Übersichtsbeiträge zu Förderungsaktivitäten

Lycee Jamhuriat

Samstag, 20. Dezember 2003

Arbeitsgruppen - Dimensionen des Wiederaufbaus

Mädchengymnasium Jamhuriat – Berufsbildende Schulen in auswegloser Situation?

Auf der Petersbergkonferenz im November 2001 postulierte Aussenminister Fischer die Förderung der weiterführenden Ausbildung für Mädchen. Das Auswärtige Amt wählte das berufsbildende Mädchengymnasium Jamhuriat aus, da diese Schule bereits in der Vor-Talibanzeit von deutscher Seite unterstützt worden war.

Vor- und Geschichte des Lycée Jamhuriat: Frau Marguerite Breshna, geb. Neufeind begann 1939 mit Deutschunterricht in Afghanistan. Eine ihrer Schülerinnen war Simin Askar.

Diese gründete 1957 die Prinzessin Bilqis-Schule, das spätere frauenberufliche Prinzessin Bilqis-Gymnasium. 1964 war zunächst eine deutsche Lehrerin in der Schneiderabteilung tätig. Ab 1967 begannen deutsche Lehrerinnen den Deutschunterricht aufzubauen. (Die Schülerinnen konnten zwischen Englisch und Deutsch als Fremdsprache wählen.)

Anfang der siebziger Jahre begann der Fremdsprachenunterricht mit Klasse 7. In der 10. Klasse konnten die Schülerinnen zwischen Sekretärinnenlaufbahn, Schneidern, Hauswirtschaft wählen. Die Verhältnisse im Bereich Deutsch waren 1973 (Beginn der Tätigkeit der Verfasserin) katastrophal. Neue Räume für ein kleines Deutschzentrum entstanden. Deutschland half mit Lehrmitteln verschiedenster Art (auch für den Schreibmaschinenunterricht in deutscher Sprache).

Mitte der siebziger Jahre fand eine Umwandlung der afghanischen Gymnasien in Gesamtschulen statt. Das Lycée Bilqis wurde durch die Eingliederung der Grundschule Ainu vergrößert. Auf dem Schulgelände entstand mit BMZ-Mitteln ein Neubau für die neuen Schulklassen (Fertigstellung 1979). Insgesamt wurden damals 4000 Schülerinnen unterrichtet.

Nach der so genannten Saur-Revolution im April 1978 wurde die Schule in Lycée Jamhuriat umbenannt. Verbunden mit der Machtübernahme der Kommunisten musste Simin Askar einer jungen Direktorin weichen, die wiederum ein Jahr darauf ihres Postens enthoben wurde, weil sie im kapitalistischen Ausland ein Fortbildungsstipendium wahrgenommen hatte. Der Unterricht lief in den achtziger Jahren irgendwie weiter. Dann setzten die Bürgerkriegswirren den Gebäuden zu.

In der Talibanzeit wurde die Mädchenschule wie alle übrigen geschlossen. Viele Gegenstände wie Nähmaschinen, Schreibmaschinen, Laborgeräte, Bücher konnten gerettet werden, ehe ein Taliban-Internat einzog.

Die neue Zeit

Bei seinem Besuch Anfang März 2002 irrt der Vertreter der ZfA / Köln gegen Abend durch die verödeten, ruinenhaft wirkenden Gebäudeteile.„Dies ist kein Gymnasium“, ist sein Kommentar. Damit wird das Lycée Jamhuriat von der Liste der von Deutschland zu unterstützenden Gymnasien gestrichen. Die Aysha-e-Durani tritt an seine Stelle.

Das Lycée Jamhuriat muss um sein Überleben kämpfen, denn eine Moscheeschule für junge Männer in einem Nebengebäude verhindert den Schulbesuch heranwachsender afghanischer Mädchen. Zudem befinden sich auf dem Schulgelände 8 Container, deren Inhalt die Deutsche Botschaft als hoch gefährlich einstuft. Am Jahresbeginn 2003 werden die Container mit dem Plunder des ehemaligen Taliban-Internats durch die ISAF abtransportiert. Im März 2003 fällt kurz vor Schuljahrsbeginn im Erziehungsministerium die Entscheidung: Die Moscheeschüler werden anderswo untergebracht. Daraufhin finanziert das AA eine sparsame Grundrenovierung eines Gebäudeteiles, des Toilettenhauses sowie des Hofes mit Basketballplatz.

Die afghanische Direktorin Najia Sayed und die deutsche Beraterin können den früheren Schultyp einer Gesamtschule wieder einführen. Deutsch als Fremdsprache beginnt mit Klasse 4. (Auch die Klassen 5, 6, 7 fangen mit DaF an.). In der Oberstufe gibt es erste Anfänge einer Abwendung vom hauswirtschaftlichen Zweig. Die Schülerinnenzahl wächst unter dem Jahr u.a. durch nach Kabul zurückkehrende Flüchtlingsfamilien auf 450. All die Monate über ist die Schule eine Baustelle, so dass die Klassen ständig umziehen müssen, die Schülerinnen vielfach in Räumen lernen, in denen gehämmert, gehobelt, gespachtelt, gemalt wird - und bei all dem lärmreichen Stress noch konzentriert sind. Das Lehrpersonal zählt 45 Personen.

Für 2004 ist eine vollständige Oberstufenreform geplant: Wahlmöglichkeit zwischen Büromanagement, Verwaltung, Buchhaltung mit Finanzwesen – alles unter Einsatz von Computern. Für den Unterrichtsaufbau in diesen Fächern sind zwei Lehrkräfte des Deutschen Entwicklungsdienstes zugesagt. Ab Klasse 9 soll einheitlich Englisch als 2. Fremdsprache gelehrt werden (ein Novum für afghanische Gymnasien). Man hofft auf die Mithilfe einer kanadischen Sprachlehrerin. Arbeiten am PC soll mit Klassenstufe 8 beginnen.

Aber: Wie ist moderner Unterricht ohne geeignetes Lehr- und Lernmaterial möglich? Es fehlt an Allem. Ein Hilferuf an Frau Ministerin Wieczorek-Zeul blieb ungehört Die deutsche Beraterin bemüht sich, private Spenden in Europa locker zu machen, in Deutschland Laptops zu sammeln. Ein Transport normaler PCs kommt viel zu teuer. Der „Förderverein Amani-Oberrealschule / Kabul (FAOK) hat seine Unterstützung zugesagt.

Wer wird das Geld für die Renovierung vom restlichen 2/3 der Gebäude zur Verfügung stellen?

Das Jamhuriat Gymnasium ist nicht die einzige früher von Deutschland geförderte berufsbildende Schule

Die Technische Höhere Schule Kabul, wurde 1937 von Deutschen als Technikum Kabul gegründet. Jahrzehntelang waren deutsche Handwerker als Ausbilder in allen nur denkbaren technischen Berufen tätig. Heute unterrichten hier 85 afghanische Lehrer 850 Schüler in zwei Schichten – mit nichts. Autos werden auf dem Papier repariert. Sogar das fehlt meist. Die Werkstätten sind zugige, staubige Hallen mit Schrottansammlungen. Das Goethe -Institut stellt moderne Lehrbücher zur Verfügung. Die Beraterin weist die afghanischen Deutschlehrer das ganze Schuljahr über in deren Gebrauch ein. Eigentlich ist alles umsonst. Denn Deutschland wird auch diese Schule nicht mehr fördern, genau so wenig wie die höhere Schule für Kunst und Handwerk, an der Kartographen und Geodäten ausgebildet werden sollen.

Das BMZ hat folgende Direktive ausgegeben. „Die Schwerpunkte deutscher Entwicklungszusammenarbeit (EZ) wurden in Abstimmung mit anderen Gebern auf die Sektoren Wirtschaft, Wasser und Energie festgelegt.

Auf Grund dieser Festlegung ist es für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit nicht möglich, Mittel für Projekte zuzusagen, die ausserhalb der oben genannten Schwerpunkte liegen.“

Zur Unterstützung und Förderung von Wirtschaft sind nicht nur Wasser und Energie sondern vor allem ausgebildete Menschen eine Grundvoraussetzung. Besonders wichtig ist es, gerade Mädchen und Frauen die Möglichkeit zu geben, in der Wirtschaft als geschulte Kräfte zu arbeiten. Bildung und Ausbildung von Mädchen ist Grundvoraussetzung für ihre Integration im modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsleben. Wenn man ihnen dazu nicht verhilft, lässt man sie weiter im Ghetto der Großfamilie.

Wie ist die deutsche augenblickliche Bildungspolitik in Einklang zu bringen mit Aussenminister Fischers Forderung auf dem Petersberg: „Wir werden uns vor allem auf die Wiederherstellung der Bildungseinrichtungen und Verwaltungsinfrastruktur und auf die Einbeziehung von Frauen und Mädchen in den Aufbau der Zivilgesellschaft konzentrieren.“?


Bereits zaghafte Einzelschritte entgegen der staatlichen Direktive

·Das AA hat in der Jamhuriatschule eine Teilrenovierung vornehmen lassen.

·Das Goethe-Institut unterstützt den Deutschunterricht mit Büchern und fördert die Ausbildung von Deutschlehrern.

INWENT bildete in zwei Seminaren 14 Führungs- und Lehrkräfte für ihren Beruf in afghanischen Berufsschulen aus und wird dies in Zukunft fortsetzen.

Ob die beiden Petitionen von Mitgliedern der XVII. Iserlohner Afghanistan-Tagung eine Änderung der deutschen Bildungspolitik herbeiführen werden?

Ruthild Meyer-Oehme, Auggen und Kabul