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Förderverein Amani-Oberrealschule / Kabul (FAOK) e.V.
Vorstandsvorsitzender: Dr. Detlef Meyer-Oehme
Schriftführerin: Ruthild Meyer-Oehme
Im Weingärtle 2
D-79424 Auggen
Tel.: 07631-170659, Tel./Fax: 07631-747084; meyeroehme@t-online.de
Homepage: www.amani-ors-kabul.com
Ruthild Meyer-Oehme
79424 Auggen
Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang……..
drehen sich 12 runde Riesenreflektoren, zusammengefügt aus einer Vielzahl von kleinen Spiegelchen, auf dem Dach der Essräume des Wirtschaftsgymnasiums Jamhuriat mit unserem Himmelsgestirn.
Für den 12. Juli 2010 lädt das Sonnenkocherkommittee des Zonta Club Bad Säckingen Area mit dem Aufruf: „Es ist geschafft! Die Solarküche in Kabul ist fertig!“ zu einer kleinen Feier in der Werner Kirchhofer Realschule ein.
Vor zwei Jahren wurde hier in dieser Schule am Hochrhein die grandiose Idee des Sonnenkochens geboren. Es waren mutige, einfallsreiche, tatkräftigen Zonta-Frauen die mit Zähigkeit und Energie aus dieser Idee Wirklichkeit werden lassen.
Der aus Afghanistan stammende deutsche Ingenieur Moh. Sabur Achtari übernimmt die Planung, dann die gesamte Koordination des Riesenprojekts, er organisiert die Fertigung der großen Parabolspiegel aus vielen kleinen Teilflächen in Kabul. Er findet in Georg Westermayer vom German Medical Service und dessen vorzüglicher Werkstatt mit ihrer afghanischen Mannschaft einen Partner, der unvorhersehbare Schwierigkeiten mit zuzüglicher Hilfe seines deutschen Statikers meistert. Das Kantinendach, mit Wellblech gedeckt, hält die Riesenbelastung von 12 x 1,5 t niemals aus. Ähnliche Anlagen von Schefflerreflektoren stehen bereits in viel größerer Zahl in Indien, allerdings in Rajastan auf dem Wüstenboden. Dort kauft Ing. Achtari die 3 jeweils 200 l fassenden Edelstahl-Doppelwandtöpfe für das Dampfkochen. Viele Schwierigkeiten gab es beim Transport beim afghanischen Zoll! In Indien wird auch der eigens eingeflogene leitende Afghane der Kabuler Firma Achtaris, ETC, für seine Weitergabe der Dampfkochkunst an die Köche des WG J geschult. Bald darauf findet in Kabul ein erster Erfolg versprechender Probekochlauf statt. Doch noch können die Reflektoren ihre Zauberkunst nicht starten. Am Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat sind wegen zu erwartender Unruhen um den 20. Juli herum, im Zusammenhang mit der Internationalen Konferenz vieler Aussenminister vorgezogene Zwischenprüfungen. Da gibt es keine Hausaufgabenbetreuung, also wird auch nicht gekocht. Anschließend beginnen die ersehnten (Hitze)-Sommerferien und dann setzt der Fastenmonat ein. So werde ich bei meinem nächsten Besuch Anfang September zum eigentlichen „Arbeitsbeginn“ der Sonnenkollektoren Zeuge des Anbruchs einer neuen Koch-Ära sein falls mein Kabul-Aufenthalt nicht durch Unruhen im Zusammenhang mit den dann bevorstehenden Parlamentswahlen unmöglich gemacht werden sollte.
Am 16. März stehe ich auf dem Kantinendach, balanciere über ein Eisenstangengewirr auf dem Zick-zack-Laufsteg und stelle mir vor, was passiert, wenn Majid oder Scher beim allmorgendlichen Justieren, beim allwöchentlichen Waschen der Reflektoren einmal stolpern. Afghanen bewegen sich wie Affen mit nachtwandlerischer Sicherheit wird mir darauf geantwortet. - Das grellglitzernde Feld der 12 Parabolspiegel die damals noch auf ihren Abtransport zum WG J am Salang Wat warten, durchstreife ich bald danach auf dem Gelände der ETC.
1. Im Lycée Jamhuriat gibt es nicht viel Neues.
- Wie alle Frühjahre wieder warten Eltern geduldig vor der Direktion, um ihre Töchter in die Schule anzumelden, was dann wieder nicht gelingt, denn immer noch ist die Mädchenmadrasa im gleichen Gelände. Manchmal allerdings muss unsere Direktorin dem Ersuchen nachgeben Familienbeziehungen zu hochstehenden Persönlichkeiten. So werden aus den 1300 Schülerinnen des WG J in diesem Schuljahr 1400. Ein Flur wird abgesperrt, das 10. Klassenzimmer-Provisorium wird geschaffen. Bei der Mädchen-Madrasa Bibi Aysha-e Sediqa drängen sich weiterhin Direktorin Rawzia, ihre Stellvertreterin, aller Lehrerinnen, die Verwaltungsfrauen, die Putzfrauen in einem einzigen Raum. Ausserdem gibt es neben den 4 Zelten im Hof noch weitere 4 Dauerprovisorien im kleinen Schulgebäude. „Unsere“ beiden Computerräume bleiben jedoch weiterhin unangetastet.
- Wie alle Frühjahre steht die Direktorin den Kampf mit den Busfahrern um höhere Löhne durch ein nervenaufreibendes Schauspiel!
- Wie zu jedem Schulbeginn läuft das Gerangel der Moudira-Saheb Nasrin-jon mit den verschiedenen Abteilungen des Ministeriums wegen Bezahlung der Stromkosten des vergangenen Schuljahrs. Augenblicklich sind „wir“ zu Schulbeginn noch ohne Elektrizität.
- Scher braucht Geld für den Lebensmittelgroßeinkauf für die Küche.
- Die Schülerinnen kommen mit 1000 Fragen, die Lehrerinnen mit ihren Problemen. Es gibt Ärger mit der dummen Schulverwaltung, „Chanum Moia“ benötigt die Unterlagen für die Abrechnung über das vergangene Halbjahr. - Vorsprache der Direktorin beim neuen Vizeminister, da muss „Chanum Moia“ gleich mit.
- Wie das vergangene Frühjahr wird die Vizedirektorin die Busgeldbeteiligung der Schülerinnen einsammeln. 300 AFN = 6$ sind es bis zu den Sommerferien pro Kind. Manche Witwe kann auch dieses Sümmchen nicht aufbringen.
- Wie im vergangenen Frühjahr bereitet die Vizedirektorin den Druck der Schülerkarten vor,
Wird sie Stundenplanänderungen vornehmen,
Wird sie den Plan für die nachmittägliche Hausaufgabenbetreuung machen
Doch dann lässt die Vize-Direktorin ausgerechnet zu Schulbeginn eine kleine Operation am Augenlid durchführen! Nichts geschieht. Alles Planen war umsonst. Die Direktorin hat noch mehr Arbeit. Die Busse sind restlos überfüllt, denn man kann noch ohne Ausweis fahren. Der Koch bereitet zu wenig Mahlzeiten, denn man kann noch ohne Ausweis essen. Niemand kann kontrollieren.
- Wie bei jedem Schuljahrbeginn teilen die afghanischen Lehrerinnen die Bücher aus.
Die deutschen Kolleginnen lassen jedes Buch katalogisieren und den Empfang mit Unterschrift bescheinigen - Kampfansage gegen Jahresschwund.
- Wie im Vorjahr wird von den deutschen Fachlehrerinnen mit ihren afghanischen Kolleginnen der gesamte Unterricht gemeinsam geplant und vielfach auch gemeinsam vorbereitet.
- Neu ist: Der Sprengstoffanschlag Anfang Oktober im Vorjahr bei der nahen Indischen Botschaft muss wohl doch seine Spuren am Gebäude hinterlassen haben. Im Winter hat es im Oberstockwerk an vielen Stellen“tschakakt“ = durchgeregnet. Der Deutschraum erhält eine neue Decke. Sie ist natürlich zum Unterrichtsbeginn noch nicht fertig. Alle übrigen Gänge und Klassenzimmer dürfen auf Anordnung des deutschen Koordinators aus Sicherheitsgründen von den beiden deutschen Lehrerinnen nicht betreten werden.
- Neu sind auch die 30 vom DED gestifteten Computer, alle mit Flachbildschirmen Zwei modernst eingerichtete Computerräume sind wirklich eine phantastische Sache.
Während der Wintermonate hatte der DED ein Winterschulprogramm (Computerunterricht, Deutsch, Englisch) sowie 4 Schulbusse subventioniert. Die Schülerinnen sind restlos begeistert über das tolle Angebot in jedem der Fächer für die Klassen 8 12.
- Am 8. April wird die Aufführung von selbst geschriebenen Theaterstücken in Dari, Deutsch und Englisch geboten werden. Die Einladungen, auch an die Deutsche Botschaft, sind schon verschickt. Allerdings wird diese Darbietung nicht in der großen mit Bühne versehenen Halle sondern unter freiem Himmel stattfinden erdbebengefährdet, nach Urteil eines deutschen Ingenieurs.
2. Kurzbesuche in anderen Schulen
In der AORS zeigt mir der deutsche Koordinator begeistert die Erfolge seiner Modernisierungsideen an den Sportanlagen.
Die afghanische Direktorin ist bei meinen mehrfachen Besuchen nicht anwesend. Man merkt, dass die Schule teilweise ein führerloses Schiff ist: Abwesenheit der Lehrer, Unpünktlichkeit, falscher Einsatz der Lehrer: eine ausgebildete afghanische Deutschlehrerin muss Pashtu unterrichten, dagegen wird eine 6. Klasse (angeblich) von einem afghanischen Kollegen unterrichtet, der kein Wort Deutsch kann. Eine ausgebildete Chemikerin muss Physik unterrichten. Chemieunterricht fällt aus.
Das Gros der Schüler kann kein Deutsch. Immer wieder werde ich auf Englisch angesprochen. Auf die AORS zu gehen, ist ein Privileg. Englisch lernt man dann in Kursen am Nachmittag. Nach Voranmeldung besuche ich die beiden deutschen Fachkollegen. In ihren Leistungsklassen wird die Elite gefördert. Um den übrigen Deutschunterricht an der Schule scheint man sich nicht zu kümmern.
Die afghanischen Kollegen/innen sind unglücklich über den augenblicklichen schon lange andauernden Zustand und schwärmen von vergangenen Zeiten.
Am Aysha-e Durani-Schulgebäude, dem von Deutschland einst so wunderschön renovierten „Stadt-Schloss“ nagt bereits der Zahn der Zeit. In diesem von der ZfA / Köln mit 2 DaF-Expertinnen unterstützten Mädchen-Gymnasium herrschen Ordnung und Disziplin. Wieder ist Deutsch als in Zukunft einzige Fremdsprache von unten eine Klassenstufe höher gerückt. Nur in der Oberstufe wird noch nach einem primitiven in Kabul gedruckten Englischbuch unterrichtet. Die Direktorin kann in Ruhe würdevoll in ihrem großen Salon über ihre ca. 50 Lehrerinnen und 1300 Schülerinnen residieren.
In diesem Frühjahr mache ich es wahr, den Besuch im wohl größten Mädchengymnasium Kabuls, dem Lycée Sarghuna am Rand der Shar-e Nau.: 8500 Schülerinnen werden hier in zwei Schichten am Morgen und Vormittag von216 Lehrerinnen, 3900 Schülerinnen in einer Zweigschule am Nachmittag von 108 Lehrerinnen unterrichtet. 55-60 Schülerinnen hocken in jeder Klasse auf dem Boden. Für Schulmöbel ist kein Platz. Längst reichen die Klassenzimmer nicht mehr aus. Zelte stehen im Hof. Ein Neubautrakt zeigt erste Konturen. Der Einzugsbereich des Lycée Sarghuna ist groß. Trupps von Mädchen laufen 35 min. zu Fuß. Das enge, einfache Zimmer der zierlichen, klugen, sympathischen Direktorin wirkt nicht wie eine Kommandozentrale. Ohne jegliche ausländische Unterstützung leistet sie hier Großartiges.
3. Wie bei jedem allhalbjährigen Kabulbesuch gilt es auch in diesen drei Wochen wieder, „Klinken zu putzen“.
„Ich werde dafür sorgen, dass die Mädchenmoscheeschule so schnell wie möglich ein eigenes Gebäude bekommt!“ postuliert lautstark und vollbrustig ein neuer Vizeminister im Erziehungsministerium. Schließlich wird ein lächerliches, wiederholt verbessertes Briefchen von der Sorte daraus, die schon seit2005 x-fach verfasst, unterschrieben und gestempelt worden waren.
Der für die Berufsschulen zuständige neue Vizeminister scheint sich bei meinem ersten Besuch (zusammen mit der Direktorin des LJ) lustig zu machen. Er bestellt mich telefonisch noch einmal ins Ministerium, lässt sich verleugnen, empfängt mich nicht, lässt mich zum drittenmal antichambrieren , nur um mir dann mitzuteilen, die Direktorin solle in der Sache der Erlaubnis der Schulunterstützung durch den FAOK und der finanziellen Beteiligung der Schülerinnen am Bustransport einen Brief verfassen. Drei Vormittage mit Taxifahren durch Verkehrschaos und Abgasschwaden auf holpernden Schlaglochstraßen sind vertan! Inzwischen wurde der Mann abgesetzt.
Auf der Deutschen Botschaft bringt man auf höchster Ebene der Arbeit am Wirtschaftsgymnasium Jamhuriat großes Interesse entgegen. Ob allerdings die Januar 2011 geplante Einladung der Direktorin und Vizedirektorin vom Auswärtigen Amt in Berlin unterstützt werden kann, bleibt offen. Die neue Kulturreferentin lässt in diesem Zusammenhang jegliche Kooperation vermissen. Dass sämtliche Angehörige deutscher Nichtregierungsorganisationen ihre Post über die deutsche Feldpostadresse in Darmstadt erhalten dürfen, nicht aber die deutschen Expertinnen an den verschiedenen Schulen, scheint auf der Botschaft niemand zu stören. Dies macht u.a. auch jeglichen sicheren postalischen Kontakt des FAOK mit Afghanistan unmöglich.
Der Hauseigentümer meines winzigen Zimmers will 3 ½ mal so viel Miete. Wie ein Damoklesschwert hängt all die Tage in Kabul über mir „Wo soll ich hin?“ Deutsche Freunde helfen. Ich finde für das „Bürole“Unterkunft im Süden der Stadt in von Pashtunen bewohntem Gebiet. Hier soll ich mich möglichst auf der Straße nicht blicken lassen. Ich darf nicht einkaufen, kein Taxi anhalten. Ich bin zu einer „Expertin“ hinter Mauern geworden.
In all den vergangenen Jahren habe ich nur ungern von der geliebten afghanischen Hauptstadt Abschied genommen. Diesmal bin ich unendlich froh, als ich im Flugzeug sitze und auf den Start warte. Er verzögert sich um eine Stunde, weil Präsident Karzai von irgendwo her sicher landen muss.
4. FAOK-Streiflichter aus Deutschland
Am 3. Februar bedanken und verabschieden sich die beiden afghanischen Jamhuriat-Schulstipendiatinnen in einem eindrucksvollen Vortragsabend im Radolfzeller Friedrich-Hecker-Gymnasium. Dieses FAOK-Stipendienprogramm soll auch in Zukunft fortgesetzt werden.
Der Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Olaf Specht kümmert sich weiterhin um die Dari-Übersetzung seines für die Wirtschaftsabteilung des Lycée Jamhuriat notwendigen Lehrwerkes und organisiert in diesem Zusammenhang ein Benefizkonzert.
Trotz meines langen Schweigens bleiben uns viele Spender des FAOK treu. Sie ermöglichen die Fortsetzung der verschiedenen Hilfsprogramme auch in Zukunft. DANKE !
Der nächste Flug nach Kabul ist für den 6. September gebucht, das Visum beantragt.
Dann werde ich es erleben:“Vom Aufgang der Sonne, bis zu ihrem Niedergang“ werden sich die Spiegel über dem Dach des Jamhuriat-Gymnasiums mit unserem Licht- und Wärmespender drehen. Nach der Rückkehr werde ich singen können:
„Vom Aufgang der Sonne bis zu Ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn!“
Ruthild Meyer-Oehme
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