erholsame Weihnachtstage

P.S. Nur drei Tage nach meiner Rückkehr ereignet sich neben der Indischen Botschaft jener schreckliche Terroranschlag, 12 Tote, 80 Verletzte. Täglich habe ich diese Stelle überschritten. Im WG Jamhuriat bersten Fensterscheiben. Die Detonation muss furchtbar gewesen sein. Die Mädchen schreien, weinen, sind völlig verzweifelt, Elternanrufe. Der Vizeminister kommt. Die Busse bringen die Schülerinnen sofort nach Hause. - Würden Sie liebe Leser/innen Ihre Kinder weiter in diese Schule schicken? - Am nächsten Schultag sind alle Mädchen da. Ist das nicht Zeichen genug, so eine Schule weiter zu unterstützen?!